18.02.2005 · Der amerikanische Präsident Bush besucht am 23. Februar die alte Stadt am Rhein. Warum trifft er den Bundeskanzler ausgerechnet hier? Vielleicht, weil schon sein Vater in Mainz angenehme Stunden verbrachte.
Von Eckart Kauntz, MainzDa hilft kein Hinweis auf Arthritis und sonstige körperliche Schwäche: „Steh auf, wenn du ein Mainzer bist!“ singen die Fußballfans am Bruchweg und geraten aus dem Häuschen.
Das Schicksal der '05er, die nach einer hundert Jahre langen bescheidenen Existenz aus Versehen in die erste Liga geraten sind und nun ihre Mühe haben, darin zu bleiben, hat sich zu einer Herzensangelegenheit entwickelt. Der kickende Karnevalsverein absorbiert derzeit, was an enthusiastischem Elan den Mainzern nach zwei Millennien prallvoller Geschichte noch verblieben ist.
Der Charme ist erloschen
Dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush wird - wenn er denn überhaupt Mainzer Bürger zu sehen bekommen sollte - überschäumende Begeisterung erspart bleiben. Heldenverehrung ist ihre Sache nicht. Drusus hatte es da noch besser im alten Mogontiacum. Der im Jahre neun vor Christus im Hessischen vom Pferd gefallene und verschiedene Liebling des Kaisers Augustus wurde hinfort alljährlich in Mainz von Legionären und Zivilpersonen aus ganz Gallien im größten Theaterbau des römischen Imperiums nördlich der Alpen hymnisch gefeiert. Das Drusus gewidmete und als Eichelstein bekannte turmartige Denkmal steht immer noch auf seinem Hügel über den Trümmern des Theaters. Drunten in der Stadt haben die Mainzer sich in dem Schoppenstecher ihr zeitgemäßes Denkmal gesetzt. Klein, mit Embonpoint und sichtbar durstig zeigt sich der Mitbürger mit dem Schoppenglas in der Hand. Er verkörpert den Einheimischen, der über seine Nachbarn schwadroniert, über die Weltpolitik räsoniert und seinen Halwen petzt.
Doch die Idylle ist in Mainz ebensowenig zu Hause wie anderswo. Wenige Tage nach dem Besuch des amerikanischen Präsidenten George W. Bush wird die Stadt an den sechzigsten Jahrestag ihrer Zerstörung im Bombenhagel erinnern. Am 27. Februar ließen amerikanische Flugzeuge eine zu achtzig Prozent vernichtete Innenstadt und mehr als 2.000 Tote zurück. Einen knappen Monat später rückte die dritte amerikanische Armee unter dem Befehl Dwight D. Eisenhowers als Befreier in die Trümmer ein und versuchte, die Folgen ihres militärisch kaum zu rechtfertigenden Handelns zu lindern. Die Innenstadt, davon kann sich Bush überzeugen, ist wieder aufgebaut. Der Charme einer in Jahrhunderten gewachsenen, uralten Stadt ist weitgehend dahin.
Bombensicher
Am Ufer des Rheins sind dieser Tage zwei Männer mit einem Magnetometer unterwegs. Sie senden Impulse in die Tiefe und messen die Resonanzen. „Wir suchen nach Metallkörpern im Boden“, sagen sie. Das klingt, als habe jemand dort verloren, was ihm lieb und teuer war. Es geht aber um Bomben, die ausweislich alliierter Luftaufnahmen dort herunterfielen und seinerzeit nur einen Krater, aber keine Spuren einer Explosion hinterließen. Die geplante Erweiterung des Kongreßzentrums Rheingoldhalle macht die Spüraktion notwendig. Am 23. Februar werden die beiden Männer nicht suchen. Denn sie arbeiten in einer Sicherheitszone, die zum Schutze des hohen Besuches eingerichtet wurde - wie dumm wäre es, wenn eine amerikanische Fliegerbombe das deutsch-amerikanische Gipfeltreffen im nahen Schloß gefährdete.
