19.07.2004 · Die Stasi führte in den westdeutschen Medien mehr Agenten, als bisher bekannt ist. Jetzt zeigt sich die ARD mit einer neuen Studie als Vorreiterin der Aufklärung. Ihre eigenen Mitarbeiter überprüft sie nicht.
Von Hubertus KnabeFür nichts interessieren sich die Medien so sehr wie für sich selbst. Wenn die ARD am Montag in Berlin zu einer Pressekonferenz lädt, um eine neue Studie über Stasi-Aktivitäten in den Rundfunkanstalten vorzustellen, dürfte der Saal voll sein. Wer weiß, denkt sich mancher, wer wohl alles bei Stasi-Chef Erich Mielke unter Vertrag stand.
Dabei hatte WDR-Intendant Fritz Pleitgen schon im Juni Entwarnung gegeben. Gefragt nach den Ergebnissen der 1095 Seiten umfassenden Untersuchung aus dem renommierten Forschungsverbund SED-Staat, erklärte er stolz: "Es ist der Stasi nicht gelungen, auch nur einen einzigen Inoffiziellen Mitarbeiter im WDR zu plazieren." Um so mehr seien das ZDF und die Printmedien aufgefordert, ihre Geschichte aufzuarbeiten.
Ein unbefleckter Vorreiter der Stasi-Aufarbeitung?
Das Vorhaben der ARD, so beispielhaft es ist, hat durch diese Äußerungen schon vor der Veröffentlichung für Stirnrunzeln gesorgt. Die Sendergemeinschaft präsentiert sich als unbefleckter Vorreiter der Stasi-Aufarbeitung, obwohl gerade ihre Anstalten in den vergangenen Jahren mit Verstrickungen Schlagzeilen machten. Ob Sportkoordinator Hagen Boßdorf, der einst im Stasi-Wachregiment diente und dann als IM registriert wurde, ob Showmaster Ingo Dubinski, der in seiner Armeezeit einen Kameraden bespitzelte - immer mußten erst andere kommen und den Sendern die Akten vorhalten.
Will man sich nun mit der Studie von der Vergangenheit freikaufen? Ob das Thema Stasi für die ARD damit vom Tisch ist, bleibt fraglich. Nur die ostdeutschen Sender MDR und ORB haben ihre festen und freien Mitarbeiter systematisch überprüft. Pleitgens Stellvertreter Norbert Seidel schrieb dagegen, als der Fall des beim WDR geschätzten Günter Wallraff hochkam: "Eine Überprüfung aller WDR-Mitarbeiter auf mögliche frühere Stasi-Tätigkeiten ist nicht beabsichtigt." Dabei soll es, dem ARD-Vorsitzenden Jobst Plog zufolge, auch bleiben.
Seit April kann in der DDR-Spionagekartei recherchiert werden
Erst seit kurzem gibt es überhaupt die Möglichkeit, Stasi-Zuträger in den westdeutschen Medien ausfindig zu machen. Durch die Freigabe der sogenannten Rosenholz-Unterlagen kann seit April 2004 in der DDR-Spionagekartei recherchiert werden. Allein die für "Desinformation" zuständige Stasi-Abteilung führte danach fast 700 Inoffizielle Mitarbeiter (IM).
Obwohl die Birthler-Behörde das Material bislang nur tröpfchenhaft herausgibt, sind schon mehrere eklatante Fälle bekanntgeworden: So war der DGB-Vertreter im ZDF-Fernsehrat Günter Scheer unter dem Decknamen "Gaston" ein hochkarätiger Stasi-Agent. Auch der frühere Moskau-Korrespondent des "Kölner Stadtanzeigers" Uwe Engelbrecht wurde jahrzehntelang als IM "Rabe" geführt. Jetzt hat er gegenüber der "Welt" zugegeben, mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben.
