23.04.2007 · Nach der Wahl ist vor der Wahl: In Frankreich bereiten sich die verbliebenen Präsidentschaftskandidaten auf die Fortsetzung ihrer Kampagnen vor. Während Sarkozy auf eine inhaltliche Debatte setzt, ist die Strategie der Sozialistin Royal noch unklar.
Von Michaela Wiegel, ParisIn der dunkelblauen Renault-Velsatis-Limousine, die an den republikanischen Garden vorbei in den Innenhof des Elysée-Palastes vorfährt, sitzt Nicolas Sarkozy. Der Sieger des ersten Wahlganges hat es sich nicht nehmen lassen, am Montagmorgen im Präsidentenpalast vorbeizuschauen. Natürlich nur als Gast, auf Einladung von Jacques Chirac, der ihm zu seinem Erfolg gratulieren wollte. Sarkozy erfüllt es mit Stolz, dass seine von vielen skeptisch beäugte Strategie des Stimmenfangs am äußersten Rand der Rechten aufgegangen ist. Mindestens eine Million Wähler hat Sarkozy dem Front-National-Kandidaten abspenstig gemacht und das Bonmot Le Pens umgekehrt, seine Wähler entschieden sich lieber für das Original als für die Kopie.
Sarkozy hat für die bürgerliche Rechte das beste Ergebnis im ersten Wahlgang seit 1974 erzielt, als Valéry Giscard d'Estaing 32,6 Prozent erhielt. Insbesondere die „classes populaires“ genannten unteren Einkommensschichten, Arbeiter, niedere Angestellte und Handwerker, hat Sarkozy für die bürgerliche Rechte zurückerobert. Dem UMP-Vorsitzenden gelang es, die Bastionen der extremen Rechten im mediterranen Süden wie im Elsass zu Fall zu bringen. So lag er mit 36,2 Prozent im Elsass auf dem Spitzenplatz, an der Côte d'Azur schaffte er es im Département Alpes-Maritimes sogar auf 43,5 Prozent.
„Ségolène Royal würde Frankreich ruinieren“
Le Pen verlor an der Mittelmeerküste zwischen zehn und zwölf Prozentpunkte. In Marseille, wo Le Pen 1988, 1995 und 2002 den Spitzenplatz erhielt, siegte Sarkozy mit 34,25 Prozent. Selbst in Lyon, Hochburg der Zentristen, gaben die Wähler mit 34,4 Prozent Sarkozy die meisten Stimmen. In Paris, das seit 2001 von einem sozialistischen Bürgermeister geführt wird, errang Sarkozy 35 Prozent - Ségolène Royal schaffte nur 32 Prozent.
Sarkozy wirkte am Sonntagabend im überfüllten Saal Gaveau sichtlich erleichtert, dass es in der Stichwahl am 6. Mai zu dem Duell gegen die Linke kommt, das er sich erträumt hat. Seine Strategie gegen Ségolène Royal ist klar: Er will eine Debatte über das Präsidentschaftsprojekt, eine inhaltliche Auseinandersetzung, die offenbaren möge, wie unausgereift Ségolène Royals Programm noch ist. Wie ein Signal wirkt da die Entscheidung von deren früherem Wirtschaftsberater Eric Besson, nach dem Rücktritt aus Wahlkampfstab und Sozialistischer Partei Sarkozy zu unterstützen, weil „Ségolène Royal Frankreich ruinieren würde“.
Sarkozy will Solidarität „wie in einer Familie“
„Die Franzosen haben klar ihren Wunsch ausgesprochen, dass wir die Debatte über zwei unterschiedliche Vorstellungen von der Nation, zwei Gesellschaftsprojekte, zwei Wertesysteme, zwei politische Konzepte zu Ende führen“, sagte Sarkozy. Nach der an der Grenze der republikanischen Verträglichkeit geführten Debatte etwa über genetische Prädisposition zur Pädophilie und zum Suizid hat Sarkozy jetzt den Weichspülgang eingeschaltet. „Ich will alle Franzosen beschützen, die sich vor der Zukunft fürchten, die sich fragil und verletzlich fühlen, die das Leben immer schwerer und härter finden“, sagte Sarkozy.
