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Teilzeitarbeit Morgens Managerin, abends Mutter

25.05.2004 ·  Immer mehr Unternehmen bieten Frauen Teilzeitarbeitsplätze an, um Geld zu sparen und die Vereinbarkeit von Karriere und Beruf zu ermöglichen. Beschäftigte und Betriebe sammeln gute Erfahrungen.

Von Uta Rasche
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"Mama, was ist eigentlich eine Hausfrau?" fragte neulich die fünf Jahre alte Julia-Sarita ihre Mutter. Andrea Brand, 44 Jahre alt, ist keine: Die Abteilungsleiterin bei der Lufthansa arbeitet an vier Tagen in der Woche von 9 bis etwa 16 Uhr außer Haus. Drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter war sie wieder ganztags berufstätig. Kurze Zeit später reduzierte sie ihre Arbeitszeit auf 80 und später auf 70 Prozent. Für Julia-Sarita kam eine Kinderfrau ins Haus, für den Haushalt gibt es eine Hilfe. Auch Reparaturen und Gartenarbeit werden delegiert, denn Julia-Saritas Vater ist ebenfalls beruflich stark beansprucht.

Andrea Brand liegt mit ihrem Modell, Familie und Beruf zu vereinbaren, im Trend: Die Anzahl der Teilzeit-Arbeitsplätze in Deutschland steigt. Im Jahr 1997 gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 4,7 Millionen Teilzeitstellen; im Jahr 2003 waren es 7,2 Millionen. Die überwiegende Mehrheit der Inhaber solcher Stellen sind Frauen, aber auch etwa eine Million Männer haben ihre Arbeitszeit reduziert. Die Teilzeitquote stieg im gleichen Zeitraum von 13,9 auf 22,4 Prozent.

Bedarf größer als Angebot

Eine Befragung der Hertie-Stiftung unter 1000 westdeutschen und 500 ostdeutschen Unternehmen vom Januar 2003 ergab, daß 84,8 Prozent der Firmen flexible Arbeitszeiten anbieten, größere mit mehr als 500 Mitarbeitern häufiger als kleinere.

Dennoch ist der Bedarf an Teilzeitarbeitsplätzen offenbar weit größer als das Angebot: Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit aus dem Jahr 2000 ist in 77 Prozent der Familien mit Kindern unter drei Jahren die Aufgabenverteilung "klassisch": Der eine Partner ist voll erwerbstätig, während der andere sich den ganzen Tag um Kind und Haushalt kümmert. Doch nur 14 Prozent der Familien finden dieses Modell ideal. 63 Prozent hätten lieber eine Kombination aus einer Vollzeit- und einer Teilzeitstelle, 16 Prozent wünschen sich für beide Partner eine Teilzeitbeschäftigung.

Unproblematisch im öffentlichen Dienst

Zwei Gründe für den eklatanten Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit werden immer wieder genannt, zuletzt in einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Emnid: 80 Prozent der befragten Frauen gaben an, fehlende Teilzeitstellen hielten Mütter vom Wiedereinstieg in den Beruf ab. 72 Prozent sagten, der Mangel an verläßlichen Möglichkeiten zur Kinderbetreuung sei der Grund.

Unumstritten ist Teilzeitarbeit in der Regel im öffentlichen Dienst - Richterinnen, Lehrerinnen und Verwaltungsangestellte haben zumeist keine Schwierigkeiten, ihren Wunsch nach einem Teilzeitarbeitsplatz zu realisieren. Unüblich ist Teilzeitarbeit bei Wirtschaftsprüfern, Unternehmensberatern und in großen Anwaltssozietäten, wo Verfügbarkeit rund um die Uhr erwartet wird. In Banken und Versicherungen, die unter ihren Beschäftigten einen großen Frauenanteil haben, ist die Bereitschaft, Teilzeitarbeit zu ermöglichen, größer.

Teilzeit rechnet sich

Die Sparkasse Bonn etwa wurde von der Evangelischen Kirche in Deutschland für ihr Engagement zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausgezeichnet. Dort hat der Vorstand Leitsätze zur Teilzeitarbeit verabschiedet, in denen es ausdrücklich heißt: "Jeder Arbeitsplatz ist teilbar. Teilzeit von Führungskräften ist möglich." Doch wird reduzierte Arbeitszeit dort nicht als altruistisches Projekt, sondern als betriebswirtschaftliche Notwendigkeit gesehen: "Mit Teilzeitarbeit können wir durch erhöhte Arbeitszeitflexibilität, Motivation und Produktivität Wettbewerbsvorteile erzielen."

