Home
http://www.faz.net/-gpf-7fe9b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Steinbrück auf Wahlkampf-Tour Wenn das die Schweizer wüssten

Peer Steinbrück macht Wahlkampf in seiner Heimat. Kampfeslustig, fast trotzig wirkt er dabei. Vielleicht geht es auch schon um das Verlieren mit Anstand.

© dpa Vergrößern Steinbrück auf der Meyer-Werft in Papenburg

Die Boeing 747-8 zählt zu den größten Passagierflugzeugen, die derzeit gebaut werden. Auf dem Rollfeld der Lufthansa Technik AG in Hamburg wird eine solche Maschine, Nachfolgemodell der alten Jumbo Jets, gewartet. Peter Jansen ist Vorstandsmitglied der Technik AG und führt seinen Gast ins Cockpit. Peer Steinbrück nimmt Platz und stellt ein paar technische Fragen. Freilich ist er nicht des Fachsimpelns wegen in die Steuerungszentrale geführt worden, sondern einzig und allein wegen des Bildes: Der SPD-Kanzlerkandidat im Cockpit, Start in den Wahlkampf, der ihn zunächst auf Höhe und dann ins Kanzleramt bringen soll - Kampagnenberater und Fotografen lieben solche Termine.

Majid Sattar Folgen:  

Steinbrück, ein Mann, der sich für Technik begeistern kann, zieht eigentlich Schiffe Flugzeugen vor, doch eine Rundfahrt durch die Hafen-City seiner Geburtsstadt musste kurzfristig abgesagt werden. In der Boeing erzählt der Kandidat, dass er einmal in einem Flugsimulator gesessen habe: Start war in Genf und die Flugzeit nur sehr kurz, denn Steinbrück flog die Maschine gegen den Mont Blanc - wenn das die Schweizer wüssten! Er habe sich völlig verflogen, sagt er. Auch erinnert er sich, dass die Computergrafik sehr realistisch gewesen sei. So realistisch, dass Simulatorenprogramme im Unglücksfall einfach abbrechen, Bilder vom Absturz werden nicht gezeigt, schließlich sollen die Jungpiloten ausgebildet und nicht traumatisiert werden.

Steinbrück auf Wahlkampfreise Kandidat im Cockpit: Besuch bei der Lufthansa Technik AG © dpa Bilderstrecke 

Spitzenkandidaten müssen sich ebenfalls in Simulatoren begeben. Wer die Wochen bis zum Wahltag überleben will, muss sich in einer Umgebung aufhalten, in der solange über Auf- und Rückenwinde geredet wird, bis der Kandidat sie selbst zu spüren scheint. Und er muss am Horizont etwas erkennen, das nicht aussieht wie eine karge Felswand. Zwischenzeitlich gab es in der SPD arge Zweifel, ob es Steinbrück in diesem Sommer noch gelingen könnte, sich in diesen Zustand der Autosuggestion zu versetzen. Seine Gemütsverfassung changierte längere Zeit zwischen fatalistischer Selbstironie und hadernder Larmoyanz. Nun aber, nach ein paar Tagen Pause im Juli, die er zuhause in Bonn verbrachte, scheint er seelisch wieder einigermaßen hergestellt.

Kampfeslustig, fast ein wenig trotzig wirkt er am Donnerstagabend vor dem Hamburger Michel. Hier läutet er den Wahlkampf in der Hansestadt ein und übt ein Format, das bis zur Wahl an annähernd 40 Orten der Republik zum Einsatz kommen soll. Andrea Nahles, die Wahlkampfleiterin, nennt dieses Format eine moderne Großveranstaltung: ein rundes Zelt, Steinbrück in der Mitte, Bierbänke drumherum, ein Moderator, kurze Rede, viel Gespräch. Das ganze nennt sich „Klartext-Open-Air“ im SPD-Duktus. Hausherr Olaf Scholz begrüßt die Bürger auf der Michelwiese. Die Wolken haben sich rechtzeitig verzogen, die Sonne scheint, und die Leute sind ganz guter Dinge.

Gewiss, der Altersdurchschnitt könnte niedriger sein: graue Haarschöpfe prägen das Bild, aber immerhin, die Wiese hat sich gefüllt. Steinbrück sagt, was er nicht machen will: eine Stunde reden, langweiligen Frontalunterricht erteilen und dann wieder abziehen. Nein, er wolle sich kurz halten und das Ganze dialogischer aufziehen, so wie auf seiner Klartext-Tour durch die Bundesländer. Er redet dann zwar doch fast eine Stunde und zu einem Dialog kommt es auch nicht. Das liegt aber daran, dass an diesem Abend noch die sechs weiblichen Mitglieder seines „Kompetenzteams“ zu Wort kommen sollen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Europäische Kommission Schmeckt ziemlich deutsch

Jean-Claude Juncker hat die EU-Kommission geschickt umgebaut. Die Staaten bekamen, was sie wollten – und werden sich noch wundern. Eine Analyse. Mehr Von Thomas Gutschker

22.09.2014, 10:57 Uhr | Politik
ZDF-Korrespondent bringt Merkel ein Ständchen

Udo van Kampen, der Brüssel-Korrespondent des ZDF, hat Kanzlerin Merkel zum 60. Geburtstag ein Ständchen gesungen. Die Kanzlerin nahm den Vortrag in Brüssel mit Fassung und bedankte sich. Mehr

17.07.2014, 09:25 Uhr | Aktuell
Geniale Idee Luckes Licht

Vor 5 Jahren wurde die Glühbirne von der EU verboten. Die Liebhaber des warmen Lichts reagierten mit Wut und Enttäuschung. Die Alternative für Deutschland verkauft nun alte Glühbirnen. Schlau. Mehr Von Friederike Haupt

22.09.2014, 07:29 Uhr | Politik
Merkel: Amerikanische Spionage würde Partnerschaft widersprechen

Die deutsche Kanzlerin ist unterwegs in China. Am Montag äußerte sie sich und zeigte sich beunruhigt über den Spionagevorwurf gegen den BND-Mitarbeiter. Der Generalbundesanwalt prüfe den Fall. Mehr

07.07.2014, 11:33 Uhr | Politik
Besuch in Berlin Premier Valls verspricht den Deutschen Reformen

Der französische Premierminister hält es für absolut notwendig, dass sein Land einen noch härteren Sparkurs verfolgt. Bundeskanzlerin Merkel wünscht dem Regierungschef bei seinem Besuch in Berlin sehr viel Erfolg. Mehr Von Eckart Lohse, Berlin

22.09.2014, 14:34 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.08.2013, 08:30 Uhr

Mahnmal

Von Reinhard Müller

Der Nürburgring ist ein Mahnmal. Für das Geldversenken sind Landesregierungen immer noch gut. Mehr 2 3