http://www.faz.net/-gpf-11yv0

Aus der Wissenschaft : Gemeinsames Dach

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Dass sich die Hamas im Gazastreifen und die Fatah im Westjordanland versöhnen, ist kaum noch vorstellbar. Eine mögliche Lösung für den Nahen Osten könnte es jedoch sein, zwei palästinensische Staaten zu schaffen, die in einem Staatenbund zusammengeschlossen sind.

          Was kann das Staatsrecht zu einer Lösung des Nahost-Konflikts beitragen? Dass diese Frage kaum gestellt wird, beruht wohl auf der Überzeugung, dass das Staatsrecht erst dann den Status quo regelt, wenn die politischen Akteure sich geeinigt haben.

          Hinsichtlich des Nahen Ostens ist dieses Axiom jedoch aus zweierlei Gründen problematisch: Zunächst haben die beteiligten politischen Akteure versagt und scheinen auch auf absehbare Zeit nicht in der Lage zu sein, sich zu einigen. Ferner fehlt ihnen offenbar jedwede Vorstellungskraft oder gar ein ambitionierter Vorsatz für einen konfliktfreien Nahen Osten - obgleich die Zweistaatenlösung nach wie vor als en vogue gilt.

          Eine Koalition zwischen Hamas und Fatah ist kaum vorstellbar

          Diese Konzeption scheint aber aufgrund der sich zuspitzenden innerpalästinensischen Zerrissenheit kaum noch zu verwirklichen sein, zumal sich diese Diskrepanz keineswegs gänzlich vom politischen Umfeld im arabischen Raum trennen lässt. So ist beispielsweise schwerlich vorstellbar, dass unter den derzeitigen Bedingungen im Ägypten des Husni Mubarak eine staatstragende Koalition mit den Muslimbrüdern möglich ist.

          Zu einer entsprechenden Bewertung gelangt man, wenn man die Machtergreifung der Hamas im Gazastreifen im Juni 2007 und die gegenwärtige Eskalation des NahostKonflikts in den Blick nimmt. Mit anderen Worten, eine Koalition innerhalb der Autonomiegebiete zwischen der Hamas im Gazastreifen und der Fatah in Ramallah im Westjordanland ist auf absehbare Zeit nicht mehr vorstellbar. Darüber hinaus ist zweifelhaft, ob es dem israelischen Militär überhaupt möglich ist, der Hamas den Garaus zu machen.

          Eine Möglichkeit: zwei palästinensische Staaten

          Freilich, es besteht ein eklatanter Unterschied zwischen den Muslimbrüdern in Ägypten und der Hamas im Autonomiegebiet: Die Hamas regiert über ein Territorium. Und genau daran sind staatsrechtliche Aspekte zu knüpfen: Zum einen sollte es angesichts der Differenzen zwischen der Fatah und der Hamas unter Umständen möglich sein, von zwei palästinensischen Staaten mit eigenständigen Staatsterritorien, -völkern und -gewalten neben denen des israelischen Staates zu sprechen.

          Dem widerspricht es rein staatsrechtlich nicht, dass man von der Existenz eines palästinensischen Volkes ausgeht - das deutsch-deutsche Beispiel hat gezeigt, dass es nicht ungewöhnlich ist, wenn ein Volk zwei Systemen untersteht.

          Zum anderen ist eine Verknüpfung zwischen den drei Staaten erforderlich. Für diese Verknüpfung bietet das Staatsrecht das Modell des Staatenbundes an. Darunter versteht man einen Zusammenschluss souveräner Staaten mit eigener Organisation auf Bundesebene, allerdings ohne dass diese ihre Souveränitäten abgeben.

          Die Vorzüge eines Staatenbundes

          Ein Vorzug dieses staatsrechtlichen Ansatzes liegt darin, dass dadurch eine gemeinsame Dachorganisation entstehen könnte, welche das Interesse des jeweils anderen Souveräns wahren, aber auch koordinieren und zum Ausgleich bringen kann.

          Dabei könnte man eine Lösung für die Siedlungen in der Westbank und für Jerusalem finden, ohne dass man die Siedlungen per se beseitigen oder Jerusalem unter Aufsicht einer der Parteien beziehungsweise einer externen Autorität sui generis stellen müsste. Jerusalem und die Siedlungen sollten hierbei unmittelbar der Jurisdiktion des Staatenbundes unterstehen.

          Zudem bietet die Staatenbundlösung die Möglichkeit eines effizienteren Sicherheitskonzepts; auch wäre es unter diesen Rahmenbedingungen eher möglich, die Herausforderung palästinensischer Selbstverwaltung zu bewältigen.

          Letztlich könnte eine Staatenbundlösung nachhaltig dazu beitragen, dass durch Kooperation in den drei Territorien schrittweise Flüchtlingen die Rückkehr gewährt werden kann. Zudem könnte, längerfristig betrachtet, eine Basis für eine Wiedervereinigung der Palästinenser unter einem einheitlichen Staatssystem geschaffen werden. Ergo: Ein durchaus denkbares Lösungskonzept für den Nahost-Konflikt.

          Weitere Themen

          Europa zusammen voranbringen Video-Seite öffnen

          Macron und Merkel : Europa zusammen voranbringen

          Präsident Emmanuel Macron hat bei seiner Rede zum Volkstrauertag die „unerschütterliche“ deutsch-französische Freundschaft beschworen. Angesichts der globalen Herausforderungen forderte er mehr europäische Souveränität. Merkel scheint diesmal mitziehen zu wollen.

          Schießen und sprechen

          Eskalation in Israel : Schießen und sprechen

          Zwischen Israel und der Hamas eskaliert die Gewalt wie seit 2014 nicht mehr, mehr als 400 Raketen wurden aus Gaza abgefeuert – eine dauerhafte Lösung ist nicht in Sicht.

          Topmeldungen

          Kommentar zu Europa : Ein neues Kapitel – aber wie?

          Frankreichs Staatspräsident Macron blickt in Berlin zurück und nach vorn. Er will eine „europäische Souveränität“. Aber die nationalen Interessen sind keineswegs stets deckungsgleich. Der Volkstrauertag erinnert daran, wie man mit Unterschieden umgeht – und wie nicht.
          Bekam Gegenwind: Chinas Staats- und Regierungschef Xi Jinping.

          FAZ Plus Artikel: Apec-Gipfel : Chinas Heimspiel endet im Debakel

          Auf dem Pazifik-Wirtschaftsforum kommt es zu einer offenen Konfrontation der Systeme. Koordinierte Zusagen von Amerikas Partnern schieben China einen Riegel vor – doch auch Amerika hat eigene Motive.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.