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Veröffentlicht: 10.09.2008, 18:33 Uhr

Probstzella Kein Geld für dunkle Geschichte

Eine frühere Grenzübergangsstelle in die DDR soll abgerissen werden. Dagegen regt sich Widerstand. Der Bürgermeister des Grenzorts sagt, es fehle das Geld zum Unterhalt.

von
© Bernd Helfert

Bedrohlich ragt die verwahrloste Grenzübergangsstelle (GÜSt) an der Bahnlinie München-Berlin im thüringischen Probstzella auf. Der Betonkubus aus den siebziger Jahren fügt sich weder in die Landschaft noch in die Architektur des Dorfes mit seinen 1500 Einwohnern an der Grenze zu Bayern.

Die GÜSt war über Jahrzehnte ein Ort der Einschüchterung und der Demütigung. Hier demonstrierte der SED-Staat seine Macht: Rollte ein Zug ein, umstellten ihn bewaffnete Einheiten. Hunde schnüffelten in den Waggons nach Hinweisen auf Republikflüchtlinge. Die Kontrolleure trugen Uniformen der Grenztruppen, waren aber Mitarbeiter der Staatssicherheit.

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Die Gemeinde ist des Schandflecks überdrüssig. Sie ersteigerte den Bau für 3500 Euro vom Bund, um ihn abzureißen. Mit eigenen Mitteln, aber auch mit Geld der EU und des Freistaats kamen dafür 144 000 Euro zusammen.

Gegen den Abriss regt sich Widerstand. Roman Grafe, der das Buch "Die Grenze durch Deutschland" schrieb und sich als Dokumentarfilmer mit der deutsch-deutschen Geschichte befasste, schlägt einen Teilerhalt der GÜSt vor. Für den Erhalt wirbt auch Karin Gueffroy, die Mutter des letzten an der Mauer erschossenen Flüchtlings: „Es ist nicht zu fassen. Die reißen die ganze DDR-Vergangenheit ab. Und später versuchen sie es wieder aufzubauen, wie jetzt in Berlin an der Mauergedenkstätte. Aber das ist nicht authentisch.“

Auch der Schriftsteller Erich Loest, Hildigund Neubert, die Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen, oder die Autorin und Regisseurin Freya Klier fordern den Erhalt der GÜSt.

Doch die Appelle dürften ungehört verhallen. An diesem Donnerstag, erwartet Bürgermeister Marko Wolfram (SPD), dürfte der Gemeinderat mit den Stimmen aller Mitglieder den Abriss beschließen. Auch Wolfram bedauert den unabwendbar erscheinenden Beschluss, denn „historisch wäre der Erhalt des gruseligen Ortes, wo man noch die Luft der DDR atmet, eine interessante Sache“, aber die Mittel seien zweckgebunden, die Abrissfirma komme am Montag, und für den Erhalt der GÜSthabe die Gemeinde kein Geld.

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