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Syriens Chemiewaffen „Improvisierte Angriffe lassen sich niemals ausschließen“

 ·  Die Vernichtung der syrischen Chemiewaffen verzögert sich. Präsident Assad könnte den Überblick verloren haben, warnt die Abrüstungsexpertin Una Becker-Jakob im FAZ.NET-Interview.

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© AP Vergrößern Bald überflüssig? Masken in eine Fabrik in Kiryat Gat, die israelische Bürger vor Chemiewaffenangriffen schützen sollen

Una Becker-Jakob ist Abrüstungsexpertin und seit 2002 Mitglied der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit Aspekten der Nichtverbreitung von chemischen und biologischen Waffen.

Frau Becker-Jakob, die geplante Vernichtung der syrischen Chemiewaffen verzögert sich. Baschar al Assad veranschlagt mindestens ein Jahr und fordert zusätzlich eine Milliarde Dollar. Für wie realistisch halten Sie es, dass der syrische Präsident den Forderungen Taten folgen lässt?

Der Zeitplan, der in der Vereinbarung zwischen den Außenministern Kerry und Lawrow ausgehandelt worden ist, war sehr ehrgeizig. Daher finde ich es nicht überraschend, wenn jemand für die Vernichtung einen späteren Termin als Juni 2014 veranschlagt. Es wird viel von den Details abhängen, die die Diplomaten nun aushandeln müssen, von der kommenden Resolution des UN-Sicherheitsrats und den Einzelheiten der Deklarationen, die Assad abgeben muss.

Inwiefern hat sich die strategische Rolle der C-Waffen für Assad in den vergangenen Monaten geändert?

Deutlich. Das syrische Chemiewaffenarsenal wurde in den achtziger Jahren aufgebaut, um Israel von einem Angriff abzuschrecken. Diese Rolle scheint für Assad nun weniger relevant zu sein. Welche Motive ihn aber zur Aufgabe der Waffen veranlasst haben, ob es die Angst vor einem Militärschlag Amerikas, Druck aus Moskau oder noch andere Gründe sind, darüber lässt sich nur mutmaßen.

Welche Optionen hat die internationale Staatengemeinschaft, nach dem amerikanisch-russischen Konsens vom vergangenen Wochenende Druck auf Assad auszuüben?

Die wirkungsvollste Option wäre eine starke Stellungnahme des UN-Sicherheitsrats. Das Gremium ist ja momentan dabei, eine Resolution vorzubereiten, die Konsequenzen für den Fall bereithalten könnte, dass Assad sich nicht an die Vereinbarung hält.

Inwiefern ließe sich damit auch die Vernichtung der Chemiewaffen sicherstellen?

Syrien muss zunächst einmal seine chemischen Kampfstoffe, die dafür vorgesehene Munition, die Lagerstätten und die Produktionsstätten vollständig offenlegen. Anschließend müssten Inspektoren die Angaben vor Ort überprüfen. Danach würde man dann auf der Grundlage der Inspektorenberichte die Vernichtung der Munition und der chemischen Kampfstoffe planen.

Syrien ist ein Land im Bürgerkrieg. Was halten Sie für notwendig, damit die Inspektoren ihrem Auftrag unter vertretbaren Risiken nachgehen können?

Das hängt davon ab, wo sich die Lagerstätten befinden. In jedem Fall brauchten die Inspektoren eine Sicherheitsgarantie der syrischen Regierung. Und ich glaube, dass man den Inspektoren darüber hinaus eine Art von internationaler Schutztruppe zur Seite stellen sollte, um sicher zu sein, dass sie nicht angegriffen werden.

Immer wieder werden Berichte veröffentlicht, nach denen auch die Rebellen inzwischen über Chemiewaffen verfügen sollen. Halten Sie das für realistisch?

Wenn wir von giftigen Chemikalien sprechen, dann wäre das möglich. Wenn wir hingegen von qualitativ hochwertigem Sarin sprechen, wie es offenkundig am 21. August bei Damaskus eingesetzt wurde, halte ich das für unwahrscheinlich.

Wird Syrien am Ende des kommenden Jahres chemiewaffenfrei sein?

Nein, aber ein weitgehend chemiewaffenfreies Land halte ich für vorstellbar. Improvisierte Angriffe wie Chlorgasattacken lassen sich niemals ausschließen, da sich die dazu nötigen Voraussetzungen mit sehr einfachen Mitteln schaffen lassen. Was klassische Chemiewaffen angeht, wird man erst in einigen Jahren beurteilen können, ob sämtliche Bestände vernichtet worden sind. Es ist nicht auszuschließen, dass der syrische Präsident selbst im Zuge der zahlreichen Verlegungen nicht mehr den Überblick über sein gesamtes Arsenal besitzt. Kann der Abrüstungsprozess unter internationaler Aufsicht aber laufen, wird sich die Gefahr, die von den syrischen Chemiewaffen ausgeht, deutlich reduzieren lassen.

Die Fragen stellte Lorenz Hemicker.

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