http://www.faz.net/-gpf-7418e

Gastbeitrag : Weltbürger im Allgäu

  • -Aktualisiert am

Wer Großeltern aus Anatolien, Sizilien oder Nordafrika hat, sieht die Welt anders als der Schriftsteller aus dem Allgäu. Bild: Greser & Lenz

Die Segnungen des Rechtsstaats sind unbestritten. Aber er hat auch eine hässliche Kehrseite: Sturheit, ja Unmenschlichkeit. Ausländer lehren uns, dass es auch anders geht.

          So ist nun mal die Vorschrift.“ Klappe zu. Der Beamte hinter dem Schalter vertieft sich wieder in seine Unterlagen. „Da brauchen wir auch die Unterschrift des Ehemannes“ (es geht um die Verlängerung eines Kinderpasses). „Wo er lebt, herrscht momentan Bürgerkrieg!“ „Da kann ich nichts machen, so ist nun mal die Vorschrift.“ Und eine dritte Erfahrung: Die junge Mutter mit einem Kind auf dem Arm, das andere an der Hand, schafft es nicht, auch noch das Handgepäck in den Flughafenbus zu bugsieren. Die Flugbegleiterin, freundlich um Hilfe gebeten, lehnt ab: „Dafür bin ich nicht versichert.“ Der Busfahrer, sichtlich ausländischer Herkunft, verlässt sofort seinen Platz am Steuer und hilft wortlos, mit einem Lächeln. Ein anderer Busfahrer „mit Migrationshintergrund“, der im nächsten Städtchen gerade losfahren will, hält an und wartet auf die ältere Dame, die etwas verspätet angelaufen kommt. Unterwegs hält er noch einmal außerhalb der Haltestellen, was gegen seine Vorschriften verstößt, und nimmt jemanden auf, der da winkt. Den kleinen Zeitverlust holt er locker wieder ein.

          Wir alle kennen aus unserem Alltag den liebenswürdigen italienischen Kellner im Restaurant, den türkischen Gemüsehändler, der auch nach Ladenschluss noch etwas verkauft, nun auch seinen uniformierten Landsmann bei der Polizei, den freundlichen Afghanen bei der Müllabfuhr, die verlässliche kroatische Haushaltshilfe, den flink arbeitenden Kurden bei der Schuhreparatur und Schlüsseldienst, den Kollegen auf dem Bau oder am Fließband, den indischen Programmierer in der Software-Firma. „Unsere“ Ausländer bestimmen wesentlich das Bild der Arbeitswelt und damit auch unseren Umgangston.

          Seit den sechziger Jahren wurde Deutschland zum Einwanderungsland, auch wenn das lange und hochoffiziell geleugnet wurde. Die Ausländer kamen teils über gezielte Anwerbung als „Gastarbeiter“, teils als frei bewegliche Spezialisten, teils als Asylsuchende, teils als Wirtschaftsflüchtlinge. In Deutschland stammt nun etwa jeder Fünfte aus einer Zuwandererfamilie. Längst hat sich ein solider Mittelstand entwickelt; in vielen Führungspositionen sitzen ehemalige Ausländer. Aber die knapp sieben Millionen Ausländer gehören im Durchschnitt zu den ärmeren Teilen der Bevölkerung, ihre Ausbildung ist schlechter, jeder Dritte arbeitet für Niedriglohn, ihre Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie jene der Deutschen.

          Der öffentliche Dienst kennt keine kulturellen Unterschiede

          Auch wenn sie eine Minderheit darstellen, so wirken sie doch unübersehbar mit an der gesellschaftlichen Kommunikation. Sie bringen ihre Vorlieben und Abneigungen, vor allem aber ihre Umgangsformen mit. Diese sind, sehr vereinfacht, flexibler und höflicher als hierzulande. Das schließt ein, auch einmal ein Auge zuzudrücken und von der Norm abzuweichen. Sie kennen aus ihren Ländern andere Einstellungen zu Vorschriften und zur Bürokratie. Wer aus Diktaturen oder autoritären Regimen kommt, hat meist negative Erfahrungen mit dem Staat, anders als jeder EU-Bürger. Wer einem Bürgerkrieg oder einem im Chaos versinkenden Staat entkommen ist, wird einen geordneten Staat aus vollem Herzen begrüßen und kleine Umständlichkeiten nicht allzu schwer nehmen. Alle aber müssen sich auf unseren Habitus, den wir selbst nach langer Gewöhnung kaum noch wahrnehmen, einstellen. Viele von ihnen kommen aus Ländern, wo der Zeitfaktor eine geringere Rolle spielt, wo man offener und zugewandter miteinander umgeht, einen Staat als abstrakte Größe kaum kennt oder ihm jedenfalls nicht die erste Rangstelle einräumt. Die Familie, der Clan, die regionale Zugehörigkeit sind dort tendenziell wichtiger für die Lebensgestaltung als bei uns.

          Weitere Themen

          Die Unverzichtbaren Video-Seite öffnen

          Wahlspezial : Die Unverzichtbaren

          Deutschland wird nicht allein in Berlin gemacht. Die Menschen, ohne die nichts geht, arbeiten nachts oder in ihrer Freizeit, retten Leben oder den Freitagabend. Die F.A.S. erzählt 14 Geschichten über die Stützen der Gesellschaft. Ein Auszug.

          Die Partei der Superlative

          Chinas Kommunisten-Kongress : Die Partei der Superlative

          Wenn sich die Kommunistische Partei zum Kongress trifft, blickt die Welt auf eine Organisation, die China fast so fest im Griff hat wie zu Maos Zeiten. Die Kommunisten haben den Kapitalismus verinnerlicht. Was ist ihr Geheimnis?

          Entsetzen nach Ermordung von Journalistin Video-Seite öffnen

          Malta : Entsetzen nach Ermordung von Journalistin

          Nach dem Tod der investigativen Bloggerin Daphne Caruana Galizia durch eine Autobombe in Malta vermutet ihre Familie das Motiv für den Anschlag in ihren Recherchen gegen Korruption in dem EU-Land. In der Nacht zu Dienstag versammelten sich auf Malta etwa 3000 Menschen, um der getöteten Journalistin zu gedenken.

          Topmeldungen

          Monokulturen und der Einsatz von Agrarchemikalien stehen im Verdacht als Auslöser des Insektenschwunds.

          75 Prozent weniger Insekten : „Wir befinden uns mitten in einem Albtraum“

          Das Insektensterben lässt sich nicht mehr abstreiten. Der oft kritisierte Krefelder Entomologen-Verein hat jetzt in einer Langzeitstudie gezeigt: Die Populationen sind seit der Wende um drei Viertel geschrumpft. Welchen Anteil hat die Landwirtschaft, welchen das Klima?
          Abgang: Stanislaw Tillich am Mittwoch

          Tillichs Rücktritt : Sächsischer Befreiungsschlag

          Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich tut jetzt das, was während seiner Regentschaft viele bitter vermisst haben: Er handelt konsequent. Die Luft um ihn war schon lange vor seinem Rücktritt dünn geworden.
          Andrea Nahles und Thomas Oppermann, kurz nachdem sie zu seiner Nachfolgerin gewählt wurde. Oppermann schielt jetzt auf das Amt des Bundestags-Vizepräsidenten – nur ist er da nicht der einzige.

          Neuer Bundestag : Das Postengeschiebe hat begonnen

          Die Nominierung des Kandidaten für die Bundestags-Vizepräsidentschaft bereitet der SPD einige Schwierigkeiten. Währenddessen hält die FDP für den Posten ihrer Partei eine Überraschung bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.