27.08.2010 · Die Protestierer vor dem Stuttgarter Bahnhof demonstrieren Gelehrsamkeit: mit Hegel, Schiller und vielen Gutachten. Vielen geht es beim Protest um alles - und vor allem sich selbst. Manche harren aus bis in den frühen Morgen.
Von Timo Frasch, StuttgartHätte Hegel, der große Stuttgarter Staatsphilosoph, der die politische Vernunft so sehr überschätzte und vom „Stuttgart-21“-Verfechter Manfred Rommel so gerne in Anspruch genommen wird - hätte dieser Hegel „Stuttgart 21“ gewollt? Oder Hölderlin, der seinen langen Lebensabend just in der Stadt zubrachte, in Tübingen nämlich, der mit dem Grünen Boris Palmer einer der schärfsten Kritiker des Projekts vorsteht? Und erst Schiller, der nach Aussage eines Protestwortführers „ein Widerständler war wie wir“? Auch solche gelehrten Fragen werden gegenwärtig auf dem Kiesinger-Platz vor dem Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs durchs Mikrofon verhandelt - und natürlich mit einem schallenden „Nein“ beantwortet.
Die Botschaften solcher Demonstranten sind klar. Erstens: „Ceterum censeo stationem non esse delendam“ - so steht es in großen Lettern am Absperrzaun vor dem Bahnhof. Zweitens: Die, die hier stehen, sind kein Pöbel oder niederes Stimmvieh, wie es - so wird unterstellt - die Stuttgart-21-Befürworter vielleicht gerne hätten. Nein: „Wir sind das Volk“, und zwar im bürgerlichsten Sinne des Wortes.
Drittens: Wenn dieses Volk sich erhebt, dann kann es nicht bloß um einen Bahnhof gehen, sondern nur um alles - den einen um die Bäume, die gefällt werden sollen; den anderen um „Gefahren für Leib und Leben“, die der „geologische Irrsinn“ der Tunnelbohrungen mit sich bringe; wieder anderen um sich selbst oder um die Beendigung von „Korruption, Vetterleswirtschaft und Absolutismus“: „Mappus, nemm Dein Hut und geh/koiner will de meh“, singen die Protestierer am frühen Donnerstag, kurz nach Anbruch der Geisterstunde.
„Die Bahn gehört immer noch uns, dem Volk“
Es hat zuvor allerlei Spekulationen darüber gegeben, wann der Abrissbagger, der schon mehrere Tage hinter den von Polizisten bewachten Zäunen am Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs steht, mit seiner Arbeit beginnen werde. Die einen sagten, der Bauherr, also die Bahn, „die immer noch uns, dem Volk gehört“, werde wohl warten, bis die Urlaubszeit für die Bauarbeiter vorüber ist. Andere glaubten, dass viel entscheidender sei, wann die Urlaubszeit der Demonstranten zu Ende gehe. Dann, so sagten diese, werden sie, also die Mächtigen da oben, die mit dem Bahnhof nach unten wollen, durch Zerstörung Tatsachen schaffen - und nicht, wie es der FDP-Stadtrat Michael Conz stilsicher sagte, „die Bauarbeiten nun für die Bürger erlebbar“ machen.
Um halb drei am Mittwochnachmittag ist es dann soweit. Der Bagger beginnt unerwartet bei vollem Tageslicht mit seiner unsentimentalen Arbeit. Es dauert nicht lange, bis die sogenannten „Parkschützer“, die das organisatorische Rückgrat des Protests bilden, über Mailinglisten so viele Leute zusammengetrommelt haben, dass am Kiesinger-Platz großer Kopfbahnhof ist und der Verkehr auf dem Cityring zum Erliegen gebracht wird. Auch ein TGV wird für eine Stunde am Weiterfahren gehindert. Das soll ein Vorgeschmack darauf sein, was die Bahnkunden angeblich erwartet, wenn „Stuttgart 21“ das geworden sein wird, was es in gewisser Weise schon jetzt ist: Realität und Wahnsinn.
Tief in die Materie eingearbeitet
Als sich auch diejenigen, die tagsüber noch beim Daimler oder beim Bosch gearbeitet haben, zu den Demonstranten gesellen, sind es nach Angaben der Polizei 6000 Personen, nach Angaben der Demonstranten doppelt so viele - mindestens, eher 30 000. Auch hinter dieser Differenz vermuten die Protestierer System, eine Schliche des „Lügenpacks“ und der „Maultaschenconnection“, zu der vom Polizeipräsidenten über den Ministerpräsidenten Mappus und den Stuttgarter Oberbürgermeister Schuster bis hin zu Bahnchef Grube alle gezählt werden, die „Stuttgart 21“ für demokratisch legitimiert und unumkehrbar halten oder jedenfalls so tun müssen als ob.