„Ich will sie gegen die Gewalt und die Kriminalität schützen, aber auch gegen illoyale Konkurrenz, gegen Stellenverlagerungen, gegen die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen, gegen die Ausgrenzung. Ich will mit ihnen über Schutz sprechen, ohne mich des Vorwurfs des Protektionismus auszusetzen. Ich will ihnen von der Nation erzählen, ohne mich des Vorwurfs des Nationalismus auszusetzen.“ Er stelle sich das künftige Frankreich als eine brüderliche Republik vor, in der die Schwächsten „wie in einer Familie“ genauso viel „Liebe, Respekt und Beachtung“ finden wie die Stärksten. Sarkozy nannte das den „neuen französischen Traum“.
Mit einem „positiven Projekt“ die Wähler gewinnen
Weniger idealistisch geht Sarkozy in seiner Sammlungsstrategie vor, mit der er sich Stimmen insbesondere von der Wählerschaft Bayrous sichern will. Ursprünglich sollte der Joker seiner Verhandlungen mit Bayrou das Versprechen sein, das zur Bündnispflicht zwingende Mehrheitswahlrecht durch eine wohldosierte Portion Verhältniswahlrecht bei den Parlamentswahlen „aufzulockern“. Doch diese Karte hat sein Berater Brice Hortefeux schon vor der Wahl gezogen und damit einen Wutanfall seines Chefs provoziert. Jetzt müht sich Sarkozy darum, mit Wahlkreis-Abkommen die Zentristen zu ködern - und mit Wahlkundgebungen just im Stammgebiet der zentristischen Wählerschaft, etwa an diesem Dienstagabend in Rouen.
Ségolène Royal hingegen ringt noch um eine Strategie. In ihren Reden in Melle und, später in der Nacht, vor dem Parteisitz der Sozialisten in Paris, lavierte sie noch zwischen dem Wunsch eines beachtlichen Teils der linken Wählerschaft, sie zur Frontfrau eines „Alles, nur nicht Sarkozy“ (“Tout sauf Sarkozy“)-Referendums zu erheben, und der Forderung des Parteivorsitzenden Hollande und einer Mehrheit der Parteihierarchen, mit einem „positiven Projekt“ die Wähler zu gewinnen.
Royal profitierte stark von den Neuwählern
„Ich gehöre heute nicht mehr nur den sozialistischen Anhängern“, sagte Ségolène Royal in der Rue de Solférino vor der Parteizentrale. „Ich muss darüber hinausgehen und die ganze Linke und die Grünen um mich sammeln. Ich sehe viele junge Leute, ich rufe alle Kräfte der Jugend auf, mit uns ein gerechteres Frankreich und eine bessere Welt aufzubauen. Ich werde mich auf diese Energie stützen, um in diese Schlacht zu ziehen und sie zu gewinnen“, sagte Frau Royal. Und: „Ich spüre eine Welle, die sich nähert, die Millionen über Millionen Franzosen zu den Urnen gebracht hat. Wir haben die große Verantwortung, ein neues Frankreich aufzubauen.“
Ségolène Royal hat von der großen Zahl der Neuwähler (mehr als vier Millionen) am meisten profitiert, die zum ersten Mal durch Eintrag in die Wählerlisten von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Insbesondere in den Sozialbausiedlungen im Département Seine-Saint-Denis (93) im Norden von Paris, wo im Herbst 2005 die Banlieue-Unruhen begannen, haben die Wähler massiv für die Sozialistin gestimmt. Die Front National erhielt in Seine-Saint-Denis nur mehr neun Prozent.
„Royal wird Bayrou kein Parteibündnis anbieten“
In Clichy-sous-Bois, wo die Unruhen nach dem Unfalltod von zwei Jugendlichen begannen, erlangte Frau Royal 41,63 Prozent der Stimmen, im gesamten Département 93 lag ihr Ergebnis bei 34,13 Prozent. Dabei hoben politische Beobachter hervor, dass die meisten Wähler ihre Entscheidung hier als Votum gegen Sarkozy verstanden, den sie wegen seiner markigen Sprüche über die Unruhestifter in der Banlieue fürchten.
Gänzlich unklar ist noch, wie Ségolène Royal sich die Stimmen der Wählerschaft Bayrous sichern will. Der frühere Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn, der vielen Zentristen wegen seiner sozialdemokratischen Überzeugungen Vertrauen einflößt, sagte am Wahlabend, dass er seit Tagen nicht mehr mit der Kandidatin gesprochen habe. Michel Rocard, der frühere Premierminister, und Bernard Kouchner, der frühere Gesundheitsminister, die einen Wahlpakt mit den Zentristen befürwortet hatten, blieben der Sitzung des „Politischen Rates“ der Kandidatin am Montag fern. „Ségolène Royal wird der UDF kein Parteibündnis anbieten“, sagte Dominique Strauss-Kahn.