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Gastbeitrag : Anstand erzwingen

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Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Moralisch neutrales Recht gibt es nicht. Es muss Stellung beziehen - gerade auch gegen eine verbreitete Diskriminierung, die sich keineswegs von selbst abschafft.

          Rechtsregeln, die moralisch neutral sind, gibt es nicht. Ein Bekenntnis hierzu ist Voraussetzung für eine sinnvolle Entscheidung, wie das Recht erziehen soll - nicht nur in sensiblen Fragen der Gleichbehandlung.

          Nach John Stuart Mill hat die Regierung kein Recht, die Moral beim Volk gesetzlich zu erzwingen. Mit Schärfe wird die Diskussion hierüber heute geführt, wenn es um die Gleichbehandlung geht. Als Umerziehungsversuch wider die Vertragsfreiheit wird mitunter das auf EU-Richtlinien beruhende Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gebrandmarkt, das mit seinen Diskriminierungsverboten tief ins Privatrecht hineinwirkt. Haben wir es mit Brüsseler Tugendterror zu tun, wenn es heißt, dass das Recht auf allen Ebenen gleichheitsdurchwirkt sein müsse? Wenn, um nur das jüngste Rechtsprechungsbeispiel des Europäischen Gerichtshofs zu nennen, eine Diskriminierung darin zu sehen sei, dass jemand darauf hinweist, keine Monteure einer bestimmten ethnischen Herkunft einzustellen, weil dessen Kunden diese nicht akzeptierten - ohne dass sich ein Diskriminierungsopfer gemeldet hatte?

          Dabei sind erzieherische, moralisierende Rechtsregeln keineswegs ein Fremdkörper in unserem Rechtssystem. Die vielbeschworene freiheitliche demokratische Grundordnung ist von moralisch aufgeladenen Rechtsregeln durchzogen, in allen Rechtsgebieten. Ein sittenwidriger Vertrag ist nichtig. Das Strafrecht schützt mitunter eher die Moral denn ein Opfer. Die Versuchsstrafbarkeit (die es zum Beispiel auch bei Bagatelldiebstahl gibt) mag ja noch der generellen Abschreckung wegen zu rechtfertigen sein, obwohl „nichts passiert ist“. Doch mitunter steckt der Moralschutz schon im Delikt selbst. Nach Ansicht bedeutender Strafrechtler und auch dem Sondervotum des seinerzeitigen Verfassungsrichters Hassemer kann man bei der Strafbarkeit des Beischlafs zwischen Verwandten keinen anderen Strafgrund als tradierte Moralvorstellungen ausmachen. Bei „exhibitionistischen Handlungen“ wird als das Schutzgut „die Selbstbestimmung über die Abgrenzung des höchstpersönlichen sexuellen Bereichs“ gesehen, die durch Exhibitionismus verletzt werde. Man muss sich wirklich fragen, ob hier nicht Opfer zwangsbeschützt werden und es um Fortsetzung der Erzwingung von Sitte und Moral mit anderen Mitteln geht. Ähnliche Zweifel lassen sich beim Strafgrund für die „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ finden.

          Kann man mit zweierlei Maß messen?

          Noch klarer ist im Ordnungswidrigkeitengesetz, dass das Recht erziehen soll, dass es Anstand, Sitte und Moral nicht nur fördern, sondern erzwingen soll, und zwar auch dann, wenn niemand verletzt wird. Eine Ordnungswidrigkeit ist die „Belästigung der Allgemeinheit“. Geschützt ist die „öffentliche Ordnung“. Diese wurde schon einmal als verletzt angesehen durch das Umarmen einer fremden Frau auf offener Straße - ob es ihr gefallen hat, spielt keine Rolle. Öffentliche Ordnung umfasst die Gesamtheit jener geschriebenen und ungeschriebenen Regeln für das Verhalten des Einzelnen in der Öffentlichkeit, deren Beobachtung nach den jeweils geltenden Anschauungen als unerlässliche Voraussetzung für ein geordnetes staatsbürgerliches Gemeinschaftsleben betrachtet wird. Moralschutz allenthalben. Mag im Ordnungswidrigkeitenrecht noch eine individuelle Rechtsgutsverletzung hinzukommen, so ist das im Recht der Gefahrenabwehr nicht mehr so. Nach zahlreichen Landespolizeigesetzen darf die Polizei oder die Verwaltung einschreiten, um eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und/oder Ordnung abzuwehren. Hier kann die „öffentliche Ordnung“ nur noch eine eigenständige Bedeutung bei „reinem“ Moralschutz haben, denn wenn gleichzeitig ein Individualrechtsgut bedroht ist, liegt schon eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit vor.

          Mitunter heißt es sogar, das Recht fordere nicht zu viel, sondern zu wenig Anstand ein. Vor wenigen Monaten entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die zwangsweise Durchsetzung der Umgangspflicht eines Elternteils mit seinem Kind in der Regel verfassungswidrig ist - was teils Zustimmung, teils aber auch Bedauern auslöste.

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