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Veröffentlicht: 19.01.2017, 16:46 Uhr

GASTARTIKEL Auf dem Weg zum Weltbürger

Zwischen den Identitäten: Ein zukunftsoffener Bürger begnügt sich nicht mit einem Engagement nur für das Gemeinwesen.

von Ottfried Höffe
© Greser & Lenz

Lange Zeit befasste sich die politische Philosophie vornehmlich mit sozialen Institutionen und Systemen. Die Politik erschien dabei lediglich als eine Auseinandersetzung mit Interessen und um Macht. Vernachlässigt wurden die Subjekte, obwohl doch von ihnen alle demokratische Gewalt ausgeht. Nimmt man deshalb endlich auch den Bürger in den Blick, so darf man ihn allerdings heute, in Zeiten der Globalisierung und der weltweiten Wanderbewegungen, nicht auf den Staatsbürger verkürzen. Nach dessen drei Dimensionen hebt das Bürgersein beim Rechtsbürger an, dem bürgerliche, politische und soziale Rechte zukommen. Es setzt sich fort im aktiven und wegen seiner Aktivität als vorbildlich eingeschätzten Staatsbürger, dem Citoyen, der in den politischen Institutionen engagiert mitwirkt. Schließlich gilt er noch als Mitglied identitätsstiftender Sozialeinheiten, mithin als Gemeinschaftsbürger oder kommunitärer Bürger.

Nicht etwa in einer utopisch postulierten, sondern in der gelebten Identität des heutigen Bürgers spielen freilich weitere Gesichtspunkte und Dimensionen eine Rolle. Dass deren Vielzahl etlichen Bürgern Identitätsschwierigkeiten bereitet, liegt nahe und sollte nicht zu einer Bürgerschelte führen, sondern eher teils Aufklärung, teils Hilfe veranlassen.

Nicht wenige Bürger füllen nicht einmal die erste der genannten drei Dimensionen voll aus. Zu derartigen Minimalbürgern gehören beispielsweise Personen, die sich über ihre staatliche, dann gern als nationalstaatlich diskreditierte Identität mokieren. Sie halten sich lieber nur für Europäer und empfinden sich im globalen Maßstab als bloße Weltbürger. Geraten sie aber in politisch gefährlichen Gegenden in Gefangenschaft und werden nur gegen Lösegeld freigelassen, so erwarten sie staatliche Hilfe, die selbstverständlich vom bislang diskreditierten Nationalstaat und bei doppelter Staatsbürgerschaft vom politisch und wirtschaftlich hilfreicheren Staat erfolgen soll. Diese Bürger pflegen eine staatliche Minimalidentität, bei doppelter Staatsbürgerschaft zusätzlich eine Wahlidentität, die in beiden Fällen gern zu einer puren Forderungsidentität degeneriert.

Ein wenig, aber nicht viel mehr als lediglich fordernd lebt, wer zu seinem Gemeinwesen außer erzwungenen Gegenleistungen wie Steuern nichts beiträgt. Kaum mehr als ein bloßer Passinhaber, braucht er keine emotionale Bindung an sein Land. Er empfindet keinerlei Aufgabe, sich affirmativ oder kritisch mit der Geschichte, Tradition und Kultur seines Landes auseinanderzusetzen. Nicht wenige fühlen sich sogar lange Zeit nicht einmal mit der Amts- und Verkehrssprache ihres Landes nachdrücklich verbunden.

Die Identitätsschrumpfung kann noch weiter reichen. Die mittels Steuern finanzierten Gemeinwohlaufgaben fangen beim Rechtsschutz an und reichen über die materielle Infrastruktur, also Kanalisation, Strom- und Gasleitungen, Straßen-, Eisenbahn- und Telekommunikationsnetze, zum Gesundheitswesen, zum Bildungs- und Ausbildungswesen, zur großzügigen Sozialstaatlichkeit, nicht zuletzt zur Verteidigung und zu Beiträgen der Kultur. Bürger, die eventuell ein Leben lang keine Steuern zahlen, gelangen trotzdem in den Genuss all dieser Leistungen. Gelegentliche Versuche, zumindest kommunale Tätigkeiten einzufordern, werden in der Regel rasch eingestellt. Ob man damit so lebenswichtigen Dingen wie der Selbstachtung und der Anerkennung durch andere gerecht wird, muss hier dahingestellt bleiben.

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