25.09.2003 · Generalbundesanwalt Nehm hat einen mutmaßlichen Auftragsmörder des DDR-Regimes festnehmen lassen. Der 53jährige Berliner stehe im dringenden Verdacht, mehrereMenschen getötet zu haben.
Es gehört zu den dunkelsten Kapiteln der DDR-Geschichte: Zu Zeiten des Kalten Krieges schreckte die Stasi nicht davor zurück, unbequeme Landsleute töten zu lassen - und das sogar im Westen.
Einige spektakuläre Todesfälle, wie der des ehemaligen DDR-Fußballers Lutz Eigendorf, sind bis heute ungeklärt. Jetzt hat Generalbundesanwalt Kay Nehm das mutmaßliche Mitglied eines solchen Killerkommandos aufgespürt: Am Montag wurde der 53jährige Jürgen G. in Berlin verhaftet, weil er als „Angehöriger eines im Staatsapparat der ehemaligen DDR angesiedelten Kommandos“ zwischen 1976 und 1987 mehrere Menschen erschossen haben soll.
Fahnder rätseln über das Ausmaß
Zwar sind einige Fälle von Auftragsmorden in den Jahren nach der Wende bekannt geworden: So wurde in Berlin etwa der einstige Stellvertreter von Stasi-Chef Erich Mielke wegen des gescheiterten Anschlags auf einen Fluchthelfer angeklagt: Stasi-Vize Gerhard Neiber soll Anfang der achtziger Jahre den Inoffizielle Mitarbeiter „Karate“ aufgefordert haben, eine Bombe am Auto des Fluchthelfers in Hamburg anzubringen.
Doch auch wenn einzelne Fälle publik wurden, rätseln Fahnder und Experten bis heute über das ganze Ausmaß der Aktivitäten von Mielkes Mördern im Westen. Aus den Stasi-Unterlagen geht immerhin hervor, daß der Staatssicherheitsdienst in den fünfziger Jahren die Arbeitsgruppe AGM/S aufbauen ließ: Sie sollte vor allem im Kriegsfall Partisanenarbeit leisten, aber ebenso zu Friedenszeiten aktiv sein. „Dazu gehörte auch die Liquidierung von Personen“, berichtet der Stasi-Experte Hubertus Knabe. Das Stasi-Kommando verfügt zeitweise über 548 Mitarbeiter und 168 Unteroffiziere auf Zeit, in den achtziger Jahren wurden Teile davon laut Knabe in die Verantwortung der für Spionage zuständigen Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) übertragen.
Alle Mittel recht
Besonders empfindlch reagierte die Stasi, wenn sich jemand aus ihren Reihen in den Westen absetzte. „Da waren alle Mittel recht“, berichtet Knabe, der die Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen leitet. Das galt möglicherweise auch für Lutz Eigendorf: Der hatte nämlich für den Stasi-Verein BFC Dynamo gekickt, bevor er sich 1979 in den Westen absetzte. Sein Tod gibt bis heute Rätsel auf. Er kam 1983 bei einem Autounfall in Braunschweig ums Leben, und Indizien weisen auf eine mögliche Stasi-Verwicklung hin. Mielke höchstpersönlich soll die Tötung des abtrünnigen Kickers verlangt haben.
"Die Akten sind da schon sehr deutlich“, berichtet Hubertus Knabe. „Verblitzen“ habe der MfS-Chef zu Eigendorf auf einen Handzettel geschrieben - möglicherweise sollte der Fußballer bei nächtlicher Fahrt durch grelles Licht geblendet werden. Ob aber tatsächlich das Kommando AGM/S hinter dem mysteriösen Todesfall steckt, sei „pure Spekulation“. Auch die Berliner Staatsanwaltschaft hat sich am Fall Eigendorf die Zähne ausgebissen, schließlich wurde ein Großteil der möglicherweise aufschlußreichen Stasi-Akten nach der Wende vernichtet. Mehrfach leiteten die Fahnder in der Hauptstadt Ermittlungen zu dem Fall ein. Dabei wurde auch der Frage nachgegangen, ob Eigendorf Gift eingeflößt wurde. Doch die Ermittlungen führten zu nichts, wie die Justiz heute einräumen muß.
Tod in Schweden
Der Verdachtsfall Eigendorf ist nicht der einzige: Nach einem Bericht der „Berliner Zeitung“ vom Donnerstag gibt es Hinweise darauf, daß Mielkes Killerkommando auch in den Tod der schwedischen Journalistin Cats Falk verwickelt gewesen sein könnte. Sie habe Informationen über eine Beteiligung von DDR-Firmen an Waffengeschäften mit Iran gesammelt - was ein handfestes Motiv für einen Auftragsmord gewesen sein könnte.
Licht ins Dunkel könnten jetzt die seit kurzem zugänglichen Rosenholz-Dateien bringen, in denen die Inoffiziellen Mitarbeiter der HVA erfaßt sind. Welchem genauen Verdacht indes die Bundesanwaltschaft im Fall von Jürgen G. nachgeht, darüber hüllt sich die Behörde bislang hartnäckig in Schweigen. So ist mit einer Klarheit über die Killerkommandos des Erich Mielke wohl noch nicht so schnell zu rechnen.