26.01.2012 · Tilman Turck hatte alle Möglichkeiten, die freie Berufswahl. Doch er wurde Staatsanwalt in Bayern. Und wurde erschossen.
Von Reinhard MüllerDie deutsche Justiz trug Trauer am Beginn dieser Woche. Vor den Gebäuden war halbmast geflaggt - im Gedenken an Tilman Turck. Der Staatsanwalt war nach einer Gerichtsverhandlung in Dachau erschossen worden. Laut der Traueranzeige des bayerischen Justizministeriums "galt" Turck als "hoffnungsvolle Nachwuchskraft", die Staatsanwaltschaft München rief in Erinnerung, dass er "unter tragischen Umständen von uns gegangen ist".
Doch sein Tod war nicht unausweichlich, und der Einunddreißigjährige war offenbar einer der besten Juristen des Freistaats. Zunächst, wenn man von der Examensnote ausgeht. Und das tut der Staat immer noch gern und lebenslang. Turck belegte Platz drei von 646 Absolventen. Die bayerische Justizministerin hatte ihn aus diesem Anlass persönlich getroffen.
Doch das ist nur eine Ziffer. Turck promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität über das europäische Insolvenzrecht, war am Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Unternehmensrecht tätig. Er lehrte als Repetitor. An der New York University hatte er als Stipendiat seinen Master of Laws gemacht. Seine amerikanische Frau, die er dort kennengelernt hatte, zog mit ihm nach Deutschland.
Tilman Turck hatte alle Möglichkeiten, die freie Berufswahl. Turck hätte Notar in Bayern werden können, hätte bei einer Großkanzlei anfangen können. Also viel verdienen und relativ wenig arbeiten oder viel verdienen und viel arbeiten. Auch wenn man nicht wissen kann, ob er etwa als Anwalt dort reüssiert hätte: Er hatte die Möglichkeit, als Berufsanfänger mindestens dreimal so viel zu verdienen wie als Staatsanwalt oder Richter.
Es spricht auch für Bayern, dass junge Juristen wie Turck sich für den Staatsdienst entscheiden. So wurden bei den letzten Einstellungsterminen etwa die Hälfte der Absolventen mit den seltenen Noten "gut" und "sehr gut" in den Dienst des Freistaats übernommen.
Dabei handelt es sich (auch in anderen Bundesländern) generell keinesfalls nur um Frauen, die etwa aus familiären Gründen etwas kürzertreten wollen. Auch immer mehr Männer lassen sich nicht mehr mit den weiter steigenden Gehältern der Großkanzleien locken. Sie legen Wert auf andere Werte.
Der Staat kann diese Erwartungen offenbar erfüllen - vor allem bietet er Sicherheit und in der Regel auch Perspektiven. Mit ganzem Einsatz will nicht jeder gute Jurist für private Mandanten kämpfen. Dass der Dienst für den Staat, und zwar auch in einem Gerichtssaal, den höchsten Einsatz fordern kann, das hat der gewaltsame Tod Tilman Turcks gezeigt.
Erstmals standen deshalb vor den Justizgebäuden vieler Bundesländer die Flaggen auf halbmast. Richter, Staatsanwälte und Justizbedienstete legten eine Schweigeminute für ihren Kollegen ein, der "in Ausübung des Dienstes" getötet wurde.
Reinhard Müller Jahrgang 1968, Redakteur in der Politik, zuständig für „Staat und Recht“.
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