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Krieg in Syrien : Menschen in Käfigen als Schutzschilde missbraucht

In Douma treffen die Luftangriffe auch Zivilisten. Bild: dpa

Das Regime von Baschar al Assad fliegt seit Beginn des Krieges in Syrien auch Luftangriffe auf Zivilisten. Oppositionelle in Damaskus wollen das nun unterbinden, indem sie Menschen in Käfige einsperren.

          Das Regime lässt sich nicht abhalten. Es fliegt weiter Luftangriffe auf die von Rebellen gehaltenen Vorstädte im Osten von Damaskus. Wieder und wieder verbreiten Aktivisten Aufnahmen von getöteten Zivilisten. So auch am Montag, als sechs Menschen nach Angaben oppositioneller Medien getötet wurden. Zuvor hatten andere Bilder Aufsehen erregt: Videoaufnahmen von Oppositionsaktivisten zeigten mehrere Pritschenwagen, die durch die Ruinen der Damaszener Vorstadt Douma fahren – auf den Ladeflächen Käfige, in die Männer und Frauen gesperrt sind. Die Gefangenen gehören zur alawitischen Bevölkerungsgruppe von Diktator Baschar al Assad, und sie fordern, die Luftangriffe zu stoppen.

          Christoph  Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Ein hagerer Mann, der sich als alawitischer General Riad Nawwaf Hammdan vorstellt, sagt, er werde seit drei Jahren in Ghouta, einer Region östlich und südöstlich der Hauptstadt gefangen gehalten. An Assad gerichtet sagt er: „Hör auf! Halte deine Flugzeuge davon ab, über Ghouta zu fliegen und Zivilisten zu bombardieren. Es ist nicht ihre Schuld. Wenn du kämpfen willst, dann kämpfe gegen die tapferen Krieger auf dem Schlachtfeld.“ Ein Teenager, der die Propagandaprozession begleitet, sagt an die Adresse des Machthabers in Damaskus gerichtet: „Entweder die Angriffe hören auf, oder wir sterben gemeinsam.“

          Es seien etwa hundert solcher Käfige über das östliche Ghouta verteilt worden, berichten oppositionelle Medien, insgesamt seien tausend geplant. Sie sind der jüngste Auswuchs eines grausamen Abschreckungswettbewerbs, in dem gezielt Zivilisten ins Visier genommen werden. Je mehr Verzweiflung oder militärischer Druck wachsen, desto brutaler werden offenbar die Methoden. Das Assad-Regime hat es vorgemacht und verfügt zudem über die wirkungsvolleren Mittel. Es bombardiert immer wieder Wohnviertel in Gegenden, die von Rebellen gehalten werden, um Schrecken zu verbreiten. Auch die Rebellen beschießen Zivilisten, um Druck auf das Regime auszuüben.

          In den östlichen Vorstädten von Damaskus, wo weite Teile unter der Herrschaft der radikalen Islamistenbrigaden der „Armee des Islams“ stehen, gibt es meist einen direkten Zusammenhang: Immer wenn die Rebellen von dort aus Damaskus mit Granaten beschießen, steigen Kampfflugzeuge auf und bombardieren in Ghouta Wohnviertel und Märkte. Zuletzt wurden am 30. Oktober nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen bei solchen Luftangriffen 70 Menschen getötet. Bei Luftschlägen Mitte August, die vor allem einen beliebten Markt in Douma trafen, gab es 112 Tote, die meisten unter ihnen Zivilisten.

          Ähnliches trug sich in den von sunnitischen Islamistenmilizen eingekesselten schiitischen Dörfern Foua und Kefraya zu. Dort wurden gefangene Islamistenkämpfer in einen Käfig auf einem Häuserdach gesperrt, um den Rebellenbeschuss zu unterbinden. Zivilisten werden von den islamistischen Rebellen als Druckmittel in den Verhandlungen um die vom Regime und der schiitischen Hizbullah belagerte Stadt Zabadani benutzt.

          Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ hat diese Praxis der menschlichen Schutzschilde scharf kritisiert. Die Vorgänge in Ghouta seien durch nichts zu entschuldigen, hieß es in einer Erklärung. Doch weder das Regime noch die islamistischen Milizen, die in Ghouta dominieren, dürfte das interessieren. In den vom Regime abgeriegelten Vorstädten hat Zahran Allousch das Sagen. Der Anführer der von Saudi-Arabien unterstützten „Armee des Islams“ hat den Menschen dort nicht die Freiheit gebracht. Unter seiner Vorherrschaft ist eine Mafia entstanden, welche die Schmuggeltunnel kontrolliert, durch die Waffen, aber auch andere Waren transportiert werden. Seine Leute gehen gegen Andersdenkende vor. Im wohl bekanntesten Fall traf es die Anwältin und Menschenrechtlerin Razan Zeitouneh, die am Abend des 9. Dezember 2013 zusammen mit ihrem Mann und zwei weiteren Mitstreitern in Allouschs Herrschaftsgebiet verschleppt wurde. Bis heute gibt es von ihnen kein Lebenszeichen.

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