Home
http://www.faz.net/-gpf-rguo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Susanne Osthoff „Wanderin zwischen den Welten“

18.12.2005 ·  Susanne Osthoff muß eine besondere Frau sein. Glaubt man denen, die sie kennen, ist sie tapfer, mutig, und tatkräftig. Um im Irak zu helfen, ließ sie sogar den Kontakt zur Heimat und zur Familie weitgehend abreißen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Susanne Osthoff muß eine besondere Frau sein. Glaubt man denen, die sie kennen, ist sie tapfer, mutig, und tatkräftig. Um im Irak zu helfen, ließ sie sogar den Kontakt zur Heimat und zur Familie weitgehend abreißen. Die 43 Jahre alte Archäologin, die den Irak und seine Menschen als junge Studentin kennen und lieben lernte, lebte ganz für ihre Aufgabe - und sie mißachtete Gefahren, um helfen zu können.

Das Bild der Susanne Osthoff setzt sich aus vielen Facetten zusammen. Die Studentin der vorderasiatischen Archäologie und Semitistik schrieb eine Magisterarbeit mit dem Titel „Der Spiegel im Vorderen Orient“, unternahm mehrere Studien- und Ausgrabungsreisen in die Türkei, nach Syrien, Tunesien, Jordanien, Algerien, Marokko, Ägypten, in den Irak und den Jemen. Sie durchquerte zweimal mit dem Motorrad die Sahara. Ergebnis waren eingehende Kenntnisse von Landeskultur und Sprachen. Hinzu kam die Ehe mit einem jordanischen Araber, aus der eine heute elf Jahre alte Tochter hervorging, die nach der Scheidung in Deutschland lebt.

„Absolut durchsetzungsstark“

In Glonn, einem Dorf südöstlich von München, war Osthoff den meisten Menschen vor ihrer Entführung kaum Begriff, obgleich sie eine gewisse Bekanntheit erlangte. 2003 erhielt die unermüdliche Helferin einen Preis für Zivilcourage. Im Frühjahr desselben Jahres war sie, mit dem Lkw voller Medikamente von Damaskus kommend, die erste Privatperson aus dem Westen, die kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner Bagdad erreichte. „Sie ist absolut durchsetzungsstark“, beschrieb sie der Tropenmediziner Folke Hess vom Medikamentenhilfswerk „action medeor“.

Der Archäologe Roger Atwood, mit dem Osthoff im altbabylonischen Isin südlich von Bagdad unter Einsatz ihres Lebens die alten Ausgrabungsstätten ihres Studiums besuchte, nannte sie „die tapferste Frau, die ich jemals erlebt habe“. Osthoff selbst war nur traurig, weil sie das Grabungsfeld kaum wiedererkennen konnte. Zu brutal hatten Plünderer gewütet.

„Die wollten, daß ich bei Aldi arbeite“

Die Archäologin, Helferin und Krankenschwester ohne Ausbildung ist gebürtige Münchnerin und nimmt es hin, daß die Familie wenig Verständnis für ihre gewagten und von manchem als eigensinnig empfundenen Aktionen hat: „Die wollten, daß ich bei Aldi arbeite“, beschwerte sie sich im März 2004 in einem Interview.

Ihre Mutter Ingrid Hala hatte kurz nach der Entführung gesagt: „Man kann sie nicht zwingen, hier zu bleiben. Die Angst war immer da, ich hab schon immer Sorgen unterdrücken müssen“. Die 62 Jahre alte Frau fügte damals hinzu: „Ich hoffe, daß wir sie so heil wiedersehen wie auf den Bildern hier.“ Diese Hoffnung wird sich bald erfüllen, denn Susanne Osthoff befindet auch nach mehr als dreiwöchiger Geiselhaft nach Angaben der Bundesregierung in guter körperlicher Verfassung.

„Zielstrebig und konsequent“

Der Onkel der Freigelassenen, Peter Osthoff, hatte „schon immer im Hinterstüberl gehabt, daß so was passieren kann“. Denn sie habe immer gefährliche Sachen gemacht. Und er wunderte sich kurz nach dem Bekanntwerden der Entführung, daß sie sich so zurückgezogen hat: „Mit der gesamten Verwandtschaft hat sie fast keinen Kontakt mehr gehabt.“ Der Onkel weiß nicht einmal, wo Susanne Osthoffs Tochter lebt, die erst kürzlich zwölf Jahre alt geworden sein soll. „Sie müßte in einem Internat sein, was man so gehört hat“, sagte Peter Osthoff.

Der Glonner Bürgermeister Martin Esterl lernte Susanne Osthoff im März 2003 kennen, als sie mit einem alten VW-Transporter zu einer Hilfslieferung in den Irak aufbrach. Vollgestopft mit Medikamenten und Lebensmitteln sei das Fahrzeug gewesen. „Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Zielstrebigkeit und Konsequenz sie ihre Ziele verfolgt hat. Ich hatte den Eindruck, daß sie niemand von ihrem Ziel abbringen konnte“, sagte Esterl.

Vier Jahre lang habe Osthoff in Glonn gewohnt, am Dorfleben aber nicht teilgenommen. Esterl nannte Osthoff eine Nomadin, eine Wanderin zwischen den Welten. „Ich habe den Eindruck gehabt, daß sie von ihrem Denken und Fühlen mehr drunten im Irak war als bei uns“, sagte der Bürgermeister. Sie sei entschlossen gewesen, den Menschen dort zu helfen, obwohl sie die Gefahren ganz klar gesehen habe.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3 7