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Terror in Rußland Dutzende Tote in Schule von Beslan

 ·  Das Geiseldrama im Nordkaukasus hat ein gewaltsames Ende gefunden. Russische Elitetruppen haben die von Terroristen überfallene Schule von Beslan gestürmt. Inwischen berichtet die Agentur Interfax von Dutzenden Toten und Hunderten Verletzten.

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Nach mehr als 50 Stunden haben russische Spezialeinheiten das Geiseldrama in der Kaukasusrepublik Nordossetien am Freitag mit Waffengewalt beendet. Dutzende Menschen, darunter mindestens fünf Geiselnehmer, sollen getötet worden sein, mindestens weitere 400 verletzt.

Wie die Nachrichtenagentur Interfax meldete, sollen einige von ihnen durch den Einsturz des Daches der Turnhalle, in der sie festegehalten wurden, getötetet oder verletzt worden sein. Die Spezialkräfte begannen den Sturm auf die Schule in Beslan, nachdem mindesten 30 Geiseln überraschend flüchteten und die Geiselnehmer ihnen nachschossen, wie der örtliche Krisenstab berichtete. In dem allgemeinen Chaos gelang auch einigen Geiselnehmern die Flucht. Eine Gruppe verschanzte sich in einem Gebäude neben der Schule und setzte die Gefechte mit Sicherheitskräften fort.

Die russischen Sondereinheiten sollen die inzwischen vollständig die Kontrolle über des Gebäudes übernommen haben. Das berichtete Interfax unter Berufung auf den Krisenstab. Fernsehbilder konnten kein eindeutiges Bild der Situation zeigen. Immer wieder sind Schüsse zu hören -auch in der Schule. Das Fernsehen zeigt auch Bilder von verletzten Soldaten. Die Behörden hatten die Zahl der Toten zunächst mit sieben angegeben.

Weiter Gefechte mit Geiselnehmern

Es gibt bislang keine eindeutigen Zahlen, wieviele Opfer es gegeben hat, ob tasächlich alle Geiseln befreit wurden oder einige noch in der Hand der Terroristen sein könnten. Zuletzt sprachen freigelassene Geiseln von mehr als tausend Menschen, die in der Gewalt der Geiselnehmer gewesen sein sollen. Offiziell waren es noch rund 300 Geiseln.

Die russischen Spezialkräfte sprengten laut Itar-Tass ein Loch in die Außenwand der Schule. Damit sollte den Geiseln die Flucht aus dem Gebäude erleichtert werden. Kampfhubschrauber kreisten über der Szene. Ein Dach der Schule soll nach einer Explosion eingefalllen sein.

Chaotische und dramatische Situation

Am Freitag morgen hatte zunächst nichts auf ein rasches Ende der Geiselnahme hingedeutet. Vertreter des russischen Krisenstabs sprachen von zähen Verhandlungen mit den Geiselnehmern um die Erlaubnis, den hunderten seit zwei Tagen festgehaltenen Geiseln Wasser und Lebensmitteln zukommen zu lassen.

Nach zweitägigem Nervenkrieg überschlugen sich gegen Mittag plötzlich die Ereignisse. Vor der Schule herrschte Chaos. Immer wieder fuhren Rettungswagen vor das gestürmte Gebäude, leblos wirkende Körper werden weggetragen. In einem provisorischen Lazarett liefen weinende Kinder und Frauen umher, manche von ihnen unbekleidet. Sie schienen am Ende ihrer Kräfte zu sein. Soldaten trugen zum Teil mehrere Kinder auf den Armen. Es sind aber bisher keine männlichen Geiseln zu sehen. Der Sender CNN berichtete, die Rebellen hätten die Männer möglicherweise von den Frauen und Kindern getrennt und brutal behandelt.

Ein örtlicher Abgeordneter sagte dagegen, 20 erwachsene Männer seien willkürlich ausgewählt und gezielt getötet worden. Quellen für diese Information nannte er nicht.

