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Streit um „Beutekunst“ Goethe in Krakau

27.07.2007 ·  Als „Beutekunst“ hatte Sonderbotschafter Eitel deutsche Kulturgüter bezeichnet, die Polen weiter einbehält. Warschau protestiert nun ob dieser Wortwahl: Anders als die Besatzer habe Polen im Krieg nichts „geraubt“. Von Konrad Schuller.

Von Konrad Schuller, Warschau
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Die polnische Außenministerin Anna Fotyga war „schockiert“. 62 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte ein deutscher Diplomat, Sonderbotschafter Tono Eitel, Worte benutzt, die aus polnischer Sicht dem Vokabular des Krieges entstammen. Eitel, der im Auftrag der Bundesregierung über die Rückführung deutscher Kulturgüter im Osten verhandelt, hatte die Schätze, die immer noch in Polen und in Russland liegen, als die letzten „Gefangenen“ des Weltkriegs bezeichnet und außerdem auf Polen und Russland den Begriff des „Beutenehmers“ gemünzt.

Die Aufregung im Warschau Außenministerium spiegelt einen juristischen, aber auch politisch-historischen Gegensatz zwischen Deutschland und Polen wider, der bis heute ungelöst ist. Gegenstand des Streits sind deutsche Kulturgüter, die im Kriege zum Schutz vor alliierten Bomben beispielsweise von Berlin nach Krakau gebracht wurden und seither dort liegen. Dazu gehören Bestände der Preußischen Staatsbibliothek, Bilder, Musikalien von Mozart und Beethoven, Nachlässe von Goethe, Handschriften, und nicht zuletzt das Lied der Deutschen in der Handschrift Hoffman von Fallerslebens.

Nichts „geraubt“

In der Bundesregierung heißt es, Polen müsse diese „Beutekunst“, wie der Unterhändler Eitel sie nennt, zurückgeben, weil die Haager Landkriegsordnung von 1907 die Wegnahme von Kulturgütern verbiete. Außerdem sehe der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag von 1991 Verhandlungen in dieser Sache vor. (Siehe dazu: Beutekunst: Die letzten deutschen Kriegsgefangenen)

Die polnische Seite interpretiert die rechtliche Lage anders. Nach Warschauer Lesart hat Polen im Zweiten Weltkrieg anders als die deutsche Besatzungsmacht nie „Beute“ gemacht und nichts „geraubt“. Warschau verweist darauf, dass als Folge des Zweiten Weltkriegs die deutschen Ostgebiete nach dem Potsdamer Abkommen samt aller Kulturgüter – Kirchen, Altäre, Schlösser – an Polen gefallen seien.

Schon am 8. März 1946 seien sie dann, wie aller deutsche Besitz, durch ein Dekret zu polnischem Staatseigentum erklärt worden. Der polnische Unterhändler Wojciech Kowalski sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Rechtlich gesehen, handelt es sich hier um Eigentum des polnischen Staates.“ Der Eindruck, dass Polen etwas „geraubt“ habe, sei verfehlt.

„Dann gib mir bitte ein anderes“

Kowalski gibt zu bedenken, dass die bloße gegenseitige Restitution von Kulturgütern für Polen ein sehr ungleiches Geschäft wäre. Während nämlich Polen die zurückgelassenen deutschen Schätze gerettet habe, seien die verlorenen Güter Polens von der deutschen Besatzung im Krieg sehr oft gezielt vernichtet worden.

So seien etwa 80 Prozent der Warschauer Nationalbibliothek oder die Krasinski-Bibliothek absichtlicher Zerstörung zum Opfer gefallen. Wenn man sich nun auf gegenseitige Restitution einige, werde Polen möglicherweise fast nichts zurückerhalten können, Deutschland aber viel. Dies könne seine Regierung dem „Publikum“ unmöglich verständlich machen. Kowalski regt deshalb an, die verbliebenen deutschen Güter als eine Art „Sachentschädigung“ zu sehen: „Wenn du das Buch, das du mir genommen hast, nicht zurückgeben kannst, dann gib mir bitte ein anderes.“

„Widerrechtlich in Polen“

In der Bundesregierung weiß man, dass diese Position der deutschen Auffassung „total“ widerspricht. „Es handelt sich hier um deutsches Kulturgut, das widerrechtlich in Polen liegt“, sagte ein Regierungsvertreter am Freitag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Wir geben das unter keinen Umständen auf und halten das Thema auf der Tagesordnung.“ Allerdings hat Polen die im Nachbarschaftsvertrag verabredeten Gespräche 2005 abgebrochen und nicht wieder aufgenommen.

Die polnische Seite gibt sich dagegen Mühe, Beweglichkeit zu zeigen. Kowalski empfiehlt, das Thema nicht rein „juristisch“ zu sehen, sondern eine „politische“ Lösung zu suchen. „Alles ist möglich, aber wir können über unsere Rechtsposition nicht einfach hinwegsehen.“ Der Bundesregierung ist allerdings schleierhaft, was mit einer solchen „politischen Lösung“ gemeint sein könnte.

Deutsche Quellen bestreiten Kowalskis Darstellung, dass in diesem Zusammenhang ein „politischer Prozess“ im Gange sei, oder dass Polen irgendwelche Vorschläge mache. Eitel, der zuständige Unterhändler, hat in einem Aufsatz allerdings darauf hingewiesen, dass polnische Zeitungen immer wieder angeregt hätten, Polen solle sich die deutschen Schätze einfach mit ein paar Millionen Euro bezahlen lassen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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