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Streitgespräch : Internet raus aus den Schulen?

Ein Schüler bedient ein interaktives Whiteboard in einer Berliner Grundschule. Bild: AP

Der Umgang mit dem Internet sollte ein fester Bestandteil des Unterrichts werden - oder doch nicht? Zwei Redakteure, zwei Meinungen.

          Jasper von Altenbockum: Unsere Schulen lassen sich viel zu sehr auf den Fetisch unserer Gesellschaft ein: das Netz. Das interaktive Whiteboard verdrängt die Tafel. Und transportiert einen Irrtum ins Klassenzimmer: dass die virtuelle Realität die maßgebliche sei.

          Mathias Müller von Blumencron
          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Matthias Müller von Blumencron: Die virtuelle Welt ist Teil unserer Realität, ob wir wollen oder nicht. Sie ist machtvoll, faszinierend, erschütternd, kriminell, hochintelligent und dumm zugleich. Und sie ist expansiv. Sie prägt die Welt, sie ist die Zukunft. Es ist die Welt unserer Kinder. Ich möchte, dass sie lernen, sich dort besser zurechtzufinden als viele ihrer Eltern. Und leider auch Lehrer.

          von Altenbockum: Viele Eltern (und hoffentlich auch die Lehrer) wollen aber, dass Kinder erst einmal in die Lage versetzt werden, ihren Verstand zu benutzen. Dass sie angeleitet werden, sich Wissen anzueignen und darüber nachzudenken. Dazu braucht man weder iPad, Smartphone noch Whiteboard.

          Müller von Blumencron: Völlig richtig: Ich brauche Verstand, ich brauche Kulturfähigkeiten, ich brauche intellektuelle Neugier, um die digitale Welt mit Gewinn zu nutzen. Aber weil das Internet eben nicht so einfach strukturiert ist wie ein Buch, muss ich auch lernen, mit der neuen Sphäre umzugehen. Der Umgang mit der digitalen Welt ist eine Kulturtechnik, die erlernt werden will. Und zwar nicht erst mit 16 oder 14, sondern spätestens nach der Grundschule. Dann toben die meisten Kinder nämlich schon darin herum.

          von Altenbockum: Sie toben leider schon dann darin herum, wenn sie noch nicht einmal richtig lesen, schreiben und rechnen können - wenn sie das denn je richtig lernen, weil „ja alles im Internet steht“. Die Schule unterstützt das auch noch: Referate („Präsentationen“) werden in blindem Vertrauen auf Wikipedia oder sonstige Inhalte erstellt, die auch noch irrtümlich als „Quellen“ empfohlen werden. Die Reihenfolge muss also heißen: erst Denken, dann Wissen, dann Kulturtechnik.

          Müller von Blumencron: In der Zeit des lebenslangen Lernens würde das bedeuten: Mit dem Internet beginnen wir am Lebensabend. So kann es nicht sein. Schulen haben die Pflicht, unsere Kinder rechtzeitig auf die Herausforderungen der Gesellschaft vorzubereiten. Und sie tun das nicht gut genug, wie die internationalen Vergleichsstudien etwa für Computerkompetenz zeigen. Ich habe das Gefühl, dass sich etliche Pädagogen vor dieser Herausforderung wegducken, weil es auch für sie bedeuten würde, ständig Neues zu lernen. Wie es übrigens auch in jedem anderen Beruf verlangt wird.

          von Altenbockum: Lernen setzt Fähigkeiten voraus, für die man nicht mehr oder weniger braucht als ein Stück Papier und einen Bleistift - und Lehrer, die ohne „Medien“ auskommen (die F.A.S. einmal ausgenommen). Nur wer netzfrei denken, fühlen und handeln kann, hat die nötige Distanz, um damit frei und kompetent umgehen zu können. Das ist übrigens auch die Lehre aus der Netzgeschichte: Viele Digital Natives wollen lieber nicht an ihr Geschwätz von gestern erinnert werden . . .

          Müller von Blumencron: . . . und viele Traditionalisten denken längst: Hätten wir doch die Chancen rechtzeitig ergriffen. Dieser Ansatz bedeutet doch eine erneute Verlagerung von Aufgaben Richtung Eltern: Wieder wird ihnen mehr aufgebürdet, denn an ihnen bliebe es ja hängen, ihre Kinder auf die Gesellschaft im 21. Jahrhundert angemessen vorzubereiten. Wir können doch nicht so tun, als wären Schüler rein vergeistigte Wesen, die in einem Refugium des Denkens aufwachsen, mit Schreibmaschine schreiben und ihre Referate allenfalls mit dem Matrizendrucker vervielfältigen.

          von Altenbockum: Die Schüler machen auch nicht schon den Führerschein in der Vorschule, kommen ganz gut ohne Fernsehen im Unterricht aus, weinen dem Sprachlabor keine Träne nach und sollten den Taschenrechner nicht schon in der Grundschule benutzen. Die Eltern, die ihre Kinder mühsam vom Facebook-Wahn abhalten, finden es außerdem ganz gut, wenn nicht ausgerechnet die Schule dazu auffordert, sich über Whatsapp die Hausaufgaben zu besorgen, die dann per Google gelöst werden. Nur Apple, Google und Microsoft freuen sich über eine solche Verdummung.

          Müller von Blumencron: Demokratie geht nicht wie Autofahren. Gerücht von Wahrheit zu unterscheiden, Theorien von Verschwörungstheorien, Facebook-Fetzen von fundierten Artikeln: das ist nicht nur für den Einzelnen wichtig. Medienkompetenz ist essentiell für den demokratischen Prozess. Das Informieren, Verstehen, Aufklären hat sich in die digitale Welt verlagert. Viele Erwachsene finden sich dort nicht zurecht. Die Schulen müssen dabei helfen, den Kindern Taktiken für den digitalen Dschungel zu vermitteln. Damit nicht eine Generation heranwächst, die Wahrheit nur noch bei Facebook sucht.

          von Altenbockum: Warum die Schüler erst in den digitalen Dschungel zerren, um sie mühsam wieder herauszulotsen? Lieber gleich Cicero als vorher noch Sascha Lobo.

          Müller von Blumencron: Die sind doch längst im Dschungel unterwegs. Und ausgerechnet der Mann, der schon an seiner damaligen Welt verzweifelte und sie zum „Irrenhaus“ erklärte, soll sie da wieder hinausführen?

          Quelle: F.A.S.

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