09.07.2005 · Durch die Anschläge in London sind nach jüngsten Angaben mehr als 50 Menschen getötet und etwa 700 verletzt worden, mehr als zwanzig unter ihnen schweben in Lebensgefahr. In dem zerfetzten Zug der Piccadilly Linie werden weitere Tote erwartet, die Bergung ist lebensgefährlich.
Bei den Bombenschlägen in London sind nach Angaben der Londoner Metropolitan Police mehr als 50 Personen getötet worden. Die Zahl der Verletzten wurde mit 700 angegeben. Von ihnen schwebten 22 Personen am Freitag noch in Lebensgefahr. Die Zahl der Toten könnte sich noch etwas erhöhen, gab die Polizei bekannt, da sich in dem zerfetzten Zug der Piccadilly Linie immer noch etwa 10 Tote befänden.
Die Zahl der Toten in dem Londoner Doppeldecker-Bus ist auf 13 gestiegen. Es seien alle Leichen aus dem Wrack am Londoner Tavistock Square geborgen worden, teilte ein Sprecher von Scotland Yard mit. Zuvor hatten die Behörden von mindestens zwei Toten bei dem Busanschlag gesprochen.
Grauenhafte Szenen
Die Rettungsmannschaften hatten am Freitag selbst 24 Stunden nach dem Attentat noch immer Schwierigkeiten, die zerstörten Waggons des Zuges tief im Tunnel zu erreichen. Die Detonation hatte den Zug mit einer solchen Wucht zerrissen, daß bei dem Tunnel Einsturzgefahr drohte und wegen der Rauchentwicklung Erstickungsgefahr für die Rettungsmannschaften bestand.
Innenminister Charles Clarke betonte, die Situation für die Rettungsmannschaften unten in dem Tunnel sei „extrem“, „gefährlich“ und „schrecklich“. Alle Überlebenden seien aber befreit worden, gab die Polizei bekannt. Augenzeugen hatten nach den Anschlägen von grauenhaften Szenen hilfloser Schwerstverletzter in den zerrissenen unterirdischen Zügen berichtet.
Sämtliche von den Anschlägen betroffenen Unglücksorte blieben am Freitag weiträumig abgesperrt und die entsprechenden Bahnhöfe geschlossen, um die Bergungsarbeiten und Tätigkeit der Fahnder zu erleichtern.
Sorge vor weiteren Anschlägen
Unterdessen betonte der Chef der Londoner Polizei, Ian Blair, daß es keinerlei Hinweise auf einen Selbstmord-Attentat gebe, auch wenn die umfangreichen Untersuchungen der Anschläge noch Wochen dauern würden. Mehrere britische und amerikanische Zeitungen spekulieren darüber, daß die Bomben in den drei U-Bahnen und einem Bus durch Zeitzünder zur Explosion gebracht wurden.
Blair sagte, die Anschläge hätten alle Merkmale von Anschlägen der Terrorgruppe Al Qaida. Es gebe voraussichtlich immer noch eine entsprechende Zelle von Terroristen. Ob die Terroristen sich noch in Großbritannien aufhielten, sei nicht bekannt. Da es sich aber voraussichtlich nicht um Selbstmord-Attentate gehandelt habe, sei anzunehmen, daß die Täter frei herumliefen und daher weitere Anschläge nicht ausgeschlossen werden könnten.
Angebliches Bekennerschreiben
Eine bisher nicht in Erscheinung getretene Gruppe des Terrornetz Al Qaida hatte sich kurz nach den Anschlägen im Internet zu den Anschlägen in London bekannt. Das Schreiben wird jedoch von Experten skeptisch bewertet. (Siehe auch: BND: Zweifel an Al-Qaida-Bekennerschreiben )
Der britische Außenminister Jack Straw vermutet Al Qaida hinter der Anschlagserie. „Es trägt die Handschrift eines Anschlags im Zusammenhang mit Al Qaida", sagte Straw am Rande des G-8-Gipfels im schottischen Gleneagles. Premierminister Tony Blair sagte in einer kurzen Fernseherklärung am Donnerstag abend, der Anschlag sei von Terroristen verübt worden, „die im Namen des Islams handeln.“ Er wisse aber, daß Muslime weltweit „diesen Akt des Terrorismus beklagen“.
