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Krieg und Terror : Du darfst töten in der Not

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Unsere Gewaltethik: Wer mit Mord droht, den bekämpfe notfalls mit Gewalt, also töte (nicht morde!) den Mörder, damit dieser nicht weiter morde.

          Wo man hinschaut: Krieg und Terror. Jüngst geschah es in Paris. Vom 7. bis 9. Januar 2015. Drei Terroristen ermordeten 17 Menschen. Französische Sicherheitskräfte töteten sie schließlich. Der menschliche Teil der Menschheit jubelte. Der Jubel entsprach dem Maßstab von Recht und Gerechtigkeit. Entsprach er auch dem religiösen Gebot, das uns die meisten Theologen so zitieren: „Du sollst nicht töten.“ Die Polizei hat die Islamisten getötet. Demnach hätten sie gegen das höchste irdische Moral- und damit Religionsgebot unserer Kultur verstoßen. Oder doch nicht?

          Verstoßen etwa auch unsere Bundeswehrsoldaten gegen dieses höchste irdische Moral- und Religionsgebot, wenn sie Terroristen in Kampfeinsätzen töten?

          Was wir verdrängt hatten und um fast jeden Preis verhindern wollten, wurde bittere Notwendigkeit: Wir wollen nicht, müssen aber wieder Krieg und Terrorbekämpfung denken, bedenken, überdenken - und vielleicht sogar führen. Anders, so der kaum noch widersprochenen politisch-militärischen Analyse gemäß, sei Terroristen und vor allem den Massenmördern vom „Islamischen Staat“ (IS) nicht beizukommen. Krieg oder Frieden, Tod oder Leben? Frage und Antwort führen zum Kern unserer Ethik, ohne die es weder ethisch begründetes Recht noch ethisch begründete Politik gibt. Darfst du, darf also der Mensch, wirklich nicht töten? Wurden etwa die Mörder von Paris ihrerseits von Mördern niedergestreckt? Die Antwort(en) sind nicht nur moralisch, religiös und rechtlich, sondern praktisch politisch von fundamentaler Bedeutung. Es geht nicht um Bibelkunde oder Worte, sondern um Werte, die für die praktische Politik in einer Demokratie unverzichtbar sind.

          Das Fundament unserer Ethik sind die Zehn Gebote. Zentral ist in diesem Zusammenhang das (bei Katholiken und Lutheranern) fünfte Gebot. Bei Juden, Reformierten, Anglikanern sowie diversen Freikirchen ist es das sechste Gebot.

          Es lautet im hebräischen Urtext (Exodus 20,13 und Deuteronomium 5, 17): „Lo tirzach“. Wörtlich übersetzt: „Du darfst nicht morden.“ Formal ist „tirzach“ Futur 1, also du wirst morden. Durch das vorangestellte „lo“ wird das Futur zum verneinten Imperativ, zum Verbot. Deshalb muss die Übersetzung lauten: „Du darfst nicht morden“. Noch besser, wenngleich weniger prägnant: „Nein, du darfst nicht morden“. Falsch wäre: Du wirst nicht morden.

          Wir müssen auch die Bedeutungs-Ebene betrachten: Wie das Hebräische unterscheidet das Griechische zweifelsfrei zwischen töten und morden. Das Töten - nicht nur das Töten beziehungsweise Schlachten von Opfertieren - ist unter strengen gesetzlichen Auflagen gestattet, nicht jedoch das Morden. Es ist strikt verboten.

          Bei der Übersetzung in die lateinische Vulgata (ab 393 n. Chr.) ging noch mehr Substanz verloren. Das ist wenig erstaunlich, denn Kirchenvater Hieronymus übersetzte aus dem Griechischen. In der Vulgata heißt es: „Non occides“. Auf Deutsch: Du wirst nicht töten. Wie in der Septuaginta also unter der Prämisse der Gottesherrschaft Futur 1 („du wirst“), aber - welch kapitaler Fehler - „töten“ statt „morden“.

          „Du solt nicht tödten“ („Du sollst nicht töten“) - so hat es Martin Luther ins Deutsche übertragen. Luther war im Deutschen ein sprachschöpferisches und -gewaltiges Genie, er war der eigentliche Schöpfer des Hochdeutschen, doch sein Hebräisch war offenkundig etwas wackelig. „Morde nicht“, so die Version von Martin Buber und Franz Rosenzweig. „Du sollst nicht morden“, dafür entschied man sich in der kirchlichen Einheitsübersetzung.

          Jetzt erst, nachdem wir die historisch-sprachliche Entwicklung betrachtet haben, erkennen wir den gedanklichen Kern des fünften beziehungsweise sechsten Gebots. Es gebraucht die denkbar strikteste Befehlsform. So also wäre richtig und elegant übersetzt: Morde nicht. Oder weniger elegant und wohl leichter verständlich: Du darfst nicht morden. Dabei muss hinzugedacht werden: Wehe, wenn du es trotzdem tust. Wenn du es tust, rechne nicht nur mit der schlimmsten Menschenstrafe, sondern mit der schlimmsten, göttlichen, ewigen Strafe. „Du sollst nicht“ ist demnach viel zu unverbindlich. Die Androhung der härtesten Gottesstrafe durch das „Lo“ gilt aber nicht dem Töten, sondern dem Morden.

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