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Veröffentlicht: 18.05.2004, 14:52 Uhr

Stasi-Unterlagen rekonstruiert DDR bildete militärischen Arm der DKP aus

Die DKP hatte jahrzehntelang einen militärischen Arm unterhalten, dessen Mitglieder zunächst in Ungarn und in der Tschechoslowakei und von 1974 bis zur Wende in der DDR unter konspirativen Bedingungen ausgebildet wurden.

Die westdeutsche Deutsche Kommunistische Partei (DKP) hat jahrzehntelang einen militärischen Arm unterhalten, dessen Mitglieder zunächst in Ungarn und in der Tschechoslowakei und von 1974 bis 1989 in der DDR unter konspirativen Bedingungen ausgebildet wurden.

Ungarn und die CSSR beendeten die Zusammenarbeit mit dem illegalen Arm der DKP, weil ihr Verhältnis zur Bundesrepublik besser wurde; die DDR intensivierte die Zusammenarbeit mit der DPK noch. Eine Sprecherin des Generalbundesanwalts teilte am Dienstag mit, es gebe keine Anhaltspunkte für von dieser Gruppe begangenen Delikte, die in die Zuständigkeit des Generalbundesanwalts fielen.

„Substantielle Details"

Daß es eine bewaffnete Untergrundorganisation der DKP gab, ist bekannt und wurde im September 2003 abermals öffentlich, als der Generalbundesanwalt einen Mann unter dem Verdacht festnehmen ließ, er sei Mitglied eines Killerkommandos im DDR-Staatsapparat gewesen. Der Mann ist inzwischen wieder auf freiem Fuß.

Aus den unmittelbar vor der staatlichen Wiedervereinigung von den Stasi-Dienststellen zur Vernichtung vorgesehenen Akten konnten Mitarbeiter der Behörde für die Stasi-Unterlagen nun 32 Seiten über die Aktivitäten für die DKP zusammensetzen und lesbar machten. Sie liefern nach Auskunft des Sprechers der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, "substantielle Details" zur Zusammenarbeit von SED und DPK bei einer militärischen Ausbildung von Westdeutschen in der DDR.

Es heißt darin: "Die spezifische Aufgabe der Gruppe Ralf Forster besteht darin, Genossen der DKP auszuwählen, die äußerst verläßlich sind und die durch eine spezielle Schulung und Ausbildung für militärische Aufgaben in der BRD vorbereitet werden". In den achtziger Jahren wurde festgestellt: "Der konspirativ tätigen Gruppe ,Ralf Forster' steht somit - unter unserer Kontrolle - ein inoffizelles Netz zur Verfügung, das für sie in bisher noch nie vorhandener Stärke und Qualität alle operativen Variationsmöglichkeiten der Nutzung zuläßt".

„Hoher Arbeitsaufwand"

„Zur Tätigkeit der ,Gruppe Ralf Forster' besteht weiterer Forschungsbedarf", schrieb der Historiker Thomas Auerbach 2003 über die "Sabotage- und Terrorstrategien des MfS gegen die Bundesrepublik". Auerbach arbeitet in der Abteilung Bildung und Forschung der Behörde für die Stasi-Unterlagen. "Gruppe Forster" war der Name des militärischen Arms der DKP, dessen Existenz die Partei bestreitet. Die Gruppe wurde von einer Abteilung "Verkehr" im ZK der SED betreut, deren Akten im Parteiarchiv nicht erhalten sind. Nur wenige Politbüromitglieder wußten von ihrer Existenz. Sie hatte einen eigenen Haushaltsplan bei der Abteilung Finanzen beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS), den der "Gen. Minister", Mielke also, zu bestätigen hatte.

Das MfS leistete mit "hohem Arbeitsaufwand", wie es heißt, Zuarbeit für die Linie Ralf Forster. Von MfS-Konten aus wurde die Gruppe mit etlichen hunderttausend Mark finanziert, das MfS sorgte für die konspirativen Umstände der militärischen Ausbildung. Ralf Forster war der Deckname des verantwortlichen KPD-Funktionärs Harry Schmitt, der die Gruppe aufbaute. Parallel zum Aufbau der DKP in der Bundesrepublik unterstützte die Parteiführung der SED von 1969 an den Aufbau der konspirativen Gruppe Forster.

Theorie und praktisches Training

Ein "Militärrat" der DKP traf sich in Ost-Berlin in konspirativen Räumen, die das MfS zur Verfügung stellte. Sechsmal im Jahr fuhren von 1974 an zwei bis sechs westdeutsche Genossen zu Lehrgängen in die DDR. Sie brauchten an den Grenzübergängen nur vereinbarte Codewörter zu nennen, um jederzeit in die DDR einreisen zu können. Ob es immer dieselben Personen oder immer andere waren, ist nicht bekannt, der Personenkreis ist also nicht exakt zu beziffern. In dem Bericht von 1976 werden 28 Teilnehmer von vier Lehrgängen gezählt. "In 54 Monaten wurden also insgesamt 1312 Schleusungen von 82 Mitarbeitern der Gruppe Ralf Forster (ein- bis mehrmalige Schleusungen der einzelnen Mitarbeiter) durchgeführt", heißt es darin.

Theorie wurde in Ost-Berlin gelehrt, praktisches Training fand am Springsee in Brandenburg unter Anleitung von Offizieren der NVA statt. Gelernt wurde der Umgang mit Waffen und Sprengmitteln, die Taktik von Kleinkampfgruppen, Tarnung, Spurenverwischung und das lautlose Töten von Menschen. Ob DKP-Mitglieder, die in den Genuß dieser militärischen Ausbildung gekommen waren, ihre Kenntnisse jemals tatsächlich für Verbrechen in der Bundesrepublik oder anderswo angewendet haben, ist nicht bekannt. In der ZDF-Sendung "Frontal 21" sagte am Dienstag ein ehemaliges DKP-Mitglied, der zur "Gruppe Ralf Forster" gehörte: "Der Auftrag, zu dem wir uns verpflichtet hatten, reichte von der Geiselbefreiung bis zur Vernichtung von reaktionären Führungspersönlichkeiten des kapitalistischen Systems".

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Von Reinhard Müller

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Quelle: wahlrecht.de
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