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Veröffentlicht: 11.01.2017, 15:46 Uhr

Gastbeitrag: Udo Di Fabio Begegnung mit dem Absoluten

Die Politik akzeptiert das Sperrige der Religion – und die Gläubigen müssen die Bedingungen des Verfassungsstaats achten.

© Greser & Lenz

Als 1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde, gehörten rund 96 Prozent ihrer Bewohner einer christlichen Konfession an. In der unmittelbaren Nachkriegszeit, das Land materiell und seelisch zerstört, aus dem totalitären Wahn erwachend, flüchteten viele in die Kirchen, Verfolgte ebenso wie Mitläufer und Täter. Dort suchten sie Heimat und geistigen Horizont. Der Gottesbezug der Präambel des Grundgesetzes („Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen ...“) war kein Überraschungserfolg des rheinischen Katholizismus im Parlamentarischen Rat zu Bonn, sondern breiter Ausdruck der posttotalitären Rückbesinnung auf tiefere Quellen der menschlichen Zivilisation. Die Kirchen wurden wichtige Kräfte der rekonstruierten Demokratie. Doch schon mit dem Wirtschaftswunder leerten die Gotteshäuser sich wieder. Eine scheinbar unaufhaltsame Welle der Säkularisierung setzte ein, die Ökonomisierung des Lebensalltags. Glaubensfragen rückten an den Rand der Aufmerksamkeit, wenn es um die Bewältigung der Krise von Kohle und Stahl, wenn es um Agrarmarktordnungen oder Globalsteuerung der Wirtschaft ging.

Darin sah nicht jeder etwas Schlechtes. Die alte Erwartung, Religion werde ohnehin über kurz oder lang zu einer Privatsache, schien sich endlich zu erfüllen, die Kirchen verwandelten sich in respektable, aber auch etwas langweilige gesellschaftliche Vereinigungen, die wie Gewerkschaften oder Sozialverbände agierten. Am Ende einer jahrhundertealten Auseinandersetzung zwischen den Bekenntnissen untereinander und zwischen Religion und Staat wurde allmählich auf alles Sperrige verzichtet, auf die Durchsetzung von Verhaltensnormen mit absolutem Geltungsanspruch. Debatten über Wiederbewaffnung, Abtreibung oder Scheidungsrecht gab es, aber sie wirkten bei aller medialen Aufmerksamkeit doch eher wie Endmoränen einer im Schwung erlahmenden Epoche. Politische Pragmatik und Sachnotwendigkeiten wurden zwar mit einer theologisch fundierten Moral befragt, aber der demokratische Rechtsstaat nicht als System herausgefordert. Der Staat der alten Bundesrepublik konnte so recht leicht in die Rolle der wohlwollenden Neutralität finden. Sozial- und bildungspolitische Kooperation, finanzielle Förderung der Kirchen, Schutz christlicher Feiertagskultur, Zulassung christlicher Symbole in öffentlichen Einrichtungen: All das gehörte ganz selbstverständlich zur politischen Kultur.

Was hat sich geändert? Die Kirchen sind zwar mit Abstand immer noch die größten gesellschaftlichen Vereinigungen, sie verloren aber Millionen ihrer Mitglieder, heute sind weniger als 60 Prozent der Einwohner Mitglieder der christlichen Kirchen. Wurden um 1960 herum noch 90 Prozent aller geborenen Kinder getauft, so sind es heute nur noch rund 50 Prozent. Dahinter verbirgt sich ein Prozess der Säkularisierung, abnehmende Bereitschaft zur Gemeinschaftsbindung und auch Einwanderung, insbesondere aus dem islamischen Kulturkreis. Aus diesem gesellschaftlichen Wandel begannen Politik und Recht erste Konsequenzen zu ziehen. Die Selbstverständlichkeit des Kreuzes in Schulen und Gerichtssälen schwand, schließlich wurden die Menschen in Glaubensfragen sowohl indifferenter als auch kulturell unterschiedlicher.

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