London im Schockzustand
Die Londoner Bevölkerung reagierte am Freitag vorsichtig und folgte dem Aufruf der Polizei, wenn möglich, zu Hause zu bleiben. Etwa die Hälfte der Berufstätigen erschien nicht zur Arbeit und viele Geschäfte blieben geschlossen. Die Straßen waren teils wie ausgestorben. Zugleich funktionierte der Verkehr der Londoner Untergrundbahn wegen der abgesperrten Unglücksorte nur sehr eingeschränkt. Aus Furcht vor weiteren Anschlägen wurden am Freitag zeitweilig die Bahnhöfe Euston, Liverpool Street und Charing Cross evakuiert und geschlossen. Die U-Bahn hat inzwischen auf fast allen Linien ihren Betrieb wieder aufgenommen, geschlossen bleiben die Circle-, Hammersmith- und City-Linie.
Derweil besuchten Prinz Charles und die Duchess of Cornwall Verletzte des Anschlages im St. Mary Hospital im Londoner Stadtviertel Paddington. Etwa 100 Verletzte wurden am Freitag immer noch in den Krankenhäusern der Stadt wegen ihrer Schnitt- und Splitterwunden behandelt. Es gab aber auch zahlreiche Schwerverletzte mit Rauchvergiftung, Verbrennungen, geplatztem Trommelfell und Amputationen.
Warnung vor weiteren Anschlägen
Der britische Innenminister Charles Clarke hat an die Londoner appelliert, soweit wie möglich ihren üblichen Geschäften nachzugehen. Auch Clarke warnte vor weiteren Anschlägen in London Die Terroristen könnten abermals zuschlagen. „Wir müssen das Risiko eines weiteren Anschlags ernst nehmen. Deswegen setzen wir alles daran, die Täter zu finden“, sagte er der BBC.
Ein Augenzeuge, der in dem Doppeldeckerbus gesessen hatte, berichtete, in dem ein Sprengsatz explodierte war, habe er einen großen Mann gesehen, etwa 25 Jahre alt und mit dunklem Teint, der immer wieder in seine Tasche geschaut habe, berichtete der Businsasse über die Explosion am Tavistock Square. Der Mann sei ihm aufgefallen, weil er immer nervöser geworden war. Er selbst sei wenige Sekunden ausgestiegen, bevor die Bombe explodierte und das obere Deck des Busses zerfetzte.
Ein anderer Mann sagte mehreren Zeitungen, er habe zwei junge Frauen behandelt, die zum Zeitpunkt der Explosion mit dem Bus gefahren seien und ihm von einem Selbstmordattentäter berichtet hätten. „Sie haben gesagt, daß sich ein Mann hingesetzt hat und explodiert ist.“
Versehentliche Explosion?
Unter Berufung auf Polizeikreise hieß es, daß die Ermittler vor allem zwei Möglichkeiten über das Attentat im Bus untersuchten: Einen Selbstmordanschlag oder die versehentliche Explosion einer Bombe, die ein Attentäter eigentlich in einem weiteren U-Bahnhof zünden wollte. Es wäre das erste Mal, daß sich in Europa ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hätte. Blair lehnte Spekulationen darüber offiziell ab.
Um 8.49 Uhr Ortszeit - mitten im Berufsverkehr - war am Donnerstag die erste von vier Bombenexplosionen in der Londoner Innenstadt gezündet worden. Von den Explosionen getroffen wurden unter anderem ein U-Bahnzug zwischen den Stationen Aldgate East und Liverpool Street Station sowie ein anderer Zug zwischen Russell Square und King's Cross. Wenig später kam es auch zu der Explosion in dem Doppeldecker-Bus in der Nähe des Bahnhofes Moorgate.