Der Mainzer neigt zum Widerstand, solange ihn dieser nicht allzu teuer kommt. Die obrigkeitliche Unterdrückung bürgerlicher Freiheitsregungen, die im Vormärz auch über Mainz gekommen war, hatten die Einwohner durch Verhohnepiepelung der hier nach 1815 stationierten preußischen und österreichischen Besatzungssoldaten auf die Schippe zu nehmen versucht.
Begeisterung wird nicht erwartet
Der „Krähwinkler Landsturm“ samt seiner „närrischen Bürgerwehr“ marschierte erstmals 1837 durch Mainz; ein Jahr später entwickelte sich daraus die Ranzengarde, deren Oberkommando derzeit Generalfeldmarschall Johannes Gerster innehat, der in Jerusalem als Abgesandter der Konrad-Adenauer-Stiftung für den Frieden zwischen Israelis und Arabern arbeitet. Einer seiner närrischen Vorvorgänger hatte 1844 als Mitbegründer der politisch-literarischen Fassenacht gereimt: „Ängstlich fragt das Fragezeichen/Wird mich nicht der Censor streichen/Und ein gleiches still bei sich/Dachte der Gedankenstrich... Wie gefürchtet so geschehen/Nur das ,Punktum' ließ er stehen.“ Nun gibt es keinen „Censor“ mehr, und an den Ranzengardisten fallen vor allem ihre prächtigen Uniformen auf.
Was hat Bush bewogen, ausgerechnet Mainz zum Treffpunkt mit dem Bundeskanzler auszuwählen? Vielleicht hat ihm sein Vater von angenehmen Stunden erzählt, die er 1989 hier verbrachte. „Das Schönste an Mainz ist der Flughafen von Frankfurt“, sagen die Mainzer und meinen es als Lokalpatrioten doch nicht so. In Frankfurt war John F. Kennedy 1963 von der Bevölkerung begeistert begrüßt worden. Damit könnte Bush heute weder am Main noch am Rhein rechnen, zumal die Sicherheitslage eine andere als vor vierzig Jahren ist.
Allen wohl und keinem wehe
Aber Mainz hat, was Frankfurt abgeht, nämlich Übersichtlichkeit. Und Mainz kann außerdem auf Erfahrungen besonderer Art mit Texas, der Heimat des Gastes, verweisen. Die „Mainzer Texas Germans“ stehen für einen Kontaktversuch in einer Zeit, als Texas zwar von Mexiko abgefallen war, aber noch nicht von Washington regiert wurde. Im Jahr 1842 hatte sich in Mainz ein „Verein deutscher Fürsten, Grafen und Herren zum Schutz deutscher Einwanderer in Texas“ als Aktiengesellschaft konstituiert. Unter dem Schirm dieses „Mainzer Adelsvereines“ wurden jedem Ausreisewilligen gegen Zahlung von 300 Gulden Land, freie Überfahrt und Verpflegung sowie die Aussicht auf eine billige Grundausstattung für einen bäuerlichen Betrieb versprochen. Wilde Indianer, ein mit falschen Versprechen aufgetretener französischer Schwindler, Unerfahrenheit, widrige Witterungsbedingungen und karger Boden ließen das Unternehmen scheitern. Die meisten Auswanderer, aber nicht die Mitglieder des Adelsvereins kamen um. 1847 erschien eine Schrift des Rückwanderers Louis Constanz unter dem Titel „Das Verderben deutscher Auswanderer in Texas unter dem Schutz des Mainzer Vereins“.
Bush lebt mit dem Vorwurf, er spalte die Nation. Die Mainzer haben ein Modell entwickelt, wie man die Stadt in Eintracht führen kann. Im Stadtvorstand teilen sich unter dem direkt gewählten Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD) seine Parteifreunde mit CDU und FDP die Verantwortung. Das läßt bei Kommunalwahlen schon beim Bürger die Frage offen, welche Partei eigentlich wofür steht. Entscheidungen reifen hier länger als anderswo, weil niemand niemandem auf die Füße treten möchte. Allen wohl und keinem wehe, heißt es in allen fünf Mainzer Jahreszeiten auf der Gass' wie im Rathaus. Beim Besuch des Papstes vor einem Vierteljahrhundert hieß das „Weck, Worscht & Woityla“. Vielleicht fällt den Mainzern auch zu George W. Bush noch etwas ein.