Home
http://www.faz.net/-gpf-7fe9b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 10.08.2013, 08:30 Uhr

Steinbrück auf Wahlkampf-Tour Wenn das die Schweizer wüssten

Peer Steinbrück macht Wahlkampf in seiner Heimat. Kampfeslustig, fast trotzig wirkt er dabei. Vielleicht geht es auch schon um das Verlieren mit Anstand.

© dpa Steinbrück auf der Meyer-Werft in Papenburg

Die Boeing 747-8 zählt zu den größten Passagierflugzeugen, die derzeit gebaut werden. Auf dem Rollfeld der Lufthansa Technik AG in Hamburg wird eine solche Maschine, Nachfolgemodell der alten Jumbo Jets, gewartet. Peter Jansen ist Vorstandsmitglied der Technik AG und führt seinen Gast ins Cockpit. Peer Steinbrück nimmt Platz und stellt ein paar technische Fragen. Freilich ist er nicht des Fachsimpelns wegen in die Steuerungszentrale geführt worden, sondern einzig und allein wegen des Bildes: Der SPD-Kanzlerkandidat im Cockpit, Start in den Wahlkampf, der ihn zunächst auf Höhe und dann ins Kanzleramt bringen soll - Kampagnenberater und Fotografen lieben solche Termine.

Majid Sattar Folgen:

Steinbrück, ein Mann, der sich für Technik begeistern kann, zieht eigentlich Schiffe Flugzeugen vor, doch eine Rundfahrt durch die Hafen-City seiner Geburtsstadt musste kurzfristig abgesagt werden. In der Boeing erzählt der Kandidat, dass er einmal in einem Flugsimulator gesessen habe: Start war in Genf und die Flugzeit nur sehr kurz, denn Steinbrück flog die Maschine gegen den Mont Blanc - wenn das die Schweizer wüssten! Er habe sich völlig verflogen, sagt er. Auch erinnert er sich, dass die Computergrafik sehr realistisch gewesen sei. So realistisch, dass Simulatorenprogramme im Unglücksfall einfach abbrechen, Bilder vom Absturz werden nicht gezeigt, schließlich sollen die Jungpiloten ausgebildet und nicht traumatisiert werden.

Steinbrück auf Wahlkampfreise Kandidat im Cockpit: Besuch bei der Lufthansa Technik AG © dpa Bilderstrecke 

Spitzenkandidaten müssen sich ebenfalls in Simulatoren begeben. Wer die Wochen bis zum Wahltag überleben will, muss sich in einer Umgebung aufhalten, in der solange über Auf- und Rückenwinde geredet wird, bis der Kandidat sie selbst zu spüren scheint. Und er muss am Horizont etwas erkennen, das nicht aussieht wie eine karge Felswand. Zwischenzeitlich gab es in der SPD arge Zweifel, ob es Steinbrück in diesem Sommer noch gelingen könnte, sich in diesen Zustand der Autosuggestion zu versetzen. Seine Gemütsverfassung changierte längere Zeit zwischen fatalistischer Selbstironie und hadernder Larmoyanz. Nun aber, nach ein paar Tagen Pause im Juli, die er zuhause in Bonn verbrachte, scheint er seelisch wieder einigermaßen hergestellt.

Kampfeslustig, fast ein wenig trotzig wirkt er am Donnerstagabend vor dem Hamburger Michel. Hier läutet er den Wahlkampf in der Hansestadt ein und übt ein Format, das bis zur Wahl an annähernd 40 Orten der Republik zum Einsatz kommen soll. Andrea Nahles, die Wahlkampfleiterin, nennt dieses Format eine moderne Großveranstaltung: ein rundes Zelt, Steinbrück in der Mitte, Bierbänke drumherum, ein Moderator, kurze Rede, viel Gespräch. Das ganze nennt sich „Klartext-Open-Air“ im SPD-Duktus. Hausherr Olaf Scholz begrüßt die Bürger auf der Michelwiese. Die Wolken haben sich rechtzeitig verzogen, die Sonne scheint, und die Leute sind ganz guter Dinge.

Gewiss, der Altersdurchschnitt könnte niedriger sein: graue Haarschöpfe prägen das Bild, aber immerhin, die Wiese hat sich gefüllt. Steinbrück sagt, was er nicht machen will: eine Stunde reden, langweiligen Frontalunterricht erteilen und dann wieder abziehen. Nein, er wolle sich kurz halten und das Ganze dialogischer aufziehen, so wie auf seiner Klartext-Tour durch die Bundesländer. Er redet dann zwar doch fast eine Stunde und zu einem Dialog kommt es auch nicht. Das liegt aber daran, dass an diesem Abend noch die sechs weiblichen Mitglieder seines „Kompetenzteams“ zu Wort kommen sollen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
SPD und Flüchtlingskrise An der Seite der Kanzlerin

Die Umfragewerte der Kanzlerin sinken infolge der Flüchtlingskrise deutlich, aber einen wirklichen Vorteil kann die mitregierende SPD dadurch nicht ziehen. Warum nur? Mehr Von Majid Sattar, Berlin

28.01.2016, 09:51 Uhr | Politik
Merkel in Neubrandenburg Flüchtlinge müssen nach Kriegsende in ihre Heimat zurückkehren

Hunderttausende Flüchtlinge müssen sich darauf einstellen, dass Sie in ihre Heimat zurückkehren – sagt die Kanzlerin. Für EU-Staaten, die sich der Aufnahme verweigern, hat sie eine Botschaft. Mehr

31.01.2016, 15:17 Uhr | Politik
Matteo Renzi Wer Schengen zerstören will, will Europa zerstören

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi ärgert sich über Deutschland. Kurz nach seinem Besuch bei Angela Merkel fordert er ein Europa ohne Grenzen – und meint damit auch die Grenzen für Staatsdefizite. Mehr Von Tobias Piller, Rom

31.01.2016, 17:40 Uhr | Wirtschaft
Waffengewalt gegen Flüchtlinge AfD-Vorschlag sorgt für parteiübergreifende Kritik

Vize-Kanzler Sigmar Gabriel bekräftigte seine Forderung nach einer Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz. Auch Vertreter der Grünen und der CDU äußerten sich kritisch zum Vorschlag der AfD, mit Waffengewalt gegen Flüchtlinge an Deutschlands Grenzen vorzugehen. Mehr

01.02.2016, 16:24 Uhr | Politik
Schröder über Merkel Ich hätte nicht gesagt: Wir schaffen das

Deutschland verkrafte auch eine weitere Million Flüchtlinge, glaubt Altbundeskanzler Gerhard Schröder. Die Politik von Angela Merkel verteidigt er – mit einer wichtigen Einschränkung. Mehr

05.02.2016, 07:53 Uhr | Politik

Merkel arrabbiata

Von Daniel Deckers

Was Merkels Anruf beim Papst (wenn es ihn gab) gefruchtet hat, könnte Franziskus uns auch noch wissen lassen. Und gleich dazu, warum Putin von ihm in Sachen Syrien und Ukraine keine wütenden Worte fürchten muss. Mehr 5 7

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“