Unter den Demonstranten sind viele, die glaubhaft den Eindruck erwecken, als hätten sie sich so sehr in ihre Materie eingearbeitet wie es sonst nur die Ingenieure der schwäbischen Automobilunternehmen zu tun pflegen. Sie reden von Gesteinsschichten, Grundwasserabsenkung, Gutachten und Gegengutachten. „Wer noch immer für Stuttgart 21 ist, der hat sich nicht genügend informiert“, sagt einer, der nach eigenen Angaben noch nie zuvor gegen irgendetwas demonstriert hat. Er verweist auf ein bisher kaum beachtetes geologisches Gutachten, über das am nächsten Tag die Zeitschrift „Stern“ berichten werde und in dem beschrieben wird, wie riskant Untergrundarbeiten im von Hohlräumen zersetzten Stuttgarter Untergrund sein werden.
Die Demonstranten harren aus bis in den frühen Morgen
Dass sich mancher unter den Demonstranten ausdrückt, als sei er Techniker oder Ingenieur, kann natürlich auch daran liegen, dass er Techniker oder Ingenieur ist. Gegen zehn Uhr nachts wird an einer blockierten Kreuzung ein Pressefotograf angegangen, er möge doch bitte die eben gemachten Bilder auf seiner Kamera löschen. Derjenige, der das mit Nachdruck sagt, zeigt dabei in den dunklen Stuttgarter Himmel, in dem auf dem Bahnhofsturm blau der Daimler-Stern leuchtet. „Siehst du das“, sagt er zum Fotografen. „Da arbeite ich. Und wenn mich mein Chef sieht, wie ich hier mit Bierflasche in der Hand demonstriere, dann habe ich ein Problem.“ Fast zur selben Zeit fahren mehrere Feuerwehrautos vor.
„Jetzt kommen sie mit den Wasserwerfern“, sagt eine junge Studentin aufgeregt. Fehlalarm. Die roten Fahrzeuge wollen zum Steigenberger-Hotel. „Saget se zumindescht“, sagt ein Rentner. „Aber heit ko ma ja koim meh glauba.“ Der Bagger hat seine Arbeit da schon längst beendet, gegen 17.30 Uhr. Die Demonstranten harren dennoch aus, bis um 20, um 22, um null Uhr. Gegen halb zwei lässt die Polizei nach mehrfacher Aufforderung und unter Zuhilfenahme berittener Kräfte die Straßen räumen. Der Protest habe aufgehört, friedlich zu sein, heißt es in einer Polizeimeldung, die der Sprecher der „Parkschützer“, Matthias von Herrmann, eine „massive Übertreibung“ nennt.
„Sie erwarten doch nicht, dass wir uns lächerlich machen“
Selbst nachts um fünf sind es noch immer gut zweihundert Personen, manche in ihren Schlafsack gehüllt, die gewillt sind, ihre Solidarität mit denen auszudrücken, die Stunden vorher über ein Gerüst auf das Dach des Bahnhofs geklettert sind. Die sieben gehören zu den „Parkschützern“, haben zuvor nach Angaben von Herrmann, der früher Greenpeace-Aktivist war, ein „Aktionstraining“ durchlaufen. Die Aufforderungen der Demonstranten, den sieben „Obenbleibern“ doch Nahrungs- und Getränkeversorgung zu gewähren, beantwortet die Polizei (Herrmann: „Deren Präsenz erinnert mich an die DDR-Grenze“) zunächst so: „Wenn die trinken wollen, sollen sie runter kommen. Dann kommen sie aber sicher nicht mehr hoch. Sie erwarten doch nicht, dass wir uns lächerlich machen.“
Bis zum Donnerstagnachmittag hat es sich die Polizei, die sich alle Mühe gibt, über Beschimpfungen und Nazivergleiche hinwegzuhören, doch anders überlegt. Es gibt Essen und Trinken - bis gegen 15 Uhr eine Spezialeinheit die sieben Demonstranten vom Dach des Bahnhofsgebäudes holt. Auf dem Kiesinger-Platz blockieren derweil die Demonstranten die Zufahrt zur Abrissstelle, an der nicht so vorsichtig abgerissen wurde wie angekündigt. Keine Maschine soll mehr rein, kein Bauschutt mehr raus. Während ein Aktivist ins Megaphon ruft: „Unser Gegner ist nicht die Polizei“, werden die ersten weggetragen.
Euer Gegner ist nicht die Polizei,
Johann Schulz-Gebeltzig (johannsg)
- 26.08.2010, 21:31 Uhr
Es ist nun genug über Querulanten, schwäbische Besserwisser berichtet worden
W. Müller (drschagg)
- 26.08.2010, 21:36 Uhr
Bauarbeiten, für den Bürger erlebbar gemacht! Schön! Ein Erlebnis-Wochenende der
Max Schreck (MaxSchreck)
- 26.08.2010, 21:38 Uhr
Wenn der Staat
Uwe Bussenius (uwebus)
- 26.08.2010, 21:47 Uhr
Müde und satt - wie schön ist datt
Frank Thiele (Frank_Thiele)
- 26.08.2010, 21:50 Uhr