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Studiengebühren „Philosophie bleibt billig“

07.02.2005 ·  Studiengebühren belasten die junge Generation zusätzlich. Das ist verteilungspolitisch nicht in Ordnung, sagt der Finanzwissenschaftler Bernd Huber, seit 2002 Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Darlehen und Stipendien müßten her.

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Bernd Huber, Finanzwissenschaftler und seit 2002 Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität in München über Studiengebühren und seine Ideen zur Studienfinanzierung.

Herr Huber, verstehen Sie die Empörung über die Einführung von Studiengebühren?

Ja. In München haben die Studierenden zwischen 500 und 800 Euro im Monat zur Verfügung. Wer davon künftig 100 Euro Gebühren zahlen muß, wird die Belastung spüren.

Und was sagt der Ökonom dazu?

Auch der Ökonom hat ein Problem: Wir belasten die junge Generation zusätzlich. Jedes Baby kommt ohnehin mit Staatsschulden von 200.000 Euro auf die Welt.

Das ist nicht gerecht.

Das ist zumindest verteilungspolitisch nicht in Ordnung. Und durch Studiengebühren wird diese Umverteilung von Jung zu Alt abermals verstärkt. Generationengerecht ist das nicht.

Aber heute finanzieren die Arbeiterfamilien die Karrieren der Bürgerkinder.

Das Argument leuchtet mir nicht ein. 10 Prozent der Einkommensteuerzahler finanzieren 40 Prozent des Einkommensteueraufkommens. Wenn Sie so wollen, finanzieren also die akademischen Besserverdiener über die Progression des Steuersystems die Einkommen der künftigen Akademiker.

Also kann alles bleiben, wie es ist?

Nein. Die Hochschulen sind chronisch unterfinanziert und brauchen zusätzliche Mittel. Gebühren wären da ein Weg, wenn sie nicht zu einer Sozialauslese führen.

Wer soll das Geld verteilen?

Die Universität muß das autonom in die Hand nehmen zur Verbesserung der Studien- und Betreuungsbedingungen. Ich habe große Sorge, daß den Universitäten die staatliche Grundfinanzierung gekürzt wird. Dann hätten wir ein Nullsummenspiel...

...und Studiengebühren wären tatsächlich nichts als eine Steuererhöhung zu Lasten der jungen Generation.

Genau dazu darf es nicht kommen. Denn dann versickern die Gebühren im allgemeinen Staatshaushalt.

Soll jede Universität dieselbe Gebührensumme nehmen?

Warum denn? Jede Hochschule muß frei sein, festzusetzen, was das Studium kostet. Noch wichtiger ist aus meiner Sicht, daß zwischen den Studiengängen preislich differenziert wird.

Medizin kostet dann mehr, Philosophie bleibt billig?

Genau. Dann wären Gebühren wirklich Preise für jene Leistungen, welche die Studenten einkaufen. Bei Einheitsgebühren für alle Fächer würden verstärkt Studiengänge angeboten, bei denen die Erlös-Kosten-Relation für die Universität besonders günstig ist. Das könnte auf Kosten der Naturwissenschaften oder der Medizin gehen.

Ein Fachbereich, der drei Nobelpreisträger beschäftigt, dürfte ebenfalls höhere Gebühren nehmen?

Selbstverständlich. Die differenzierten Preise müssen sich auch auf das Humankapital beziehen. Oder auf die Betreuungsrelation.

Wird das nicht dazu führen, daß die Studenten zu den „billigen“ Universitäten rennen?

Nicht unbedingt. Die Studierenden achten sehr wohl auf
das Verhältnis von Preis und Leistung.

Und wie sollen die Studenten die Gebühren künftig finanzieren?

Wir brauchen Stipendien und Darlehen. Ich bin entsetzt darüber, daß wir jetzt erst anfangen, darüber nachzudenken, obwohl das Verfassungsurteil nicht vom Himmel fiel, sondern vorhersehbar war.

Warum sollten Banken nicht Kredite zu zumutbaren Konditionen anbieten?

Ich warne vor zu großem Optimismus. Banken vergeben Kredite nur, wenn sie damit Geld verdienen. Bei der Studienfinanzierung gibt es große Ausfallrisiken.

Sie denken an Studienabbrecher oder künftige arbeitslose Akademiker.

Nicht nur. Wer Deutschland verläßt oder nie einen Beruf ergreift,
zahlt ebenfalls nicht.

Dann brauchen wir den Staat als Bürgen?

Das wäre für die Banken komfortabel. Aber der Staat sollte sich vorsehen.

Die staatliche KfW-Bank sieht einen Fall von Marktversagen.

Ich bin nicht sicher. Es gibt Länder, in denen durchaus private Darlehenssysteme funktionieren. Die KfW hat freilich recht: Wenn die Darlehen jedermann offenstehen sollen, funktioniert das unter rein marktwirtschaftlichen Bedingungen kaum.

Dann müssen die Studenten selbst einen Aufschlag zahlen für das Ausfallrisiko, eine Art Solidarversicherung?

Das mag wünschenswert sein. Aber ich fürchte, Sie überfordern die Solidarität der Menschen. Wer bei Studienbeginn schon weiß, daß er später beruflichen Erfolg hat, wird unter solchen verteuerten Bedingungen gar kein Darlehen aufnehmen. Dann rutscht das System rasch in die roten Zahlen.

Gibt es Alternativen?

Der Staat könnte Gutscheine ausgeben.

Wie funktioniert das?

Die Gutscheine werden bei den Hochschulen eingelöst, welche ihrerseits sich das Geld vom Staat holen.

Wo liegt der Vorteil?

Die Studenten werden zu Kunden. Sie ahnen, ob und an welcher Universität es interessant ist, diese Gutscheine für Bildung einzusetzen. Zugleich werden die Studierenden selbst finanziell nicht belastet.

Das ist zugleich der Haken?

Ja. Denn netto kommt dadurch nicht viel für den Staat in die Kasse.

Mit Gebühren oder Gutscheinen kann das Hochschulwesen finanziell gerettet werden?

Es gibt nicht nur ein finanzielles Problem. Es muß eine viel größere Bereitschaft in Staat und Gesellschaft geben, für die Universitäten
etwas zu tun. Dazu braucht es mehr Verständnis für Wissenschaft und Forschung jenseits aller technokratischer Berufsvorbereitung oder von der Wirtschaft gewünschten Forschung.

Das Gespräch führte Rainer Hank.

Bernd Huber ist seit 2002 Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Der 44jährige Finanzwissenschaftler lehrt seit 1994 in München. Zuvor war er in Würzburg, Dresden und Bochum tätig. LMU und TU München gelten vielen Rankings als die besten deutschen Hochschulen. Während der TU-Präsident Herrmann beide Hochschulen fusionieren will, lehnt Huber dies strikt ab.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.02.2005, Nr. 5 / Seite 41
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