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Kommentar : Wenn die Panzer mit Strom fahren

Militärische Muskelspiele: mobile Raketen bei der Militärparade in Pjöngjang. Nordkorea gibt ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung für das Militär aus. Immerhin ein Weltrekord. Bild: dpa

Der Entwicklungsstand von Gesellschaften lässt sich, so unliebsam uns das erscheinen mag, sogar rein quantitativ am Energieverbrauch pro Kopf ablesen.

          Der Führer Nordkoreas, Kim Jong-un, lässt nun wieder mit Raketen herumschießen. Er hat aber auch angekündigt, seine Trägerwaffen auf Elekroantrieb umzustellen. Falls er denn, so der Diktator dem Vernehmen nach, schon das zukünftige Weltzentrum der Autoindustrie in Kalifornien auslöschen müsse, sollten seine Interkontinentalraketen zumindest nicht unterwegs die Umwelt verpesten. Nordkorea, so Kim Jong-un, marschiere mit ihm an der Spitze des Fortschritts und sei außerdem besonders reich an Licht und Luft, daher für den Ausbau erneuerbarer Energien begünstigt. Deshalb werden auch die nordkoreanischen Panzer und sonstigen Armeefahrzeuge nunmehr auf Elektroantrieb umgestellt. Wir tun es, bevor es die anderen tun, ulkte der Diktator.

          Natürlich, so Kim Jong-un weiter, seien derzeit noch nicht alle Probleme gelöst. Seine Panzer seien sehr schwer, die schwersten der Welt, denn man lasse sich nichts gefallen. Deshalb benötigten sie nachgerade prächtige Batterien. Das mache die Panzer aber noch schwerer, und deshalb brauchten sie noch schwerere Batterien und so weiter. Die Lösung indes sei schon gefunden: Die Panzer bekommen Anhängerkupplungen, daran können Hänger befestigt werden, die ordentlich Batterien mitführen. Und was die Reichweite betreffe: Im Umgang mit Reichweiten verfüge Nordkorea nun wahrlich über Erfahrung. Überhaupt sei die Reichweite nicht so ein Drama. Man schaffe derzeit schon fast zehn Kilometer am Stück, sogar zwölf, wenn nicht so sehr auf die Tube gedrückt werde. Und Seoul, fügte Kim mit drohendem Unterton hinzu, sei schließlich nicht weit.

          Militär ist Vorreiter des technischen Fortschritts

          Wenn wir in wenigen Jahren Autos mit Verbrennungsmotor abschaffen wollen, sollten wir das glauben. Die Zukunftsfestigkeit von Technologien erprobt nun einmal das Militär. Der Krieg ist die härteste Form des Wettbewerbs, die äußerste Zuspitzung von wirtschaftlicher, intellektueller und politischer Konkurrenz. Der Krieg ist so gut wie ungeregelt, und der Bruch der wenigen Regeln, denen er unterliegt, kann zum Sieg verhelfen. An der Kriegsgeschichte, leider auch der Zahl der Toten, kann man den technologischen Fortschritt ablesen. Die von Erstem und Zweitem Weltkrieg zeigt das genau. Nach der Dampfmaschine wurden im Westen Automobile erfunden: So kann man eigentlich auch die Eisenbahn und die ersten Dampfschiffe nennen, einfach alle Transportmittel für Menschen, Güter und Waffen, die ihren Energievorrat mit sich führten. Die Eisenbahn fuhr damals noch mit Kohle. Wegen ihres hohen Gewichts benötigte sie allerdings Schienen, und das bedeutete, dass sie zwar Massen von Soldaten und modernen Waffen an den Kriegsschauplatz zu schaffen vermochte – doch dort blieben sie dann.

          Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, hatten sich bereits Autos mit Verbrennungsmotor durchgesetzt, außerdem moderne Flugzeuge. Deswegen wurde der Krieg wieder beweglich. Panzer und Flugzeuge brauchen keine Schienen. Anders als selbst böse Mädchen kommen sie überall hin. Deshalb wurden Panzer und Flugzeuge zu den kriegsentscheidenden Waffen. Jene Mächte gewannen den Zweiten Weltkrieg, die am meisten davon herstellen konnten und Zugriff auf die nötigen Energiequellen hatten.

          Die Eisenbahn könnte man heute nicht mehr Automobil nennen. Früher wurde sie mit Kohlen, später mit Dieselöl betrieben. Heute holt sie den Strom aus Oberleitungen. Sie muss die Energie also nicht mit sich führen, sondern bekommt sie unverwandt unterwegs. Das geht, weil sie auf Schienen fährt. Es gibt bisher nämlich keine Speichertechnik für Strom, die auch nur annähernd so viel Energie zur Verfügung stellen kann wie Kraftstoff von gleichem Gewicht und Volumen. Das ist der Grund, warum sich der Elektromotor, die ältere und einfachere Technologie, bei den meisten Fahrzeugarten gegenüber dem Verbrennungsmotor nicht durchsetzen konnte. Deshalb würde man nicht mal Kim Jong-un abnehmen, dass er Elektromotoren in Panzer und Raketen setzt. Wir haben das ja auch erfunden.

          Das Auto wird gewöhnlich zu friedlichen Zwecken eingesetzt. Immer wieder wurde ausgerechnet, welche Schäden und Kosten es hervorruft. Welchen Nutzen es allerdings bewirkt, lässt sich nicht wirklich beziffern. Weil er in allem steckt. Wenn es um materiellen Transport geht, bilden Automobile nämlich die Lebensadern der Moderne. Sie können fast jeden Punkt von fast jedem Punkt aus erreichen, weil sie ihre Energie selbst transportieren. Der Entwicklungsstand von Gesellschaften lässt sich, so unliebsam uns das erscheinen mag, sogar rein quantitativ am Energieverbrauch pro Kopf ablesen. Der Krieg verdeutlicht nur diesen Sachverhalt. Daraus kann man viele Schlüsse ziehen, falsche sollte man vermeiden.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.S.

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