03.10.2001 · Bei den offiziellen Feiern zum Tag der Deutschen Einheit waren die Terroranschläge auf die USA eher ein Thema als die Erinnerung an die Wiedervereinigung.
Die zentrale Feier zum Tag der Deutschen Einheit hat am Mittwoch weniger im Zeichen der Erinnerung an die Wiedervereinigung Deutschlands als unter dem Eindruck der Anschläge in den USA gestanden. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) rief in Mainz dazu auf, die Grundwerte Freiheit und Demokratie nach den Anschlägen nicht in Frage zu stellen. „Wir müssen die Freiheit verteidigen und wir dürfen sie - gerade heute - auch feiern", forderte Thierse. Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche, Manfred Kock, mahnte bei einem ökumenischen Gottesdienst im Mainzer Dom zum Frieden. Die Christen in aller Welt müssten den Rufen nach Krieg und Kreuzzug nun entschieden widerstehen.
Thierse sagte, außenpolitisch werde Deutschland nun eine neuartige Verantwortung tragen müssen. „Der 11. September zeigt uns, wie gefährdet der Frieden, wie bedroht die Freiheit, wie verletzlich unser Glück ist.“ Die Hoffnung vieler Deutscher, dass nach dem Ende des Kalten Krieges ein Zeitalter des Friedens anbrechen werde, sei mit den Ereignissen des 11. September zunichte gemacht geworden. An dem Festakt in der Rheingoldhalle nahmen auch US-Botschafter Daniel Coats und Vertreter der moslemischen Gemeinde in Deutschland teil.
Kirchen fordern friedliche Lösung
Kock forderte in seiner Predigt eine friedliche Lösung des Konflikts. „Alle Rufe nach Krieg und Kreuzzug folgen dem gleichen Wahn. Dem müssen wir entschieden widerstehen.“ Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, forderte mehr Menschlichkeit.
Der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski rief als Ehrengast Deutsche und Polen dazu auf, nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Beginn der verstärkten Zusammenarbeit auf politischer Ebene auch die Mauern in den Köpfen zu überwinden. „Die Mauern sind gefallen, es liegt jetzt an uns, ob für immer", sagte Kwasniewski. Wie die deutsch-französische Zusammenarbeit zum Motor der europäischen Einigung geworden sei, so sei Polen eine natürliche Brücke in den Osten.
Kohl: Kritik an SPD-Zusammenarbeit mit PDS
Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), unter dessen Regierung die deutsche Einheit ausgehandelt wurde, nahm nicht an der zentralen Feier in Mainz teil, sondern sprach stattdessen auf einer CDU-Veranstaltung in Stuttgart. Er kritisierte erneut die Zusammenarbeit von SPD und PDS im Berliner Senat. 50 Jahre lang sei es in der Bundesrepublik selbstverständlich gewesen, nicht mit extremen Parteien auf der linken und der rechten Seite zusammenzuarbeiten, sagte Kohl.
Die Feiern und das Bürgerfest in Mainz, zu denen rund 300.000 Menschen erwartet wurden, fanden wegen der Anschläge in den USA unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen statt. Die zentrale Feier zum Gedenken an der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 wird jeweils von dem Bundesland ausgerichtet, das den Vorsitz im Bundesrat inne hat.
Keine Ausschreitungen in Berlin
In Berlin zogen nach Schätzung der Polizei rund 900 Rechtsextreme durch die westliche Innenstadt. Auf ihrer Route, die zum Teil auch über die vornehme Einkaufsstraße Kurfürstendamm führte, wurden sie von einem starken Polizeiaufgebot und rund hundert Gegendemonstranten begleitet. Zu befürchteten Zwischenfällen kam es nicht.