13.08.2010 · „Von 1848 sind Bayreuth und Wagner geblieben. Von 1968 KD Wolff und der Verlag Stroemfeld/Roter Stern“, sagte vor Jahren der Schriftsteller Friedrich Dieckmann. Und was bedeutet „68“ für den ehemaligen SDS-Vorsitzenden Wolff heute?
Von Reinhard Müller„Man wollte damals in diesem Land nicht leben“, sagt KD Wolff. Er meint die Bundesrepublik Deutschland vor 1968, spricht von einer „aufgezwungenen Demokratie“. „Von 1848 sind Bayreuth und Wagner geblieben. Von 1968 KD Wolff und der Verlag Stroemfeld/Roter Stern“, sagte vor Jahren der Schriftsteller Friedrich Dieckmann. Und was bedeutet „68“ für den ehemaligen SDS-Vorsitzenden Wolff heute? Er spricht vom „einzig interessanten Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik“. Was sich verändert hat? „Wenn man Außenminister Westerwelle sieht, muss man lachen.“ Der 1943 in Marburg an der Lahn geborene Sohn eines Richters, Kriegsteilnehmers und NSDAP-Mitglieds erinnert sich noch daran, dass die FDP nach dem Krieg „schwarz-weiß-rot“ plakatierte.
Wolff rebellierte gegen den Vater. Erst Jahrzehnte später erfuhr er aus Briefen, dass die Mutter die eigentliche Nationalsozialistin in der Familie gewesen sei. Als der Vater unverschuldet bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, fühlte sich Karl Dietrich, das zweitjüngste von fünf Geschwistern, schuldig. Er meldete sich deshalb für zwei Jahre freiwillig zur Bundeswehr, als Reserveoffiziersanwärter, bestand den Lehrgang als Zweitbester, galt aber als unsoldatisch und wurde nicht wie üblich befördert. Wolff wurde in die Waffenkammer abgeschoben - und hatte nie wieder so viel Zeit zum Lesen: Flaubert, Dostojewski, Kafka. Sein Alarm-Gestellungsbefehl, der bis zu seinem 40. Lebensjahr galt, hätte ihn im Verteidigungsfall in eine Polizeikaserne beordert - für KD Wolff ein Indiz dafür, dass im Westen „Lager“ für Unbotmäßige vorgesehen waren.
Er studierte Jura, fast bis zum Ende. Bis heute profitiert er davon, sagt er. Doch dann ging er in die Politik. Sein Erweckungserlebnis: In der Aula der Marburger Universität stand er schüchtern und stotternd als Einziger gegen den einstigen Kommentator des NS-Militärstrafgesetzbuchs und Kriegsrichter Erich Schwinge auf - und brachte schließlich die Stimmung im Saal zum Kippen.
38 Strafverfahren liefen gegen Wolff, sein Verteidiger war meist Rupert von Plottnitz, der spätere hessische Justizminister. Landfriedensbruch wurde Wolff mehrfach vorgeworfen, und er rechnete zeitweise mit zwei bis drei Jahren Haft. Bis Willy Brandt eine Amnestie durchsetzte. Der Chef des Stroemfeld Verlags sagt heute, sie hätten damals die feste Absicht gehabt, alle Verfahren „durchzuziehen“.
War die RAF notwendig? „Nee“, sagt KD Wolff. Die sei ein „schlecht geratenes Geschwister“ von 1968. „Je nach Temperament“, so ein Mitstreiter Wolffs, hätten sich die jungen Leute damals für den einen oder den anderen Weg entschieden. „Es war ein Scheißstaat.“ Auch Wolff traf die RAF-Leute, die sich offiziell im Untergrund befanden. „Sie waren nicht isoliert“, sagt der Verleger. „Wir hatten die Vorstellung, sie müssten noch erreichbar sein - waren sie aber nicht.“ Gudrun Ensslin besuchte Wolff im Gefängnis. Heute zeigt er sich erschrocken darüber, dass er sich dabei noch nicht einmal nach dem Kind der Inhaftierten erkundigte. Die „Stockholmer“ nennt Wolff in der Rückschau „sehr nett und gesprächsbereit“ - das waren jene RAF-Terroristen, welche 1975 die deutsche Botschaft in der schwedischen Hauptstadt überfielen und dabei zwei Menschen ermordeten. 1978 schlug Wolff, dessen Telefone in den siebziger Jahren abgehört worden waren, eine Amnestie vor. Selbst die Hardliner der RAF hätten später eingesehen, dass das der richtige Weg sei. Der einstige Studentenführer hat Verständnis dafür, dass auch heute, kurz vor Beginn der Hauptverhandlung gegen Verena Becker wegen der Ermordung von Generalbundesanwalt Buback 1977, kein früherer Terrorist einen anderen verpfeift. Eine Wahrheitskommission, dann eine Amnestie: das sieht der abgebrochene Jurist als richtigen Weg im Umgang mit der RAF an - wenn doch schon Südafrika und andere Staaten mit schlimmeren Regimen damit gut gefahren sind.
In welche Partei er heute eintreten würde? Wolff winkt ab. Für die Grünen anzutreten, hatte Wolff einst abgelehnt. Auf Joschka Fischer, der einst im Frankfurter Holzhausenviertel um die Ecke wohnte, ist er nicht gut zu sprechen. Nicht nur wegen des Kosovo-Krieges (“Kohl hätte das nicht mitgemacht“). Als Außenminister habe Fischer auf der Buchmesse nie den Stand von Wolffs Verlag besucht, erst danach habe er sich wieder blicken lassen. Kohl dagegen hat den fast immer am Rande der Pleite stehenden Verlag mit seinem überall um Geld anklopfenden Verleger einmal gerettet, als er über eine Liechtensteiner Stiftung 200.000 Euro für die Hölderlin-Ausgabe besorgte, die dann an Goethe-Institute in Osteuropa verschenkt wurde. An diesem Donnerstag wird das vierzigjährige Verlagsjubiläum gefeiert - in der Deutschen Nationalbibliothek. Ist KD Wolff, Träger des Bundesverdienstkreuzes, ein Patriot? Er lacht. „Und wie! Wollen wir jetzt aufstehen und die Marseillaise singen?“
Erich Schwinge
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 14.08.2010, 02:04 Uhr
Reinhard Müller Jahrgang 1968, Redakteur in der Politik, zuständig für „Staat und Recht“.
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