http://www.faz.net/-gpf-6u2u5

Studie : „Irritierendes Verhalten vieler Migrantenkinder“

  • -Aktualisiert am

Die Erziehungsziele in bildungsfernen Einwandererfamilien unterscheiden sich von denen der deutschen Mittelschicht Bild: dpa

Eine KAS-Studie nennt Gründe für das Schulversagen vieler Migrantenkinder: Autoritätshörigkeit der Eltern, harte Strafen, geringe frühkindliche Bildung.

          Etwa ein Drittel der in Deutschland lebenden Migrantenkinder hat Probleme in der Schule. Die Gründe für ihre schlechten Leistungen und Disziplinschwierigkeiten haben die Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak und Aladin El Mafaalani jetzt im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung untersucht. „Irritierend, befremdlich und sozial unerwünscht“, so heißt es in ihrer Studie über „Muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland“, sei deren Verhalten bisweilen. Toprak und Mafaalani, selbst türkischer und syrischer Abstammung, zeigen Ursachen auf, geben aber auch Handlungsempfehlungen für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten, konservativen Einwandererfamilien.

          Mangelnder Erfolg in der Schule hat nach der Analyse der Autoren eine Reihe kultureller wie innerfamiliärer Ursachen. Ein Grund liege in der frühkindlichen Erziehung. Während deutsche Eltern in der Regel wüssten, dass die Grundlagen für schulischen Erfolg zu Hause gelegt werden, finde in türkischstämmigen Familien keine auf die Anforderungen der Schule ausgerichtete „Vorerziehung“ statt. Der Entwicklung der sprachlichen, motorischen und kognitiven Fähigkeiten ihrer Kinder zur Vorbereitung auf die Schule schenkten sie wenig Aufmerksamkeit. In einer hilflosen Autoritätsgläubigkeit verließen sie sich darauf, dass die Schule ihren Kindern schon beibringen werde, was sie wissen müssten. Sie kennen sich mit dem Schul- und Ausbildungssystem kaum aus, wie die Autoren schreiben, überschätzen die Funktion der Schule und geben ihre eigene pädagogische Verantwortung für den Lernerfolg komplett ab. Denn das sei das, was sie aus den Herkunftsländern kennen: „Dort ist es allein Sache der Lehrer, was Schüler lernen. Eltern würden sich niemals in die schulische Erziehung einmischen“, sagt Mafaalani, der Bildungsforscher und auch selbst Lehrer ist.

          Kinder unter starker Kontrolle

          „Umgekehrt würde ein Lehrer in der Türkei oder einem arabischen Land sich bei Schwierigkeiten mit einem Schüler niemals an dessen Eltern wenden“, sagt Toprak, der Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund ist. „Wenn das in Deutschland passiert, halten die Eltern den Lehrer für inkompetent. Dass er sie zur Mithilfe auffordert, legen sie als Zeichen der Schwäche aus.“ Umgekehrt deuten Lehrer die Nichteinmischung der Eltern als Desinteresse. Um Abhilfe für diese wechselseitigen Missverständnisse zu schaffen, schlagen die Autoren eine Elternarbeit vor, die sich nicht auf schriftliche Einladungen zu Elternabenden beschränken dürfe; Hausbesuche seien wirksamer.

          Ein weiterer Grund für schulische Schwierigkeiten sei, dass die Erziehungsziele in bildungsfernen Einwandererfamilien aus der Türkei sich von denen der deutschen Mittelschicht erheblich unterscheiden: Kinder sollen sich in erster Linie in die Gemeinschaft einfügen, in die sie hineingeboren werden, so die Überzeugung türkischer Eltern. Gehorsam gegenüber älteren Familienmitgliedern, Respekt vor Autoritäten, das Bewahren der Familienehre und das Befolgen der religiösen Regeln des Islams stehen auf der Skala ihrer Ziele ganz oben, wie die Autoren durch Interviews belegen. Kinder würden stark kontrolliert, auch gegängelt, ausgeschimpft und bisweilen sogar geschlagen. Die Tendenz, Jungen zu vergöttern, Mädchen aber zur Hausarbeit heranzuziehen und ansonsten zu vernachlässigen, existiere noch immer.

          Weitere Themen

          Die Autoren und das Geld hinter Wikipedia Video-Seite öffnen

          Gestiftetes Wissen : Die Autoren und das Geld hinter Wikipedia

          Wikipedia ist die am fünfthäufigsten besuchte Internetseite und damit eine der wertvollsten Plattformen weltweit. Dahinter steckt keine Profitidee, sondern eine Stiftung, die ohne Werbeeinnahmen auskommt.

          Helfer vereinen Familien wieder Video-Seite öffnen

          Verlorene Kinder aus Myanmar : Helfer vereinen Familien wieder

          Mehr als eine halbe Million Rohingya sind aus ihren Dörfern in Myanmar ins benachbarte Bangladesch geflüchtet. Im Chaos der Flüchtlingslager werden viele von ihren Familien getrennt. Helfer versuchen die Familien wieder zu vereinen.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel auf dem Weg auf dem Weg zum EU-Gipfel

          EU-Gipfel in Brüssel : Poker mit Erdogan

          Auf ihrem Gipfel in Brüssel beraten die EU-Staaten, wie sie den Druck auf die Türkei erhöhen können. Ein Abbruch des Beitritts ist bisher nicht in Sicht – wohl aber andere Maßnahmen.

          Christian Lindner : Demut unter der Dusche

          Der FDP-Vorsitzende legt am zweiten Tag der Sondierungen ein Buch über die Rückkehr der Liberalen vor – und seine Rolle dabei. Zudem will er einen Autoritätsverlust bei Merkel erkennen.
          Eheschließung für alle: Kritiker des Gesetzes befürchten eine schleichende Islamisierung des sozialen Lebens.

          Türkei beschließt neues Gesetz : Ehe für alle

          In der Türkei dürfen künftig auch Muftis Paare vermählen. Kritiker sehen das Gesetz als Angriff auf den Säkularismus – und befürchten eine Zunahme von Kinderheiraten.
          Ihre Bewerbung gefällt dem Kreml: die russische Journalistin Xenia Sobtschak, hier 2012 in Moskau

          Kandidatin Sobtschak : Ein Geschenk des Glamours

          Die Journalistin Xenia Sobtschak, die schon Glamour-Girl und Heldin in Reality-TV-Shows war, will bei der russischen Präsidentenwahl antreten. Das stößt auf Kritik – aus Sicht des Kremls ist ihre Bewerbung aber von Vorteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.