Zwar müsse jeder Einzelfall geprüft werden, doch, kurz gesagt: Teilzeit rechnet sich. So denken immer mehr Personalmanager. Drei betriebswirtschaftliche Gründe zur Einführung von Teilzeitarbeit werden immer wieder genannt: Flexible Arbeitszeitmodelle sparen in Krisenzeiten Personalkosten; sie erhöhen die Produktivität; sie verhindern, daß qualifizierte Frauen, in deren Ausbildung die Unternehmen über mehrere Jahre investiert haben, ihnen nach der Babyphase abhanden kommen.

„,Win-win'-Situation“

Zu den Unternehmen, die für Teilzeit geworben haben, um Kündigungen zu vermeiden, gehören die Lufthansa und die Victoria Versicherungsgesellschaften. "Bei uns war die verstärkte Einführung von Teilzeit und unbezahltem Sonderurlaub eine Antwort auf die Krise nach dem 11. September 2001", sagt Monika Rühl, Leiterin "Change Management and Diversity" bei der Lufthansa. So konnte das Unternehmen auf betriebsbedingte Kündigungen im Kerngeschäft in Deutschland völlig und in Randbereichen weitgehend verzichten.

"Weil wir wissen, daß wir langfristig eine Wachstumsindustrie sind, wollten wir die Mitarbeiter halten", sagt Rühl. "Wenn die Konjunktur wieder anzieht, haben wir Personalreserven und können Teilzeit- in Vollzeitstellen umwandeln." Davon erhofft sich der Konzern Wettbewerbsvorteile gegenüber Konkurrenten, die nach dem 11. September und erneut im Frühjahr 2003 während der Sars-Krise Mitarbeiter entlassen haben.

Denn die Kündigung eines Mitarbeiters und die spätere Wiederbesetzung seiner Stelle kosten ein Unternehmen nach einer Studie des Bundesfamilienministeriums samt Neuausschreibung, Auswahlverfahren und Einarbeitung des Nachfolgers je nach Qualifikationsstufe zwischen 6000 und 45 000 Euro - Kosten einer Abfindung und eines möglichen Rechtsstreits noch nicht eingerechnet. Während die Teilzeitquote bei der Belegschaft der Lufthansa Anfang der neunziger Jahre unter fünf Prozent lag, ist sie mittlerweile auf 23 Prozent gestiegen. "Für uns ist klar, daß bei der Vereinbarung von Teilzeit eine ,Win-win'-Situation entstehen muß: Das Unternehmen spart Kosten, und der Mitarbeiter kann Persönliches mit dem Beruf besser vereinbaren."

"Wer in Teilzeit arbeitet, wird nicht Gruppenleiterin."

Ähnlich sieht es Katrin Peplinski, Gleichstellungsbeauftragte der Victoria Versicherungsgesellschaften. "Für uns hat Teilzeit ganz klar wirtschaftliche Vorteile: Wir sparen Personalkosten", sagt sie. In der Initiative "Pro Job" haben Betriebsrat und Geschäftsführung die Einführung von "Sabbaticals", von Altersteilzeit und die Wahlmöglichkeit zum Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld zugunsten 40 zusätzlicher freier Tage vereinbart. Mütter können die gesetzliche Elternzeit, während deren ihre Stelle erhalten bleibt, um weitere drei Jahre verlängern.

Wegen einer Vielzahl von Teilzeit-Modellen - von der Drei-Tage-Woche bis zum Halbtagsjob - kommen Akademikerinnen nach der Elternzeit in der Regel zur Victoria zurück. Einen Rückschritt müssen sie für ihre Karriere nicht befürchten: "Wer Gruppenleiterin war, kann es in Teilzeit bleiben", sagt Peplinski. Doch aufwärts geht es ebenfalls nicht: "Wer in Teilzeit arbeitet, wird nicht Gruppenleiterin."

„Machen die Mitarbeiter zufriedener und senken den Krankenstand"

Auf Teilzeitarbeit zur Steigerung der Produktivität setzt Arnd-Diether Rösch, Inhaber einer Textilfabrik mit 400 Beschäftigten in Tübingen und 250 in Ungarn. Sein Unternehmen wurde mehrfach von Land Baden-Württemberg sowie von der Bundesregierung und der ungarischen Regierung als familienfreundlicher Betrieb ausgezeichnet. "Flexible Arbeitszeiten ermöglichen es uns, auf Belastungsspitzen zu reagieren. Sie machen die Mitarbeiter zufriedener und senken den Krankenstand", sagt Rösch. In seinem Unternehmen gibt es 70 verschiedene Teilzeit-Modelle in einem Umfang von 12 bis 37 Stunden.

