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Stefan M. Kreutzer: Dschihad für den deutschen Kaiser Des Kaisers Muslime

Max von Oppenheim (1860-1946) , Spross der bekannten Kölner Bankiersfamilie, zeitlebens Junggeselle, widmete sich nach dem Studium über Jahrzehnte hinweg seiner Leidenschaft für den Vorderen Orient, zunächst als Forschungsreisender und als Quereinsteiger im Auswärtigen Amt, dann als Archäologe und als Gründer des Tell-Halaf-Museums in Berlin.

© Fotos Max Freiherr von Oppenheim-Stiftung, Köln Vergrößern Max von Oppenheim

Eine illustrierte Ausgabe von „Tausendundeiner Nacht“ faszinierte ihn als Kind und prägte seinen Lebensweg. Max von Oppenheim (1860-1946), Spross der bekannten Kölner Bankiersfamilie, zeitlebens Junggeselle, widmete sich nach dem Studium über Jahrzehnte hinweg seiner Leidenschaft für den Vorderen Orient, zunächst als Forschungsreisender und als Quereinsteiger im Auswärtigen Amt (AA), dann als Archäologe und als Gründer des Tell-Halaf-Museums in Berlin. Seine Tätigkeit am Generalkonsulat Kairo und seit 1914 als Leiter der Nachrichtenstelle für den Orient im AA ist in den vergangenen Jahren umfassend erforscht worden. Seiner „Denkschrift betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“ vom Herbst 1914 widmet nun Stefan M. Kreutzer seine Studie „Dschihad für den deutschen Kaiser“.

Berichte und Denkschriften Oppenheims beeinflussten auch die orientpolitischen, mitunter recht romantischen Überlegungen Kaiser Wilhelms II., der sich mehrfach zu Besuch im Osmanischen Reich und im Heiligen Land aufgehalten und 1898, begeistert vom jubelnden Empfang bei seinem Einzug in Damaskus, spontan zum Schutzpatron aller Muslime erklärt hatte. Die Aufteilung der afrikanisch-islamischen Welt in Interessensphären der europäischen Mächte und deren drohende weltweite Auseinandersetzung führten zu strategischen Gedankenspielen, die Oppenheim in seiner Denkschrift darlegte. Deutschland verfolgte im türkisch-arabisch-indischen Raum keine eigenen kolonialen Interessen und galt im Vorderen Orient bei Militär und Verwaltung als eher uneigennütziges Vorbild. Die dominante Politik Englands und Frankreichs im Einflussbereich des Islam stieß auf Ablehnung und Widerstand. Es lag daher nahe, den positiven Ruf Deutschlands zu nutzen, um die Gegner im Ersten Weltkrieg - England, Frankreich, Russland - durch Aufwiegelung und Revolutionierung der islamischen Völker in Form eines Dschihad dort militärisch zu binden und damit die Fronten in Europa zu entlasten.

Wilhelm II. billigte die Vorschläge Oppenheims. Die türkische Regierung war diesen Überlegungen gegenüber aufgeschlossen, doch brachten sie keine kriegsentscheidende Wirkung. Die personellen Ressourcen, die das Deutsche Reich aufbrachte, beschränkten sich auf eine Handvoll erfahrener Diplomaten, Militärs und Islamwissenschaftler. Im Etat der Nachrichtenstelle für den Orient standen monatlich nur 5000 Reichsmark zur Verfügung; Oppenheim gab Zuschüsse aus seinem Privatvermögen, aber auch das reichte nicht aus, um Agitation und Propaganda vor Ort weiträumig zu finanzieren. Gewisse Erfolge wurden in Persien und Afghanistan erzielt. Die einschlägigen Bemühungen von Wilhelm Waßmuß in Persien und Oskar von Niedermayer in Afghanistan und Indien fasst Autor Kreutzer detailreich zusammen. Die Allianz mit dem Emir Habibullah, die Werner Otto von Hentig schmieden konnte, kam erst gegen Ende des Krieges zustande. Immerhin legte sie den Grundstein für die engeren deutsch-afghanischen Beziehungen, die nach dem Ersten Weltkrieg zur Gründung der deutschen Oberschule in Kabul und zum ersten Staatsbesuch im Nachkriegsdeutschland durch den Emir Amanullah führten. Dem Resümee des gehaltvollen Vorworts, das Martin Kröger der Studie voranstellt, wird man zustimmen dürfen: „Organisationsschwächen, Geldmangel, individuelle Fehler und Kompetenzstreitigkeiten führten dazu, dass die deutsche Orientpolitik, wie sie Oppenheim vorschwebte, weitgehend im Konzeptionellen steckenblieb, nur ansatzweise in praktische Politik mündete und militärisch am Ende keine Ergebnisse erbrachte.“

Stefan M. Kreutzer: Dschihad für den deutschen Kaiser. Max von Oppenheim und die Neuordnung des Orients (1914-1918). Ares Verlag, Graz 2012. 191 S., 19,90 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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