29.11.2008 · Wir trösten uns mit dem Gedanken, zwischen uns und der Terrorgefahr lägen ja Tausende Kilometer. Dabei ist es den islamistischen Terrorristen ein Leichtes, die Welt aus den Fugen zu heben - zu jeder Zeit, an jedem Ort. Das haben die Tage des Terrors in Bombay abermals bewiesen.
Von Richard WagnerUm die Welt aus den Fugen zu heben, braucht es nicht viel. In der indischen Finanzmetropole Bombay, einem kaum zu beherrschenden Moloch mit bis zu 25 Millionen Einwohnern, genügten ein paar junge Männer, die Angaben schwanken zwischen 10 und 40, um die Stadt und ihre Menschen sechzig Stunden lang in Angst und Schrecken zu versetzen. Bewaffnet mit Maschinenpistolen, Handgranaten und Sprengstoff, überfielen die militärisch offenbar gut ausgebildeten Männer die Stadt und verwandelten sie in ein Schlachtfeld.
Erst nach wilden Feuergefechten gelang es Polizei und Streitkräften schließlich, die Oberhand zu gewinnen. Als die Kämpfe um die Luxushotels „Oberoi Trident“ und „Taj Mahal“ sowie das jüdische Gemeindezentrum am Samstag endeten, waren fast 200 Tote und dreihundert Verletzte zu beklagen. Unter den Toten befanden sich 18 Ausländer, unter ihnen drei Deutsche sowie acht Israelis oder amerikanische Juden; mindestens 11 Terroristen seien getötet worden, hieß es.
Präzise Planung, gnadenlose Brutalität
Schon sehr früh kursierte die Einschätzung, dies sei Indiens „11. September“ – und er war es. Darauf deuten nicht nur die Anschlagsziele, sondern auch die präzise Planung der Anschläge und die gnadenlose Brutalität, mit der die Mörder vorgingen, und denen ihr eigenes Leben auch nichts bedeutete.
Ganz so, wie bei den Todespiloten, die Amerika angriffen. Es hat zwar Selbstbezichtigungsschreiben gegeben von einer bis dahin noch nicht in Erscheinung getretenen islamistischen Gruppe namens „Deccan Mudschahedin“, aber nicht nur die indische Regierung, sondern auch amerikanische Geheimdienste zeigen Richtung Pakistan und vermuten die islamistischen Terrorgruppen „Lashkar-e-Taiba“ oder „Jaish-e-Muhammad“ als Drahtzieher hinter den Anschlägen.
Der indische Präsident Manmohan Singh hat schon gedroht, wenn in den Ursprungsstaaten des Terrors nichts unternommen werde, werde dies einen Preis haben. Islamabad hatte zunächst zugesagt, den Chef des wegen seiner Zusammenarbeit mit Usama Bin Ladin und den Taliban berüchtigten Geheimdienstes ISI nach Indien zu schicken; nach innenpolitischer Empörung soll nun ein Vertreter geschickt werden. Indien brüstet sich zwar gerne damit, der Terrorismus habe bei den 150 Millionen Muslimen im Land keinen Rückhalt. Die jüngsten Anschläge machen es indes schwer vorstellbar, dass die Angreifer keine lokale Hilfe hatten.
Eine neue indisch-pakistanischen Eiszeit
Zu befürchten steht nun auch, dass die Abkühlung des indisch-pakistanischen Verhältnisses, wo es zuletzt ja deutliche Annäherungen gegeben hatte, den globalen Kampf gegen den Terrorismus in Mitleidenschaft ziehen wird. Vor allem der gewählte amerikanische Präsident Barack Obama hat kein Interesse an einer neuen indisch-pakistanischen Eiszeit. Schließlich hat er sich vorgenommen, Afghanistan und die pakistanischen Stammesgebiete zum Zentrum des Kampfes gegen den Terrorismus zu machen; ohne Hilfe Islamabads kann das nicht gelingen. Diese Hilfe wird er aber nur bekommen, wenn Pakistan glaubt, seine Truppen von der Grenze zu Indien abziehen zu können. Und auch dann wird es weiterhin amerikanischen Drucks bedürfen, um sie zum Einsatz in den Stammesgebieten, den kaum zugänglichen Rückzugsräumen von Al-Qaida- und Taliban-Kriegern, zu bringen.
Die Art und Weise des islamistischen Terrorangriffs hat vielen Menschen in Bombay, die schon viel Erfahrung mit Anschlägen haben, eine „ganz andere Art von Angst“ eingeflößt, sie völlig verunsichert. Damit haben die Terroristen ihr Ziel erreicht. Und sie haben der Welt vor Augen geführt, wie verletzlich sie ist. Der berühmte Satz, wir müssten unsere Sicherheit auch am Hindukusch verteidigen, bietet den vermeintlichen Trost, dass zwischen uns und der Terrorgefahr Tausende Kilometer liegen – und wir, wenn wir nur wollen, uns die Täter vom Hals halten können.
Dieser Glaube scheint bei uns selbst nicht erschüttert, auch nicht durch die nur wegen einer technischen Unzulänglichkeit fehlgeschlagenen Kölner Kofferbombenattentate oder die vereitelten Anschläge der „Sauerlandgruppe“. Und dieser Glaube, diese Gefahrenvergessenheit, hat gerade verhindert, dass wir uns mit dem BKA-Gesetz von Bundesinnenminister Schäuble besser gegen terroristische Angriffe wappnen können.
Der Kriegstheoretiker Herfried Münkler hat gesagt, im asymmetrischen Kampf gegen die Terroristen komme es letztlich darauf an, wer den längeren Atem habe und wie sehr der Westen für seinen Lebensstil zu kämpfen bereit ist. Er empfahl als Haltung eine „heroische Gelassenheit“. Da ist viel dran. Es wäre aber sträflich, wenn aus einem falschen Misstrauen gegenüber dem Staat diesem die Mittel vorenthalten würden, durch wahrlich behutsame Eingriffe in die informationelle Selbstbestimmung wichtige Informationen zu beschaffen, um uns vor Angriffen aus einem kaum greifbaren, globalisierten Terrornetz zu schützen. Bombay hat gezeigt, das diese Angriffe an allen Orten der Welt und zu jeder Zeit stattfinden können.
Umkehrschluß
thomas schulz (peanutbutter)
- 29.11.2008, 21:09 Uhr
An allen Orten der Welt?
Ellen Schreiber (bonjourtristesse)
- 29.11.2008, 22:45 Uhr
Terror das eine, nachdenken ...
Rolf Lübbers (zambucar)
- 30.11.2008, 01:30 Uhr
Kopf im Sand
Reinhart Gruhn (rgruhn)
- 30.11.2008, 10:21 Uhr
Es ist doch ein hausgemachtes Problem der Inder
Miracolo De Sica (DeSica)
- 30.11.2008, 15:47 Uhr