Sondereinheiten der russischen Armee hatten Stellungen in der Nähe des Gebäudes gehalten. Nach Angaben des Rundfunks waren am Freitag mehrere Terroristen zunächst mit zwei Fahrzeugen entkommen. Unter ihnen waren auch zwei Frauen, die Kleider ihrer Geiseln angezogen hätten. Wieviele Terroristen sich an der Geiselnahme beteiligt hatten, ist unklar, ebenso, wieviele auf der Flucht sind. Terroristen sollen Geiseln als menschliche Schutzschilder genommen haben.

Korrespondenten berichten aus Beslan, daß es am Morgen eine Übereinkunft gegeben habe, nach der den Behörden erlaubt worden sei, Tote vom Schulhof zu räumen. Kurz darauf seien Autos vor der Schule vorgefahren, möglicherweise eine Finte des Krisenstabes: Schießereien hätten begonnen, Kampfhubschrauber seien aus allen Richtungen angeflogen. Offenbar hatte damit der Sturm der Schule begonnen.

Selbstmordattentat am Mittwoch?

Nach Angaben freigelassener Frauen sollen sich zwei Terroristinnen bereits am ersten Tag mit mehreren gefangenen Männern in die Luft gesprengt haben. Das will die örtliche Presse in der nordossetischen Stadt Beslan erfahren haben. Bei dem Zwischenfall am Mittwoch abend seien bis zu 21 Männer getötet worden, hieß es. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es nicht. Zu der fraglichen Zeit waren aus dem abgeriegelten Schulgebäude starke Explosionen zu hören gewesen. Andere freigelassene Geiseln bestätigten das Selbstmordattentat nicht. Allerdings seien die beiden Terroristinnen am Donnerstag, dem zweiten Tag des Geiseldramas, nicht mehr in der Turnhalle aufgetaucht, hieß es.

Einsatzkräfte hatten am Freitag morgen den Absperring um die Schule von Beslan ausgeweitet. Der Einsatzstab begründete die Maßnahme mit notwendigen Sicherheitsvorkehrungen. Die Terroristen hatten in der Nacht mit Schüssen einen Polizisten verletzt, der sich offenbar zu nah an das Gebäude gewagt hatte. Zudem feuerten die Geiselnehmer mehrfach mit Granatwerfern.

Experten erwarteten gewaltsame Lösung

Trotz der Zusage des russischen Präsidenten Wladimir Putin, alles für die Sicherheit der Kinder und Erwachsenen zu tun, waren Experten von einem gewaltsamen Ende des Geiseldramas ausgegangen. „Die Russen werden die Schule zweifellos stürmen, wie sie es auch zuvor immer wieder getan haben“, hatte der Sicherheitsexperte Adam Dolnik gesagt, der an einer Studie über die Geiselnahme in einem Moskauer Musicaltheater vor zwei Jahren mitgearbeitet hat.

„Wenn sich die Lage in einer Weise entwickelt, daß das Leben von Geiseln bedroht ist, ist die Erstürmung die einzige Möglichkeit“, sagte auch der Analyst Boris Makarenko vom Zentrum für politische Technologie in Moskau. Die Versuche, mit den mutmaßlich tschetschenischen Geiselnehmern zu verhandeln, muteten wie ein Witz an, wenn man bedenke, daß Putin im Tschetschenien-Konflikt auf eine gewaltsame Lösung setze und Verhandlungen ausschließe.

Neuer Konflikt im Kaukasus?

Nun befürchteten Kenner der Region, daß die gewaltsame Lösung des Geiseldramas in Beslan Konflikte in der gesamten russischen Kaukasus-Region neu anfachen könnte. Ein Konflikt zwischen Nordossetien und dem benachbarten Inguschetien war zu Beginn der 90er Jahre beigelegt worden, könnte aber neu aufflammen, zumal die Geiselnehmer die Freilassung in Inguschetien inhaftierter Kampfgenossen forderten.

„Es sind ossetische Kinder (in der Schule von Beslan). Die Reaktion der Osseten könnte extrem gefährlich sein", sagte der Sicherheitsexperte Alexej Malaschenko der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden in Moskau. „Wir könnten kurz vor einem neuen Krieg stehen.“

Quelle: FAZ.NET mit Material von AFP/dpa/Reuters/AP
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