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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Gastbeitrag Im Schwarm

Wir fingern heute nur noch, statt zu handeln. Souverän ist, wer über die Shitstorms des Netzes verfügt. Das ist das Ende der Politik.

© Greser & Lenz

Die digitale Vernetzung bringt einen Paradigmenwechsel mit sich, der in seiner Konsequenz genauso weitreichend ist wie der Buchdruck. Sie hat Konsequenzen bis in die Tiefenstruktur des Denkens, der Empfindung und des Habitus. So brauchten wir heute eine digitale Anthropologie, eine digitale Ethik oder Politologie. Die digitale Kommunikationsrevolution führt vor allem zur Erosion des öffentlichen Raumes, in den früher Informationen hinausgetragen und in dem Informationen auch erworben wurden. Heute werden Informationen im privaten Raum produziert und ins Private kommuniziert. Diese Veränderung des Informationsflusses hat Konsequenzen in vielen Lebensbereichen, auch im Politischen. Die Shitstorms ergießen sich in die Leere des öffentlichen Raumes.

Der Erfolg der Piratenpartei, der im Moment bereits gefährdet zu sein scheint, verdankt sich weitgehend dem digitalen Habitus: Es fehlt die Vermittlung. Die digitale Vernetzung der Lebenswelt führt zu genereller Abschaffung der Vermittlungsinstanzen als Zwischenglieder der Kommunikation. Im Politischen verlangt dieser digitale Habitus nach einer Echtzeit- oder Präsenz-Politik, nach der Abschaffung der Repräsentation, also der politischen Repräsentanten, denn diese verursachen einen Zeit- und Informationsstau. Der digitale Habitus ist im wesentlichen Maße verantwortlich für die Krise der repräsentativen Demokratie.

Der Erfolg der Piraten bedarf nicht einer politischen, sondern einer medien- und kommunikationstheoretischen Erklärung. Digitale Medien sind Präsenzmedien. Sie erzeugen den Zwang, alle repräsentativen Instanzen abzuschaffen. Die Piraten bringen kein neues politisches Programm, sondern, wie sie selbst sagen, ein neues Betriebssystem. Dieses System kommt gerade dem digitalen Habitus entgegen. Menschen wollen, so könnte man vereinfacht sagen, nur auf eine Taste drücken und sofort ein Ergebnis sehen, eine Information erhalten oder eine Entscheidung herbeiführen.

Der digitale Habitus lässt, auf das Politische übertragen, nur eine bestimmte Politikform zu. Die politische Handlung als Experiment oder als Vision ist nicht mehr möglich. Ergebnisse sollten ohne großen Zeit- und Informationsstau sofort bewerkstelligt werden. Der Zeit- und Informationsstau wird als Intransparenz wahrgenommen. Der digitale Habitus lässt Dinge nicht zu, die erst langsam reifen müssen. Die Forderung nach Transparenz ist demnach nicht einfach der Ausdruck eines demokratischen Willens oder des Willens nach mehr Aufklärung. Sie ist vor allem medial bedingt.

Die Zukunft als Zeit des Kommenden, des Anderen oder des Ereignisses ist nicht die Zeitform des digitalen Habitus. Sie ist auch nicht die Zeitlichkeit der Transparenz. Der digitale Habitus ist von der Zeitlichkeit unmittelbarer Präsenz und punktueller Gegenwart beherrscht. Eine Gestaltung der Zukunft, ja einer anderen Zukunft, einer anderen Lebensform lässt sich mit dem digitalen Habitus nicht realisieren. Tippen besitzt keine temporale Weite. Es erfasst auch keine weiten Räume. Digital geht auf das lateinische Wort „digitus“ zurück, das „Finger“ bedeutet. Wir fingern heute nur noch, statt zu handeln.

Zum digitalen Habitus gehören Ungeduld, Nicht-Warten-Können oder auch die Unfähigkeit zur Langeweile, die gerade eine Quelle der Kreativität darstellt. In den siebziger Jahren wurde eine Fernsehanlage mit beschränkter interaktiver Funktion, QUBE genannt, entwickelt. Sie verfügt über eine Tastatur, die eine Auswahl unter mehreren auf dem Bildschirm gezeigten Gegenständen erlaubt. Sie ermöglicht auch ein primitives Wahlverfahren. Auf dem Bildschirm werden mehrere Kandidaten etwa für den Direktor einer Volksschule gezeigt. Man kann dann eine Taste drücken, die einem Kandidaten zugeordnet ist. Das kommt einer direkten Demokratie gleich. Angesichts dieses recht primitiven interaktiven Mediums gerät der Medientheoretiker Vilém Flusser ins Schwärmen. Er malt sich eine zukünftige Demokratie aus, die der Vorstellung der Piraten sehr ähnlich ist. Er spricht von einer „direkten Dorfdemokratie“.

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