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Sterbehilfe : Du darfst - Sterbehilfe soll bleiben, wie sie ist

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Es gibt keinen Grund, die Beihilfe zur Selbsttötung unter Strafe zu stellen

          Seit 1813 verzichtet Bayern, seit 1851 Preußen für die Selbsttötung auf jede Sanktion. Auch ihre Veranlassung oder Unterstützung wird straffrei. Die gegenteilige Entscheidung Sachsens und Badens setzt sich 1871 nicht durch. Der Reichsstrafgesetzgeber entscheidet sich für Straffreiheit. Dabei ist es bis heute geblieben. Auch die NS-Zeit, die den Suizid als Feigheit und Pflichtverletzung gegen den Staat einstufte, beließ es bei ihr. Wer mit den „Christdemokraten für das Leben“ oder dem von Borasio, Jox, Taupitz und Wiesing vorgelegten Expertenentwurf die Beihilfe zur Selbsttötung und die Werbung für sie in das Strafgesetz einrücken will, bricht folglich mit einer langen Tradition. Sie ist gegenüber Bestrebungen, die Verleitung zum „Selbstmord“, wie die Selbsttötung in pejorativer Einkleidung heißt, unter Strafe zu stellen, immer wieder neu gefestigt worden. Dass viele europäische und außereuropäische Länder die Strafbarkeit der Beteiligung kennen, hat den deutschen Gesetzgeber zu keiner Zeit seit 1871 bewogen, die Tradition aufzugeben. Auch die christlichen Kirchen haben Sanktionen gegenüber dem Suizidenten längst aufgegeben. Beteiligte am „Selbstmord“ haben sie ohnehin nie erfasst.

          Dass Leben und Autonomie namentlich älterer und kranker Menschen unheilvoll bedroht sind, wenn man Hilfe zur Selbsttötung zulässt, ist durch die geschichtliche Erfahrung seit 1871 widerlegt. Ein epidemisches Ausmaß, ein stetiger Anstieg assistierter Suizide ist nicht zu verzeichnen. Der Versuch von Dignitas, eine Zweigstelle in Deutschland zu eröffnen oder die Gründung eines Sterbehilfevereins durch Roger Kusch kann man zum Anlass nehmen, Regelungsbedarf neu zu prüfen. Ihn im Sinne einer Inkriminierung zu bejahen, dazu reicht die dürftige Daten- und Gefahrenlage gegenwärtig aber nicht aus. Allenfalls mag man erwägen, ob ein „Wehret den Anfängen“ geboten ist. Dazu wird auf die Beneluxländer verwiesen. Sie sollen mit ihrer „liberalen“ Regelung der Dammbruchgefahr erlegen und auf dem „Slippery slope“ hin zum Abgrund der „Euthanisierung“ unmündiger Menschen auf Talfahrt sein. Doch was dort erlaubt ist und die bloße Hilfe zum Suizid quantitativ fast vollständig verdrängt, ist das einverständliche Töten. Das aber ist schon vor 1871 und bis heute in Deutschland ohne Einschränkung und selbst auf Verlangen des Sterbewilligen verboten. Niemand von Einfluss will das verändern.

          Ernster ist allein die Sorge, ein gesetzgeberisches Laissez-faire könnte zu „Schweizer Verhältnissen“ führen. Bevor man das aber mit dem Mittel des Strafrechts zu verhindern versucht, sollte man fragen, ob das nottut und was ein Verbot organisierter Hilfe in Deutschland denn insoweit bewirkte. Einerseits würde es den Sterbetourismus, den keiner will, weiter befördern. Andererseits zeigt die Schweiz, die das Verbot selbstsüchtiger Beteiligung am Selbstmord ja kennt, dass man Schlupflöcher findet. Dignitas und Exit sind bisher, obwohl sie Geld nehmen, ungeschoren geblieben. Die Geschichte des Abtreibungsrechts lehrt, dass dort, wo ein rigides Verbot herrscht, der Konflikt nur in ein dubios besetztes Dunkelfeld abgeschoben, nicht aber im Sinne des Lebensschutzes behoben wird. Dass in den Vereinigten Staaten zudem die Zahl der Staaten wächst, die Suizidhilfe erlauben, ist ein Zeichen dafür, dass Transparenz in kontrollierten Verfahren gegenüber Grauzonenwelten auch jenseits Europas politisch den Vorzug erhält.

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