27.06.2006 · Deutschland ist fern und oft auch fremd. So wie vor vier Jahren ausländische Reporter über Japan und Korea, über Kimchi und Sushi berichteten, zeigen die Koreaner jetzt Deutschland. Kein Wort der Kritik über Super-Patriotismus im Fußballfieber.
Von Anne SchneppenDie deutsche Patriotismusdebatte während der Fußball-Weltmeisterschaft hat es nicht bis Korea geschafft. Deutschland im Wandel des 20. und 21. Jahrhunderts? Flagge zeigen ohne Scheu oder schlechtes Gewissen? Gibt es eine Anstößigkeitsgrenze für zuviel Schwarz-Rot-Gold?
Südkoreanische Fußballfans, selbst wenn sie sich nach der Niederlage der eigenen Mannschaft in der folgenden Nacht noch aufrafften, die triumphalen Bilder vom Einzug der Deutschen ins Viertelfinale am Fernseher zu verfolgen, verstehen schon die Fragen nicht. Ist das nicht ganz normal? War vor vier Jahren nicht Südkorea in Rot getaucht und Fahnen überall? Umgeben von den Größen Japan, China und Rußland, nationalisiert das kleine Südkorea ohnehin jegliche außergewöhnliche Leistung zur ungehemmten Selbstdarstellung: Klonforschung, Flachbildschirme, Eisschnelläufer, weibliche Golfspieler - und bis zum Ausscheiden in Hannover auch den Fußball. Unbekümmert werden die Symbole des Staates gezeigt.
Mischung aus Unkenntnis und mangelnder Sensibilität
Deutschland ist fern und oft auch fremd. In einer Mischung aus Unkenntnis und mangelnder Sensibilität dekorierte ein Wirt in Ulsan vor der WM 2002 seine Kneipe mit Hakenkreuzen und Hitlerbildern, wurden in Seoul Wehrmachtsuniformen als schick-schockierende Verkleidung verkauft: Europäische Fußball-Reporter berichteten empört über solche Einzelfälle, und in Korea wunderte sich mancher über die Entrüstung. Auf der Halbinsel wird Deutschland nicht sofort mit den dunklen Seiten seiner Geschichte verbunden.
Der Gastgeber der WM 2006 steht in Korea vielmehr für Philosophie, Technologie, Autos - und jetzt eben auch für guten Fußball. Die allabendlichen Berichte zum Sportereignis sind Kultur- und Tourismussendungen, vor allem über jene Städte und Regionen, in denen die eigene Mannschaft spielte. Die ausgesandten Reporter interessieren sich für die koreanische Gemeinde im Großraum Frankfurt, die Stadt der Cebit oder ein Land, das seine Teilung friedlich überwunden hat. Der Süden des immer noch geteilten Koreas blickt dabei fast ängstlich auf die ökonomischen und sozialen Nachwirkungen der Wiedervereinigung.
Staunen über Müsli
Aber auch so fremde Verkehrsmittel wie eine einfache Straßenbahn sind für südkoreanische Medien ein Blickfang. Der Kanal KBS zeigt Bilder aus Leipzig: Wie funktioniert der regionale Nahverkehr? Warum hat jede Straße einen Namen? So wie vor vier Jahren ausländische Reporter über Japan und Korea, über Kimchi und Sushi berichteten, zeigen die Koreaner jetzt Deutschland. Das Fernsehteam wagt sich in das exotische Heim einer deutschen Durchschnittsfamilie. Was haben die morgens wohl auf dem Frühstückstisch? Staunend wird die Zubereitung des Müsli verfolgt, es fehlt nicht der Hinweis auf den organischen Anbau der Körnerkraftnahrung.
Koreanische Wahrnehmungen von Deutschland sind penible Mülltrennung, bezaubernde Altstädte, ein fast tropischer Sommer und natürlich ausgiebig bierselige Feiern im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer. Kein Wort der Kritik über Super-Patriotismus im Fußballfieber. Übrigens bekam auch der Osten Deutschlands gute Gastgebernoten - und das nicht nur, weil Südkorea in Leipzig den Franzosen ein Unentschieden abrang.