Die Medien waren für die DDR wenig interessant
Wie man hört, hat die Studie nur solche Fälle untersucht, in denen Informationen aus Funk oder Fernsehen an die Stasi flossen. Doch die Medien waren für die DDR wenig interessant. Viel wichtiger war es, handfeste politische Informationen zu bekommen. Die Zahl der TV- und Hörfunkjournalisten, die als IM arbeiteten, dürfte deshalb erheblich höher gewesen sein. Abgesehen von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern, die erst nach 1989 zu den Sendern stießen.
ARD-Journalisten brauchten auch nicht unbedingt als IM registriert sein, um für die Stasi nützlich zu sein. Zahlreiche interne Informationen erhielt die Stasi zum Beispiel aus Gesprächen mit dem langjährigen ARD-Korrespondenten in Rom, Hansjakob Stehle, der als Kontaktperson "Jakob" geführt wurde. Ähnliches gilt für den einstigen Chefredakteur des Deutschlandfunks, Dettmar Cramer. Der ehemalige WDR-Programmgruppenleiter Wissenschaft, Alexander von Cube, beschaffte in seiner Zeit beim "Vorwärts" politische Interna aus der SPD. Die Stasi präsentierte ihnen jeweils vermeintlich unverfängliche DDR-Gesprächspartner, denen sie zahllose Geheimnisse anvertrauten.
Auswirkungen auf die Berichterstattung hatten aber vor allem die verdeckten Einflußnahmen der Stasi. Gerade kritische Journalisten zeigten wenig Hemmungen, aus der DDR zugespieltes Material unüberprüft im Westen zu veröffentlichen. Der verstorbene Leiter der WDR-Redaktion Politisches Feature, Ansgar Skriver, half zum Beispiel mit, die NS-Vorwürfe gegen den früheren Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier in Umlauf zu bringen.
Materialsammlungen von der Stasi
Auch von Cube bot den Akten zufolge an, "gutes Material" aus der DDR an interessierte Medien weiterzuleiten. Günter Wallraff hat inzwischen selbst zugegeben, in Ostberliner Cafes Unterlagen entgegengenommen zu haben. Sein ehemaliger Koautor Bernd Engelmann, früher Mitarbeiter bei "Panorama" und neulich als IM enttarnt, bekam für seine Bücher von der Stasi ganze Materialsammlungen geliefert.
Solche Lancierungen sind besonders häufig für den "Stern" dokumentiert. Er hat als erster die Barackenbaupläne veröffentlicht, mit denen die SED den früheren Bundespräsidenten Heinrich Lübke zum Rücktritt trieb. Auch die diffamierenden Aussagen der Sekretärin und Stasi-Agentin Inge Goliath über den CDU-Bundestagsabgeordneten Werner Marx erschienen hier. Redakteur Gerd Heidemann, der die gefälschten Hitler-Tagebücher ins Blatt brachte, war ebenfalls als IM registriert.
Printmedien mit begrenzten Aufklärungsmöglichkeiten
Pleitgen verweist deshalb vor allem auf die Printmedien, die sich bisher kaum um die eigenen Stasi-Verstrickungen gekümmert haben. Erst kürzlich stellte sich die Leitung des amerikanischen Verlagshauses Conde Nast hinter ihren Deutschland-Chef Bernd Runge, als dessen IM-Akte auftauchte. Ähnlich reagierte die "Berliner Zeitung", als bekannt wurde, daß ausgerechnet ein ehemaliger Angehöriger des Stasi-Wachregiments dort regelmäßig über Stasi-Themen schreibt.
Im Unterschied zur ARD haben die Printmedien aber nur begrenzte Aufklärungsmöglichkeiten. Laut Gesetz dürfen sie lediglich ihre leitenden Angestellten auf eine Stasi-Tätigkeit überprüfen. Nur die öffentlich-rechtlichen Sender haben das Recht, ihr gesamtes Personal durchzuchecken - wenn sie es denn wollen.