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Freitag, 10. Februar 2012
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Teheran Erst der Messias, dann der Staat

12.12.2006 ·  An der Teheraner Holocaust-Konferenz nahm auch eine Gruppe jüdischer Orthodoxer teil. Sie lehnt den Staat Israel ab, weil sie glaubt, das jüdische Volk dürfe erst nach der Ankunft des Messias ins Gelobte Land zurückkehren.

Von Michael Borgstede, Tel Aviv
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Die israelischen Reaktionen auf die Holocaust-Konferenz in Teheran fielen erwartungsgemäß harsch aus. Ministerpräsident Olmert sprach von einem „kranken Phänomen“, eine Erklärung des Außenministeriums bezeichnete die Konferenz als ein „schamloses Unternehmen“. Zumindest ein israelischer Bürger hätte aber eigentlich ganz gerne an der Veranstaltung in Teheran teilgenommen. Die Provokation scheut Khaled Kasab Mahmeed nämlich nicht, sonst hätte der arabische Rechtsanwalt mit israelischem Paß nicht in Nazareth ein kleines Holocaust-Museum eingerichtet. Seine Position in der Sache ist eindeutig: Die Palästinenser und Araber müßten den Holocaust als historische Wahrheit akzeptieren, nur so könne es im Nahen Osten Fortschritte geben.

Mit dieser Nachricht wollte Mahmeed auch nach Teheran fliegen. Er werde Präsident Ahmadineschad jedenfalls dazu auffordern, „die Leugnung des Holocausts zu unterlassen“, sagte er kurz vor seiner Abreise. Dazu kam es nicht, in Jordanien wurde dem Rechtsanwalt das Einreisevisum verweigert. Anscheinend wollte man sich in Teheran die einmütige Stimmung nicht verderben lassen. So durften sich berüchtigte Revisionisten zwei Tage lang ihre allbekannten Märchen nochmals erzählen und den Massenmord bezweifeln.

„Einige Kriegsverbrecher waren selbst Zionisten“

Eine kleine Gruppe orthodoxer Juden im Saal klatschte keinen Beifall, die offensichtliche Leugnung des Massenmordes ging ihnen wohl zu weit. „Wir leugnen den Holocaust nicht“, stellte Mosche Arye Friedman aus Wien fest, um sogleich einschränkend hinzuzufügen: „Wir sollten uns darauf konzentrieren, daß die Drahtzieher hinter den Kulissen sowie einige Kriegsverbrecher selbst Zionisten gewesen sind.“ Mit solchen Worten kann man sich selbst als Jude auf einer Konferenz der Holocaust-Leugner beliebt machen.

Friedman, der sich selbst als Oberrabbiner einer nichtexistierenden orthodoxen Gemeinde bezeichnet, gehört der Orthodoxen Antizionistischen Gesellschaft an, die wiederum den Neturei Karta verbunden ist. Auch die anderen in Teheran anwesenden orthodoxen Juden gehören der umstrittenen Gruppe an. Neturei Karta (Aramäisch für „Hüter der Stadt“) hat nach verschiedenen Schätzungen tausend bis fünftausend Mitglieder, die meisten in Jerusalem und New York. Sie glauben, daß das jüdische Volk nur mit der Ankunft des gottgesandten Messias in das Gelobte Land zurückkehren dürfe. Diese Sichtweise geht auf einen Kommentar über das Hohelied der Liebe zurück. Demnach dürfen die Juden das Heilige Land weder mit Gewalt erobern, noch sich gegen die Regierungen ihrer Gastländer auflehnen und müssen zudem alles tun, um das Kommen des Messias nicht durch ihre Sünden hinauszuzögern.

„Bürger Palästinas“

Die Zionisten haben nach Meinung gewisser orthodoxer Kreise gegen diese Gebote verstoßen. Ihre Ablehnung des jüdischen Staates praktizieren sie ebenso gründlich wie lautstark: So bezeichnen sich die in Israel lebenden Mitglieder als „Bürger Palästinas“. Sie besitzen keine israelischen Pässe, zahlen keine Steuern und weigern sich sogar, Papiergeld mit dem Konterfei berühmter Zionisten zu benutzen. Rabbiner Mosche Hirsch ging sogar so weit, in Jassir Arafats Schattenkabinett als „Minister für jüdische Angelegenheiten“ zu fungieren. Da die Neturei Karta sich für die Auflösung des israelischen Staates einsetzen und eine „Rückgabe“ des Landes an die Palästinenser fordern, sind sie nicht nur in Iran gern gesehene Alibijuden, deren Anwesenheit jeden Verdacht auf Antisemitismus beseitigen soll.

Für die Neturei Karta und ihre wenigen hassidischen Verbündeten steht viel auf dem Spiel: Der ehemalige Führer der ebenfalls antizionistischen Satmar, Joel Teitelbaum, erklärte die säkularen Zionisten wegen ihrer Siedlungsbemühungen in „Palästina“ nicht nur für den Holocaust und den modernen Antisemitismus verantwortlich, sondern sah auch in den Nahost-Kriegen und dem Terrorismus eine Strafe Gottes. Kein Wunder also, daß es in Jerusalem und Brooklyn bisweilen zu angeregten Auseinandersetzungen zwischen zionistischen und antizionistischen Orthodoxen kommt.

Um einen Kompromiß hat sich die Agudat Ha Tora bemüht, eine Vereinigung verschiedener orthodoxer Gruppierungen. Noch vor der Staatsgründung 1948 hatten deren Rabbiner bei den Vereinten Nationen gegen die Gründung des Staates Israel plädiert, sich dann aber mehr oder weniger mit den Tatsachen abgefunden. Während die Neturei Karta und die Satmar nichts mit dem Sündenstaat Israel zu tun haben wollen, beschränkt die Agudat sich auf „Schadensbegrenzung“ und versucht, dem Staat ein religiöses Gesicht zu geben. Ihre Vertreter nehmen zwar an den Parlamentswahlen teil, wollen aber kein Ministeramt innehaben, da sie damit zu offiziellen Vertretern des Staates würden.

Quelle: F.A.Z., 13.12.2006, Nr. 290 / Seite 3
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