10.02.2006 · Matthias Platzeck besucht Tony Blair, um das Verhältnis zu New Labour neu zu erfinden. Man habe „das ganze Spektrum von Themen“ durchgearbeitet von Nahem Osten und Iran bis zum Mindestlohn, und jedesmal sei man sich einig gewesen.
Von Bernhard Heimrich, LondonSozialdemokraten hatten schon immer ein besonders inniges Verhältnis zur Labour Party. Der Keim der Inbrunst wird jedes Jahr im Herbst neu gepflanzt, wenn die Delegierten des Labour-Parteitags zum Abschluß nach der traditionellen Büttenrede einer lustigen Person, meistens des stellvertretenden Premierministers Prescott, aufstehen, in eins nun die Hände reichen und die Parteihymne anstimmen. Den Sozialdemokraten in der Besucherloge werden die Augen feucht.
Aber auch alte Labour-Herzen werden da wieder jung. Das hat drei Gründe. Das Labour-Parteilied ist so blutrünstig, daß es sogar die Nationalhymne der Republik Irland in den Schatten stellt. Außerdem ist es altväterlich klassenkämpferisch. Und zum dritten kann der Tony Blair es nicht leiden. Das Lied wurde ihm so unheimlich, daß er sogar versucht hat, es aus Labours Gesangbuch zu tilgen. Erst seit 2003 dürfen die Genossen, die keine mehr sein sollen, auf ihren Parteitagen wieder ihre Hymne singen, und sie tun es seither um so dröhnender.
Selbst Blair, der bei den ersten Durchgängen so getan hatte, als kenne er den anstößigen Text nicht, und die Lippen wie im Leergang bewegte, singt nun kräftig mit. Erst vorgestern hallte sein Gesang durch den fast leeren Plenarsaal des Unterhauses, als die Labour-Fraktion nach Abschluß der Geschäfte den hundertsten Jahrestag ihrer Taufe beging. Die Partei war zwar schon 1900 gegründet worden, aber erst seit 1906 heißt sie „Labour Party“.
Politisch wechselhaft
Der Text ist in der Tat bedenklich unkorrekt und klingt so ganz und gar nicht nach „New Labour“. In Amateurübersetzung beginnt er: „Des Volkes Banner ist tiefstes Rot/Und war oft das Leichentuch unserer Märtyrer...“ und klingt nach sieben Strophen aus in dem Schwur: „Ob finstre Verließe oder grimmige Galgen/Das soll uns Hymne und Gelöbnis sein!“ Doch endlich hat auch Tony Blair gemerkt, daß es nach 100 oder 106 Jahren auf den Text gar nicht mehr ankommt, sondern nur noch auf die Melodie und alles, was in ihr mitschwingt. Deutsche Sozialdemokraten in Blackpool oder Bournemouth haben das schon immer gewußt. Denn die Melodie ist die von „O Tannenbaum“.
Das Mißverständnis könnte auch die erstaunlichste Episode des Ersten Weltkriegs erklären helfen. Weihnachten 1914 sind englische und deutsche Soldaten aus den flandrischen Schützengräben gekrochen und haben gegeneinander - nein, miteinander Fußball gespielt. Die Erinnerung gehört zur britischen Folklore des Jahreswechsels wie das „Dinner for one“ zur deutschen. Wahrscheinlich hatten die englischen Grenadiere zuerst baß erstaunt, dann aber klassenkämpferisch gerührt vernommen, wie in deutschen Schützengräben am Heiligabend „Des Volkes Banner...“ angestimmt wurde.
Politisch war das Verhältnis zwischen Labour und SPD dagegen wechselhaft. In Tony Blairs „Projekt“ sollte der Wechsel zu „New Labour“ nicht nur Großbritannien verändern, sondern ganz Europa. Angelpunkt der neuen Zukunftsachse sollte das Verhältnis mit den Sozialdemokraten werden, das so eng sein sollte, daß auch kein ränkesüchtiger Franzose es sprengen könnte. Der Text zu dieser Vision war das sogenannte Schröder-Blair-Papier, eine Art zweisprachige Anleitung für Deutsche zum „Dritten Weg“ von Blairs Labour Party. Ungeachtet sprachlicher Hürden - Blair kann nicht deutsch - soll es zwischen „Tony“ und „Gerd“ eine Zeitlang sogar fast herzlich zugegangen sein. Dann kam der irakische Krieg und alles andere, das ganze „Projekt“ ist nur noch eine hübsche Geschichte. Als der Bundeskanzler Schröder sich verabschiedete, weinten Blair oder Labour ihm nicht nach.
Die Startzeichen stehen gut
Matthias Platzeck kann, nein, muß also ganz neu und ganz unten anfangen. Das heißt, zuerst muß er durch die Sicherheitskontrolle. Als der neue Parteivorsitzende der SPD zum Antrittsbesuch in die Downing Street kam und mit dem schwungvollen Schritt des geübten Landesvaters der weltbekannten Tür ohne Griff zustrebte, auf der seit wer weiß wie vielen Jahrhunderten die irreführende Inschrift „The First Lord of the Treasury“ prangt, wies man ihn zurück zur Kabine, in der auch alle anderen unbekannten Besucher sich der einfühlsamen Leibesvisitation stellen müssen. Kräftige Männer in Balaklavas und mit Maschinenpistole bestehen darauf. Platzeck wurde behandelt wie ein Journalist!
Zur Belohnung bat der mißtrauische Hausherr den SPD-Vorsitzenden dann nicht in einen der offiziellen Salons, sondern in seine Privatwohnung „über dem Geschäft“. Nachher sagte Platzeck, es habe eine herzliche Atmosphäre geherrscht, man habe „das ganze Spektrum von Themen“ durchgearbeitet von Nahem Osten und Iran bis zum Mindestlohn, und jedesmal sei man sich einig gewesen. Außerdem wolle man die Beziehungen zwischen den Parteien weiter ausbauen. Die Startzeichen stehen gut. Am Freitag hatte Gastgeber Blair dem SPD-Vorsitzenden einen Besuch bei „Sure Start“ ins Programm geschrieben. Das ist eine wohltätige Einrichtung, die Problemkinder auf die grausame Welt der Erwachsenen vorbereitet.