12.01.2002 · Das deutsch-niederländische Vorauskommando für die Friedenstruppe in Afghanistan bekommt die Probleme des Landes am eigenen Leib zu spüren. Eine Reportage.
Von Joe Cochrane, dpaDie deutschen Soldaten der internationalen Schutztruppe brauchten nicht lange, um herauszufinden, wie unwirtlich Afghanistan im Winter ist. In ihrer eigenen Unterkunft erfuhren sie das am eigenen Leibe. An ihrem ersten Morgen in Kabul erwachten die Soldaten in einem Gebäude ohne Fenster, Strom und fließendes Wasser. Während draußen ein gefrierender Nieselregen die Stimmung dämpfte, konnten die Männer drinnen von einem schönen Frühstück nur träumen. Für sie gab es nur typische Ein-Mann-Rationen der Bundeswehr sowie Mineralwasser aus der Flasche.
Aber es hätte noch schlimmer kommen können für die 50 Deutschen, die mit etwa 300 Kameraden aus Großbritannien, den Niederlanden, Österreich und Dänemark in einer ehemaligen Coca-Cola-Fabrik im Nordosten Kabuls untergekommen sind. Den Soldaten, die in den nächsten Tagen und Wochen zur Verstärkung eintreffen werden, bleiben nur Zehn-Mann-Zelte auf dem Fabrikgelände als Unterkünfte. Zum Schutz der Unterkünfte sind Sandsäcke am Eingang zum Fabrikgelände aufgetürmt. Und die schwer bewaffneten Wachposten tragen kugelsichere Westen unter ihren Winteruniformen. Tragbare Heizgeräte und Luftmatratzen haben die erste Nacht etwas erträglicher gemacht, und weitere Verbesserungen sind absehbar.
Feldküche wird noch geliefert
An diesem Sonntag soll eine Feldküche eintreffen, und wie Oberstleutnant Dietmar Jeserich, der Verbindungsoffizier der Einheit, sagt, wird auch ein Notfalllazarett auf dem Gelände errichtet. Die Soldaten werden allerdings nur wenig Zeit haben, sich um ihr Wohlbefinden zu sorgen. Am Montag werden sie ihre Streifengänge durch die zentralen und nördlichen Bezirke Kabuls beginnen. Sie sollen gemeinsam mit afghanischen Einheiten für Sicherheit in Kabul sorgen.
In der Hauptstadt ist es im Großen und Ganzen ruhig geblieben, seit die Nordallianz im November vergangenen Jahres die Taliban vertrieb. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Stadt sicher geworden wäre. In ihrer dienstfreien Zeit werden sich die Soldaten zur Sicherheit nur auf dem Fabrikgelände aufhalten. „Wir werden keine Zeit zum Spazierengehen haben“, sagt Oberstleutnant Jeserich. „Wir haben mit Patrouillen und Aufklärung genug zu tun.“
Hilfe für Übergangsregierung
Ihre anspruchsvolle Aufgabe ist es, der afghanischen Übergangsregierung zu helfen, den Frieden in einem Lande zu bewahren, das seit 23 Jahren nur Krieg erlebt hat. Am Samstag besprach der Kommandeur der deutschen Einheit, Brigadegeneral Carl Hubertus von Butler, erstmals die Lage in der Stadt mit Polizeigeneral Chalil Chan, der für die Stadtbezirke zuständig ist, in der die Truppen eingesetzt werden.
„Wir sind sehr glücklich, dass die Soldaten uns helfen, die Sicherheit in Afghanistan zu bewahren“, sagte Chan nach dem Treffen. General von Butler berichtete, dass seine Leute sehr glücklich über den herzlichen Empfang in Kabul gewesen sein. Seine Miene verdüsterte sich allerdings, als er gefragt wurde, was das Schlimmste sei, das er seit seiner Ankunft gesehen habe. Seine spontane Antwort lautete: „All die Kinder ohne Schuhe in den Straßen.“