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Stuttgart 21 : Mission impossible

  • -Aktualisiert am

Vor einem Jahr erzählte Hany Azer noch begeistert, dass in Stuttgart kein Stein auf dem anderen bleiben werde Bild: dpa

Hany Azer gilt als einer der besten Ingenieure Deutschlands. Für die Bahn sollte er Stuttgart 21 bauen. Jetzt hat der Chefplaner des Milliardenprojekts entnervt aufgegeben: Er konnte nur noch unter Personenschutz arbeiten.

          Am Bauzaun vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof vergilbt der Protest unter der Maisonne. „Lügenpack“ steht auf einem Plakat, das schon bessere Tage gesehen hat. „Wer in Stuttgart unten durch will, ist bei uns unten durch.“ Vor dem Nordausgang verteilen Projektgegner gelbe Aufkleber. Das „Parkgebet“, so verrät eine Tafel neben dem Zelt der Mahnwache, muss an diesem Abend ausfallen.

          Einen Steinwurf entfernt blickt Hany Azer vom sechsten Stock eines schmucklosen Bürohauses nachdenklich auf Deutschlands umstrittenste Baustelle. Wie ein Feldherr steht er da, der gewahr wird, dass die Schlacht verloren ist. „Es tut mir in der Seele weh, aber ich kann das nicht mehr verkraften.“

          Der Geist des Aufbruchs ist verflogen

          Vor einem Jahr saß Hany Azer hier noch wie ein Junge vor der Bauklötzchenkiste und erzählte davon, dass in Stuttgart kein Stein auf dem anderen bleiben werde. Ein kleiner, drahtiger Mann mit einem Spatengesicht. Die ersten Bautrupps hatten sich am Gleisvorfeld zu schaffen gemacht. 7000 Menschen sollten bald unter seinem Kommando stehen. 33 Kilometer Tunnel, drei neue Bahnhöfe, 18 Brücken, 60 Kilometer ICE-Trasse. Sieben Milliarden Euro. Europas größte Baustelle. Ein gigantisches Werk, ganz nach dem Geschmack des Ägypters Hany Azer, eine weitere Kathedrale der Mobilität.

          Deutschlands umstrittenste Baustelle
          Deutschlands umstrittenste Baustelle :

          Der Geist des Aufbruchs ist verflogen. Draußen vor dem Büro fläzt sich ein breitschultriger Mann auf einem roten Sofa. Er ist Personenschützer und folgt dem Bauleiter, der als einer der besten Ingenieure Deutschlands gilt, seit Monaten auf Schritt und Tritt. Bald wird er einen anderen bewachen. Hany Azer hat in dieser Woche seinen Job hingeworfen. Wegen der vielen persönlichen Anfeindungen. Der Bauleiter gilt nicht als empfindlich. Es heißt von ihm, sein Dickschädel sei härter als die Bohrköpfe im Tunnelbau. Jetzt hat er genug. „Ich wollte mich bei meiner Arbeit nicht länger hinter Bäumen verstecken“, sagt er und streicht dabei über die Krawatte, die wie immer tadellos sitzt.

          Früher galt Stuttgart als tolerante und liberale Stadt, geschätzt für ihre Streitkultur, in der das Versöhnende einen festen Platz hatte. Unvergessen ist, wie der frühere Oberbürgermeister Manfred Rommel die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe trotz heftiger Proteste auf dem Stuttgarter Dornhaldenfriedhof beerdigen ließ. Heute sorgt die Stadt durch Schlagstockeinsätze gegen Demonstranten für Schlagzeilen, und Oberbürgermeister Wolfgang Schuster traut sich auch nur noch mit Leibwächtern unters Volk. Der neuen Werbeagentur für Stuttgart 21 wurde die Eingangstüre zertrümmert. Im Rest der Republik reibt man sich die Augen, von „Mobbing“ und „grüner Ökodiktatur“ ist die Rede.

          Wütende Bürger beschimpften ihn als „Terroristen“

          So weit ist es noch nicht. Doch die Gräben in der baden-württembergischen Landeshauptstadt sind tief. Es scheint nur noch Schwarz und Weiß zu geben, nur noch Befürworter und Gegner von Stuttgart 21. Die Lokalzeitungen werden mit Protestbriefen ihrer Leser überhäuft. Die eine Hälfte droht mit Abokündigung, weil die Redakteure angeblich ständig für den neuen Bahnknoten schreiben. Die andere Hälfte schimpft, dass permanent an Stuttgart 21 herumgemäkelt werde.

          Diese Unversöhnlichkeit hat Hany Azer die Lust an seinem Job genommen. Angefangen hat es im Sommer, als der Bauzaun um den Nordflügel errichtet wurde. Wütende Bürger beschimpften ihn als „Terroristen“ und nannten ihn in einem Atemzug mit Usama Bin Ladin. Azer wollte mit den Leuten reden. Die Polizei schickte ihn fort, weil die Lage zu eskalieren drohte. „Eine solche Aggressivität habe ich noch nie erlebt.“

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