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Spendenaffäre Die in die Röhre gucken

30.04.2001 ·  „Christiansen“ erklärt mal wieder nichts Neues über die Kiep-Million auf dem CDU-Konto, aber die aufgeregte Mediendemokratie lechzt nach Polit-Theater.

Von Thomas Reinhold
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Als peinlichste Sendung der Woche ist sie schon diffamiert worden, aber das ist gut drei Jahre her. Gestern haben die Polit-Talkshow „Sabine Christiansen“ wieder mal 4,75 Millionen Zuschauer gesehen. In der ARD ist eine populäre Ersatzöffentlichkeit entstanden, ein Forum, in dem Politik wie Theater aufgeführt wird.

Auftritt Walther Leisler Kiep, freundlich-gescheitelter Multimillionär, ehemals Schatzmeister der CDU, der Schurke. In weiteren Rollen: Laurenz Meyer, beleidigter CDU-Generalsekretär, das Opfer; Egon Bahr, ernst sinnierender Bundesminister a.D. und leider ahnungsloser Zeitzeuge; Christian Ströbele, lächelnder Inquisitor, Kämpfer für das Wahre und Gerechte; in einer weiteren Nebenrolle der unvermeidliche Politikwissenschaftler Jürgen-W-dem-Publikum-schon-bestens-bekannt-Falter.

Außerdem dabei: Sabine Christiansen, Moderatorin, mit Böhm´scher Halbbrille und investigativ geneigtem Kopf. „Kieps Millionen und die CDU“, hieß das Stück. Eher allgemein der Titel, eher flach die Rollen, eher statisch die Schauspieler, eher gering der Unterhaltungswert der Unterhaltungssendung.

Für 20 Mark am Puls der Politik

Fragetechnik, Gesprächsführung und Autorität der Moderatorin sind seziert worden, die „Bild am Sonntag“ hat einen Psychologen ihre Körpersprache analysieren und die „Bunte“ sich einst über den Sitz ihrer Hose mokieren lassen. Doch das ist längst kalter Kaffee. Das Saalpublikum in der blauen Kugel, dem Studio am Berliner Kudamm, fiebert mit: 20 Mark inklusive Versandkosten für die Eintrittskarte, die Nähe zum Puls der Politik verspricht.

Die einstündige Gesprächsrunde kam noch nie mit übertrieben analytischem Anspruch daher. Trotzdem beginnt für die Fernseh-Republik die Woche schon am Ende des Wochenendes, gleich nach dem „Tatort“. Das gilt besonders für Journalisten im Nachrichtenbetrieb. Christiansen ist ein Produkt der Medien für die Medien.

Das Bühnengespräch ist keine halbe Stunde alt, da gibt es von den Nachrichtenagenturen irgendein erstes Detail: Er habe aber erst vor kurzem von der Auflösung des Kontos der so genannten „Norfolk“-Stiftung erfahren, sagte Kiep am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Sabine Christiansen“. (ddp, 22.47 Uhr). Der Schurke gibt sich ahnungslos. Kurz darauf muss sich das Opfer, vom Inquisitor der Vertuschung der CDU-Affäre beschuldigt, verteidigen: „Das ist abwegig, sagte Meyer am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Sabine Christiansen“. (Reuters, 23.05 Uhr). Dann wieder der Hauptdarsteller, dpa-Zusammenfassung 23 Uhr: „In der ARD-Sendung ´Sabine Christiansen` sagte Kiep am Sonntagabend, es sei nicht zu erwarten...“ - ach egal. „ddp“ ausführlich 23.18 Uhr: „Der frühere CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep will die Prüfung seiner Privatkonten in „drei bis fünf Wochen“ abschließen. Erst dann könne er mit Sicherheit sagen, ob er 1992 wirklich Barzahlungen von CDU-Konten verbucht habe, sagte Kiep am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Sabine Christiansen“. Drei bis fünf Wochen - oder im Klartext: Jetzt sagt er erst mal nichts.

ARD zitiert ARD

Dafür zitieren die Tagesthemen, Flaggschiff seriöser Information in der ARD, gleich noch mal aus der Sendung aus eigener Produktion, die soeben zu Ende gegangen ist. „Wie Ex-Schatzmeister Kiep in der ARD-Sendung Sabine Christiansen sagte...“ So werden Nachrichten geschaffen und „verkauft“, mag ihr Wert auch gering sein. Dennoch folgen um 23.37 Uhr AP („Schriftliche Auskunft über Geldflüsse angekündigt“), 23.47 Uhr Reuters („neu: Äußerungen Meyers und Kieps in der ARD“), 1.06 Uhr AFP, und auch der „Nachrichtenüberlick“ bei ddp um 3.01 Uhr oder dpa um 4.57 Uhr vergessen nicht, aus „Christiansen“ zu zitieren.

Viel mehr Aufmerksamkeit kann ein Politiker kaum bekommen. Es hat eine besondere Qualität, wenn der Grünen-Abgeordnete Ströbele, eine führende Persönlichkeit im Untersuchungsausschuss zur CDU-Spendenaffäre, noch einmal nachspielen darf, was ihm an offizieller Stelle, im Parlament, so missglücken musste. Ströbele befragt Meyer, der findet dessen Frage „völlig in Ordnung“, er bedrängt Kiep, der lächelt - und schweigt, so wie er es im Ausschuss auch schon getan hat. Dann nötigt Ströbele dem CDU-General eine unangenehme Frage auf, Christiansen will gerade weiter zu Falter, doch Meyer ruft „Stopp“, übernimmt kurzerhand das Ruder. Als Falter dann reden darf, kann er auch kein Licht ins Dunkel bringen.

Meyers extra gezielt kalte Schulter

Bahr hebt zwischendurch mal warnend den moralischen Finger, hat aber sonst nur wenige Zeilen Text zu sprechen. Kiep bedankt sich scheinheilig, dass er „endlich mal Stellung nehmen darf“, so als hätte ihn nicht schon der Ausschuss mehrfach und im Detail darum gebeten. Aufklärung bleibt er natürlich schuldig. Meyer klagt, er gehöre zu den 99,9 Prozent der CDU-Mitglieder, die ausbaden müssen, was andere verzapft hätten - und wendet sich ostentativ vom Millionär ab.

Eigentlich, so sagt Meyer auch, hätte doch in der Sendung über Sozialversicherungssysteme gestritten werden sollen, jetzt müsse er wieder über „diesen Mist“ reden. Doch gerade der bürgt natürlich für Einschaltquoten - nicht Freibeträge hinterm Komma oder Demografiefaktoren in Positionspapieren. Die Zeitschriften „Spiegel“ und - mit Abstrichen - „Focus“, die einmal Meinungsführerschaft über die Themen am Montag beanspruchten, müssen nun in die Röhre gucken.

Christiansen, so scheint es, bestimmt die Agenda für den Montag, nicht nur die Wahrnehmung von Politik, sondern manchmal auch die Politik selbst. Eine selbsterfüllende Prophezeiung. Anstoß, nicht Aufklärung. Abgang Kiep.

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