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Wehrhahn-Prozess : Im Zweifel für den Fremdenfeind

Der Tatort: Am 27. Juli 2000 detonierte in Düsseldorf eine Bombe. Bild: action press

Das Gericht zeichnet im Wehrhahn-Prozess ein düsteres Bild des Angeklagten Ralf S. – doch für eine Verurteilung für den früheren Berufssoldaten reicht es nicht aus. Auch wegen des Unterschiedes zwischen Gesehenem und Gehörtem.

          Rainer Drees ist sich der Wirkung seiner Worte zweifellos bewusst. „Der Angeklagte wird freigesprochen“, verkündet er in sachlichem Ton zu Beginn des letzten Verhandlungstages in Düsseldorf. „Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse. Der Angeklagte ist für die durch die Untersuchungshaft erlittenen Nachteile zu entschädigen.“ Kein Raunen im Saal, keine Regung bei Ralf S. auf der Anklagebank. Aber die Erkenntnis, dass der verheerende Bombenanschlag auf eine Gruppe junger Menschen am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn weiterhin ungesühnt bleiben wird. Die Kammer habe in den 32 Verhandlungstagen nicht den für eine Verurteilung erforderlichen Grad an Überzeugung erlangt, dass Ralf S. der Täter war, sagt der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Am 27. Juli 2000, fast genau vor 18 Jahren, war an der Düsseldorfer S-Bahnstation ein Sprengsatz detoniert. Zehn Menschen wurden teils schwer verletzt. Einer jungen Frau, im fünften Monat schwanger, drang ein Metallsplitter in den Bauch ein, sie verlor ihr ungeborenes Kind. Die Herkunft der Gruppe, die von der mit einem Fernzünder versehenen Bombe offenbar gezielt getroffen worden war, ließ kaum Zweifel an dem Hintergrund der Tat. Es waren mehrheitlich junge, aus Osteuropa eingewanderte Juden, die in der Nähe einen Sprachkurs besuchten. Als wenige Monate später auch noch ein Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge verübt wurde, forderte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder einen „Aufstand der Anständigen“.

          Schon bald fiel der Verdacht auf den als Ausländerfeind bekannten Ralf S., der in der Nähe wohnte und gegenüber der Sprachschule einen Militaria-Laden betrieb. Er wurde eine Weile überwacht und mehrmals vernommen. Doch die Indizien reichten nicht für einen Prozess aus. 2002 stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen ihn ein, 2009 dann das gesamte Verfahren. Lange sah es so aus, also würden die Akten in den Depots verschwinden und die Hintergründe niemals aufgeklärt werden, bis im Februar 2017 überraschend die Meldung kam, dass Ralf. S. von einem Spezialkommando festgenommen wurde. Während einer kurzen Haftstrafe wegen unbezahlter Bußgelder soll S. 2014 einem Mithäftling gegenüber damit geprahlt haben, dass er hinter dem Anschlag stecke. Der Mann wandte sich an die Polizei, die die Ermittlungen wiederaufnahm. Nun sagte auch die frühere Freundin von Ralf S. aus. Viele Indizien fügten sich anfangs zu einem immer klareren Bild, dass der bekennende Ausländerfeind hinter dem Anschlag stecken musste.

          Ralf S.: Zynischer Fremdenfeind mit Imponiergehabe

          Und doch reichte es den Richtern nicht für eine Verurteilung. „Mehrere unbrauchbare Aussagen können nicht in der Summer zu einer Brauchbaren zusammengefügt werden“, drückt es Richter Drees nüchtern aus. Die Staatsanwaltschaft war zu einem gänzlich anderen Ergebnis gekommen und hatte in ihrem Plädoyer in der vergangenen Woche wie die Nebenkläger lebenslange Haft wegen versuchten Mordes gefordert. Doch dürfe sich die Staatsanwaltschaft nach diesem Urteil nicht als Verliererin sehen, sagt Richter Drees, denn es sei nach den Erkenntnissen, die gegen Ralf S. vorlagen, der richtige Weg gewesen, all dies in einer Hauptverhandlung zu klären. Doch im Zweifel für den Angeklagten.

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