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Dortmunder Nordstadt : Dealen im Schichtdienst

„Einfach kein Respekt“ – Auf der Mallinckrodtstraße, die von besseren Zeiten träumt Bild: Stefan Finger

In der Dortmunder Nordstadt sind die Claims abgesteckt: hier die Libanesen, dort die Bulgaren, da die Nordafrikaner. Die Polizei hält den Staat noch hoch – doch der lässt die Ordnungshüter im Stich.

          Leer ist es auf der Mallinckrodtstraße eigentlich nie. Selbst am frühen Morgen stehen vor dem Internetcafé „Europa“ einige Männer in der Kälte und gucken vorbeifahrenden Lieferwagen entgegen. Einmal hält einer an. Drei Männer wechseln ein paar Worte und steigen ein. Gegenüber, auf der anderen Seite, stehen noch ein paar Jungs vor dem Wettcafé und gucken herüber.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Die Menge an Zigarettenkippen und Schalen aufgebissener Kerne auf dem Bürgersteig lässt erahnen, dass es über Nacht deutlich mehr waren. Nur ab und zu läuft einer von ihnen auf den breiten Mittelstreifen, wo unter alten Platanen Autos parken, um zu sehen, was drüben vor dem Internetcafé geschieht.

          Die Claims sind hier abgesteckt, auf der einen Seite die Libanesen, auf der anderen die Bulgaren und Rumänen. Auf der einen Seite gibt es vor allem Drogen zu kaufen, auf der anderen gibt es das auch; bekannt ist die Seite vor dem „Europa“ aber als Arbeitsstrich, an dem morgens Männer abgeholt werden, um auf den Baustellen des Ruhrgebiets auszuhelfen.

          „Nordstadt, da geht keiner freiwillig hin“, sagen die Mädchen vor dem Berufskolleg nur ein paar hundert Meter von der Mallinckrodtstraße entfernt und blicken in Richtung des breiten Bahndamms. Der Bahndamm, auf dem der Fernverkehr von Hannover ins Rheinland quer durch Dortmund läuft, trennt das Zentrum von der Nordstadt. Sie alle kennen Geschichten über die Nordstadt, wie die von einer türkischen Bäckerei, die auch tagsüber hinter den Kunden die Tür abschließe, und die von Leuten, die mit laufendem Motor im Auto warteten, wenn sie jemanden in der Nordstadt abholen. „Ist schon ein hartes Getto“, sagt einer der Jungs.

          „Multiproblemviertel“

          Getto nennen es die einen, von „Multiproblemviertel“ spricht die Polizei. Als Landesjustizminister Thomas Kutschaty (SPD) im vergangenen Sommer sagte, dass es in NRW keine No-go-Areas gebe, bekam er einen Brief aus Dortmund. Der SPD-Ortsverein Dortmund Nord lud ihn darin zu einem Rundgang durch die Nordstadt ein, um ihm „ein besseres Urteil über die tatsächlich existierenden No-go-Areas zu ermöglichen“.

          In der Stahlwerkstraße an der alten Westfalenhütte gingen kriminelle Familienclans bewaffnet aufeinander los, schrieben sie. „Dass es bei diesem Vorfall keine Täter, keine Opfer und keine Zeugen gibt, zeigt, dass in Teilen der Dortmunder Nordstadt ein Klima der Angst entstanden ist.“

          Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Nordstadt in Trümmern, aber dann boomte die Montanindustrie. Die Menschen bauten ihr Viertel wieder auf – heute ist es das größte zusammenhängende Altbauareal im Ruhrgebiet. Bald kamen Gastarbeiter aus vielen Ländern.

          Wer es schaffte, zog weg

          Doch auf das Wirtschaftswunder folgte der Strukturwandel. Die ersten Fabriken und Zechen wurden stillgelegt. Der letzte Hochofen auf der Westfalenhütte erlosch 2001. Ein chinesisches Unternehmen kaufte die Anlagen und verschiffte sie in die Volksrepublik. Der letzte Schlag für die Nordstadt kam mit dem nordrhein-westfälischen Nichtraucherschutzgesetz, das die meisten alten Eckkneipen des Viertels nicht überlebten.

          Im legendären Wirtshaus „Zum Wildschütz“ in der Nähe des Borsigplatzes, in dem 1909 katholische Messdiener den Fußballverein Borussia Dortmund gründeten, ist heute eine Frittenbude. Und als wäre deren Inhaber nicht um eine letzte Gemeinheit verlegen, heißt der Imbiss „Rot Weiß“.

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