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Justiz im Fernsehen : Die Justiz ist kein Zirkus

  • -Aktualisiert am

Es gibt schon zu viel Fernsehen in den Gerichtssälen. Unsere Blindheit für Gerechtigkeit wird größer, je mehr Raum die Bilder einnehmen.

          Bundesjustizminister Heiko Maas will dem Fernsehen durch eine Gesetzesänderung ermöglichen, Urteilsverkündungen der Bundesgerichte zu übertragen. Davon kann man nur dringend abraten. Die Fernsehpräsenz des Bundesverfassungsgerichts sollte eine Ausnahme bleiben. Dessen Richter lassen sich durchaus mit dem Bundespräsidenten und den Mitgliedern der Bundesregierung vergleichen. Der Bundesgerichtshof hingegen ist mit seinen weit über einhundert Richtern des Straf- und Zivilrechts auch nur ein Gericht des Bundes unter mehreren.

          Der Bürger muss diese Richter ebenso wenig im Fernsehen sehen, wie er die „Geräusche“ hören muss, die sie von sich geben. Solche Programme lenken von der tieferen Bedeutung der Justitia nur ab, die vor vielen Gerichtsgebäuden steht und die schon immer die Maßstäbe verkörpert hat, um die es im Recht entscheidend geht. Es handelt sich dabei um Maßstäbe, die mehr der gedanklichen Zuwendung bedürfen. Auch der manchenorts in das Gebäude eingemeißelte Satz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, sollte eine wichtige, durchaus auch mit Engagement erfüllte Rolle spielen. Leider fühlen sich gerade Medien davon oftmals nicht angesprochen. Als ob niemand mehr lesen und verstehen, sondern auf Kosten anderer nur noch obszön in Gesichter hineinzoomen will. Und wer wirklich einmal die Atmosphäre eines Gerichtssaals erleben und die Physiognomie von Richtern studieren möchte, dem steht es frei, öffentliche Hauptverhandlungen zu besuchen. Erst dort ist man der Justiz räumlich wirklich nahe. Wer eine Fernsehübertragung verfolgt, sieht eben in die Ferne. Nähe wird dadurch nur scheinbar hergestellt. Das gilt übrigens sogar für ein Fußballspiel, obwohl man am Bildschirm besser verfolgen kann als im Stadion, ob der Ball nun im Netz zappelt oder nicht. Aber kann man auch den Sinngehalt eines Urteils durch flüchtige Wahrnehmung erfassen? Sind aufdringliche Fernsehbilder das, was zum Nachdenken anregt? Welche Ansprüche darf die Öffentlichkeit nach den Vorstellungen des Ministers noch an sich selbst und an andere stellen?

          Natürlich wollen alle wenigstens hinein in das Fernsehen, vor allem die Strafverteidiger, leider wohl auch viele Richter. Von den Politikern ganz zu schweigen. Das Fernsehen verleiht ihnen allen den begehrten Heiligenschein. Angeklagte hingegen, für die zwar die Unschuldsvermutung gilt, die aber trotzdem das Böse zu personifizieren haben, scheinen die auf sie gerichteten Kameras zumeist nicht zu mögen. Sonst würden sie den Kopf kaum in großen Kapuzen, hinter Aktenordnern oder woanders verstecken. Kein Vernünftiger braucht solche Bilder. Hier wird nicht nur der Einzelne entwürdigt, sondern die Justiz als solche diskreditiert. Insbesondere gerät sie dann aus dem Gleichgewicht, wenn sich die Richter in das Beratungszimmer zurückziehen, während die Angeklagte den Medien bereits zum Abschuss freigegeben ist. So ähnlich geschieht es seit Jahr und Tag mit Beate Zschäpe im NSU-Prozess in München zu Beginn eines jeden neuen Verhandlungstages. Nur warum nimmt kaum jemand Notiz davon? Das unfaire Verhalten des Gerichts kann auch nicht durch die Bundesanwälte kompensiert werden, die in roten Roben bereitwillig vor den Kameras posieren und so tun, als seien sie das Gericht. In Wahrheit tragen sie auf diese Weise nur zur Desinformation durch Bilder bei.

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