Rösch, dessen Unternehmen im Jahr 1950 von seinem Vater gegründet wurde und seit 35 Jahren einen Betriebskindergarten hat, beschäftigt zu 50 Prozent Frauen - auch in den Führungsebenen. "Ich bin kein Weltverbesserer", sagt Rösch. Er ist fest davon überzeugt, daß Teilzeitarbeit Kostenvorteile bringt. "Sonst könnten wir uns das nicht leisten, wir arbeiten in einem hart umkämpften Markt."

Problem des Mitarbeiters - Problem des Betriebs

Keine Unternehmensphilosophie, allein die Erfahrung habe ihn gelehrt, daß jedes Problem, das ein Mitarbeiter habe, auch ein Problem des Betriebs sei - denn es hindere ihn, ganz bei der Sache zu sein. Wenn zum Beispiel eine Frau ihre Mutter pflege oder morgens erst die Kinder in die Schule bringen müsse, könne sie eben erst zu einer bestimmten Zeit anfangen. Wenn man ihr eine flexible Arbeitszeit ermögliche, sei sie nach der Erledigung ihrer anderen Pflichten voll einsatzbereit, sagt Rösch.

Manche Mitarbeiter kommen nur jeden zweiten Tag in den Betrieb, manche erst abends, wenn der Mann nach Hause kommt. Eine Designerin pausiert nach jeder Kollektion zwei Monate, um dann wieder vier Monate lang rund um die Uhr da zu sein.

"Die begrenzte Zeit wird einfach effektiver genutzt"

Bei Procter & Gamble in Schwalbach im Taunus ist der Einfluß des amerikanischen Mutterkonzerns spürbar. So wie in den Vereinigten Staaten in den Zielvereinbarungen der Geschäftsführer steht, daß Farbige, Weiße und Lateinamerikaner unter den Beschäftigten jeweils in einem bestimmten Anteil vertreten sein sollen ("Diversity"), sollen die Geschäftsführer in Deutschland darauf achten, möglichst gleich viele Männer wie Frauen in Führungspositionen zu bringen.

Das hat einen einfachen Grund: "Die Entscheidung, unsere Produkte zu kaufen, wird zumeist von Frauen getroffen", sagt der für das Personal zuständige Geschäftsführer Gerhard Ritter bei Procter & Gamble. In einer internen Studie hatte das Unternehmen festgestellt, daß in den unteren Managementebenen - also etwa drei bis fünf Jahre nach dem Studium - der Anteil von Frauen und Männern ausgeglichen ist. Nach der Elternzeit kamen aber bis zu 50 Prozent der leitenden Mitarbeiterinnen nicht zurück, so daß in der Altersgruppe der Mit- bis Enddreißiger der Frauenanteil nur noch 20 Prozent betrug.

"Das ist für uns ein großer Verlust", sagt Ritter, "denn wir haben in jeden Mitarbeiter viel investiert." Seither gibt es verstärkte Bemühungen, Mütter durch eine große Anzahl verschiedener Teilzeit-Modelle im Job zu halten. Von den 6500 Mitarbeitern in Deutschland sind etwa 30 Prozent in Teilzeit. Ritter ist von der höheren Produktivität der Teilzeitkräfte überzeugt. "Die begrenzte Zeit wird einfach effektiver genutzt", sagt er.

Mit Mann und Kind ins Hauptquartier

Personalleiterin Sonja Fleischer-Atorf zum Beispiel, 35 Jahre alt, hat eine 17 Monate alte Tochter und arbeitet jetzt wieder auf einer 80-Prozent-Stelle. Einen Tag in der Woche arbeitet sie zu Hause, an den anderen Tagen zu flexiblen Zeiten im Büro, abgestimmt auf die persönlichen und geschäftlichen Bedürfnisse. Zur Arbeit ist sie nur fünf Minuten unterwegs; die Tagesmutter, die noch andere Kollegenkinder betreut, wohnt auf halbem Weg. Dort kann das Kind während einer Dienstreise der Mutter zur Not auch mal übernachten.

"Natürlich klappt das alles nur bei straffer Organisation und guter Abstimmung mit dem Partner", sagt Fleischer-Atorf. "Aber ich bin absolut begeistert, daß mir die Firma so entgegengekommen ist." Nicht mal ihre Karriere nimmt Schaden: Im September geht sie mit Mann und Kind als Personalleiterin mit Verantwortung für strategische Allianzen sowie für alle Mitarbeiter im Marketing von Procter & Gamble Pharma weltweit ins Hauptquartier nach Cincinnati.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2004, Nr. 121 / Seite 3
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Jahrgang 1971, Redakteurin in der Politik.

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