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Gastartikel: Paul Kirchhof : Wie frei sind wir?

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Bild: Greser & Lenz

Der Mensch bleibt Herr des Computers, wenn er den Raum für Selbstbestimmung und Begeisterung offenhält.

          Wenn sich die Lebensverhältnisse so grundlegend ändern, dass der Mensch den Ablauf seines Alltags nicht mehr versteht, nicht mehr Herr seines eigenen Lebens ist, so entwickeln die Menschen Maßstäbe, die ihnen die Furcht vor dem Ungewissen nehmen und eine Fremdbestimmung abwehren. Schon die Antike hat die wichtigsten Ziele für ein Leben in Selbstgewissheit und menschenmöglicher Freiheit genannt, die bis heute gelten: im Einklang mit der Natur zu leben, der Vernunft zu folgen, in Gemeinschaft und gemeinsamen Normen Geborgenheit und Sicherheit zu finden, Gelassenheit gegenüber vergänglichen Dingen wie Reichtum, Macht und Ehre zu gewinnen. Das Christentum fügt dem ein Menschenbild hinzu, das den Einzelnen in die Mitte des Denkens rückt und ihn beauftragt, sich die Erde untertan zu machen.

          In der Neuzeit entfaltet der Mensch die Naturwissenschaften, erkundet die Kontinente, organisiert eine Weltwirtschaft. Die Herrschaft des Menschen über die Natur scheint gesichert. Der Mensch begegnet der abendlichen Dunkelheit durch den Lichtschalter, schöpft das Wasser nicht mehr aus dem kalten Brunnen, sondern lässt es aus dem Hahn fließen, bewegt sich draußen nicht in Wind und Wetter, sondern fährt im gewärmten Auto. Doch die Herrschaft des Menschen über die Natur wird so dominant, dass sie nunmehr die Natur bedroht, der Mensch die Natur und sich selbst gegen den Menschen schützen muss.

          Heute lenkt der Mensch seine Lebensbedingungen durch computerbasierte Programme, deren Auftrag und Handlungsweisen sich gegenüber dem natürlichen Lauf der Dinge verselbständigen. Der Kampf um Freiheit, Vernunft, Gelassenheit richtet sich jetzt nicht nur gegen den Menschen als Obrigkeit oder als Naturherrscher, sondern gegen Programme und Formate, die der Herrschaft des veranlassenden und des betroffenen Menschen entgleiten.

          Unser Alltagsleben wird immer mehr automatisiert und digitalisiert. Die Maschine übernimmt die Produktion von Gütern, entlastet damit den Menschen, verdrängt ihn aber auch aus dem Arbeitsleben. Das Auto wird demnächst auch autonom fahren, sein Verhalten in Gefahrenlagen aber nicht auf menschliche Reaktionen, sondern auf ein vorgegebenes Programm stützen. Ein Roboter wirkt als gut programmierter Staubsauger und Rasenmäher, entsorgt dabei aber auch den verlorenen Ring, den der staubsaugende Mensch entdecken und dem Verlierer zurückgeben würde. Pflegeroboter betreuen die Menschen in Altenheimen und Krankenhäusern, reagieren dabei verlässlich nach vorgegebenen Schemata der Ernährung, Pflege, Kontrolle, können aber menschliche Betreuung in ihrer Individualität und Zuwendung nicht ersetzen: Ein Roboter kann nicht ermutigend lächeln oder die Stirn runzeln, nicht verständnisvoll zuhören und die Wärme eines Handauflegens vermitteln. Der Code des Roboters ist logisch programmiert, nicht ethisch auf Individualität und Besonderheit vorbereitet. Er wirkt technisch, nicht menschlich.

          Die Drohne wird die Zustellung von Waren übernehmen, unwegsame Regionen erschließen, Menschen aus Gefahr und Not retten, aber auch Intimität beobachten und fotografieren, Privatheit einer technikbasierten Öffentlichkeit zugänglich machen. Wenn Roboter auch zur Kriegführung eingesetzt werden, um eigene Soldaten zu schützen, so erfüllt der Roboter programmgerecht seinen Zerstörungsauftrag, ohne von kriegsbetroffenen Menschen aktuell gesteuert zu werden. Die Frage, ob der Krieg sein soll, ob er heute fortgesetzt wird, stellt das Programm nicht. Selbstverständlich kann der Mensch, der diese Roboter einsetzt, deren Tun auch stoppen. Doch er erlebt nicht vor Ort als Mitbetroffener Leid und Tod des Krieges. Ohne unmittelbaren menschlichen Kontakt drohen Maßlosigkeit und Verrohung.

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