23.06.2008 · Am Wochenende hat die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti davor gewarnt, die Linkspartei zu „dämonisieren“. Die Oppositionsführerin verfolgt beharrlich ihr Ziel, doch noch Ministerpräsidentin zu werden. Hilfe von Männern und Frauenquoten braucht sie dafür nicht mehr.
Von Marie Katharina WagnerGeborene Dill. Geschiedene Ypsilanti. Mit dem neuen Namen machte sie Karriere. Aber Dill passt besser zu ihr. Verschränkte Arme, misstrauischer Blick, selten ein Lächeln. Warum man jetzt noch über sie schreiben wolle, wo doch alles über ihr Leben gesagt sei? Andrea Ypsilanti sei härter geworden, sagen Weggefährten, und distanzierter. Alles Abwehr. Reflektiert, zurückhaltend, eine gute Zuhörerin - so wird sie oft beschrieben. Gerne würde man sie mal in der Freizeit erleben, sagt ein Fraktionsmitglied. Vielleicht legt sie Stress und Schminke abends ab und verwandelt sich in eine liebenswerte Frau und Mutter, die mit ihrem zwölfjährigen Sohn Fußballbilder tauscht.
In der Öffentlichkeit ist sie Andrea Ypsilanti, die starke Frau der hessischen SPD, Rächerin der sozial Enterbten. Die Rolle hat sie eine ganze Weile gut beherrscht. Die Herkunft, das „Arbeitermilieu“, der Vater, der ihr „Steine in den Weg legte“: diese Erfahrungen benutzt sie zur „biographischen Hinterlegung“ ihrer Programme. Fast in jeder Rede, in jedem Interview kommen Anekdoten aus ihrem Leben vor: Wie der Vater, der Opel-Arbeiter, seiner zweiten Tochter das Abitur nicht gönnte und sie zur Sparkasse schicken wollte. Wie nur ihre Lehrer Vater Dill überreden konnten, die begabte Andrea auf das Gymnasium gehen zu lassen. (Also doch.) Und wie sie danach, um für das Studium zu sparen, als Stewardess jobbte, sich durchbiss.
Ein Haus mit Garten, ist das „ganz unten“?
Wahr ist, dass Andrea Dill in Rüsselsheim-Königstädten aufwächst. Ihr Vater arbeitet bei Opel, auch das ist wahr. Aber er ist kein „einfacher Arbeiter“. Meister sei er gewesen, erzählt ein ehemaliger Kollege, „ein sehr anständiger Mann, de Kall“. Drei Mädchen hat er, die Familie wohnt in einem Haus mit Garten. Ganz unten? Da beginnt Andrea Dills Aufstieg nicht. Auch ihr Studium finanziert sie sich nicht selbst. Sie ist da schon mit Emmanuel Ypsilanti verheiratet, einem griechischen Prinzen aus verarmtem Adel, der aber gut verdient.
Drei Jahre hält sie es bei der Lufthansa aus. Heute spricht sie von dieser Zeit mit Verachtung: Wie ungerecht es gewesen sei, dass im Cockpit drei Männer gesessen hätten, die viel mehr verdienten als die ebenso hart schuftenden Flugbegleiterinnen. So argumentiert sie heute noch, mit über fünfzig.
Extravagante Phase
Die Zeit mit „Manoli“, dem Frauenschwarm, mit dem sie nach der Zeit bei der Lufthansa für zwei Jahre nach Spanien geht und dort Sprachen studiert, ist die außergewöhnlichste im Leben Andrea Ypsilantis. Aber diese Extravaganz fügt sich nicht in die Rolle von heute. In kleiner Journalistenrunde antwortet sie auf die Frage, ob sie damals Prinzgemahlin oder Prinzessin gewesen sei: „Wissen Sie, da, wo ich herkomm', da bleibt man bei seinen Leisten.“
Heute lebt Andrea Ypsilanti mit ihrem Lebensgefährten Klaus-Dieter Stork und Sohn Konstantin ein bürgerliches Leben. Sie liebt gutes Essen, Literatur, Niki de Saint-Phalle und Reisen nach Frankreich. Sie achtet auf ihr Äußeres, kocht aufwendig, trinkt - wenn überhaupt - lieber Wein als Bier. Damit das nicht zu spießig daherkommt, wird das Reihenhaus, das die drei mit der Familie von Storks Bruder in einem Frankfurter Vorort teilen, als „WG“ bezeichnet. Auch die „wilde Ehe“ von Ypsilanti und Stork soll als Alternative zum Modell lebenslanger Ehe des Biedermanns Roland Koch erscheinen.
Wie Frauen mit Macht umgehen
Als sie sich 1986 mit 29 Jahren für das Soziologiestudium in Frankfurt einschreibt, lebt das Ehepaar Ypsilanti in einem Einfamilienhaus in Oberursel. Bis dahin habe sie nie gewusst, was sie werden wollte, sagt sie heute. 1986 beginnt auch die Parteikarriere der Andrea Ypsilanti. Sie kommt zu den Jusos und beschäftigt sich fortan vor allem mit einem Thema: Wie Frauen mit Macht umgehen. Darüber schreibt sie eine oberflächliche Diplomarbeit, befragt „Biographien einflussreicher Frauen“ aus dritter Hand. Andrea Ypsilanti zitiert ihre damaligen Ergebnisse auch jetzt noch gern, mit über fünfzig, zuletzt im Mai bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“. Sie stellt fest, dass Frauen es schwer haben, gegen die patriarchalischen Machtstrukturen in der Politik anzukommen. Und dass sie dafür Unterstützung brauchen, am besten vom eigenen Vater.
Andrea Ypsilanti ist keine „Vater-Tochter“. Sie formuliert in ihrer Arbeit das Manifest der Aktionsgruppe „Frauen und Macht“, die sie bei den Jusos mitgegründet hat: Anstatt „Helferinnen an den patriarchalischen Herrschaftsstrukturen zu werden“, sollten die Frauen „zu deren Veränderung beitragen“. Damit hat sie, neben der sozialdemokratischen Schnittmusterbiographie, ihre zweite Rolle gefunden: Kämpferin gegen das Patriarchat.
Feuer verloren
Diese Rolle passt nur nicht zu ihrer These der Vater-Töchter, die sie bei Günther Jauch wiederholt. Denn die bedeutet, dass man sich für die eigene Karriere nicht verantwortlich fühlen muss. Kürzlich sprach Andrea Ypsilanti an der Universität Gießen zur Feier von hundert Jahren Frauenstudium. Im Publikum saßen viele ältere Damen, die sie nach der Rede aufgeregt umringten. Aber während Frau Ypsilanti über die Dominanz der Männer schimpfte, applaudierten sie nur spärlich. Das Feuer der Kampagne scheint nach der bravourös verlorenen Wahl erloschen: Müde steht sie am Pult, verhaspelt sich immer wieder in ihrem Dialekt. „Wir Frauen werden doch immer dann gerufen, wenn der Karren schon an die Wand gefahren ist.“ Das hat Heide Simonis auch schon gesagt.
Erst ganz am Ende, nachdem sie lange von der männlichen „Arroganz der Macht“ gesprochen hat und der „archaischen Kampfrhetorik“, auf die man sich einlassen müsse, um nicht als „führungsschwach“ zu gelten, nachdem sie sich beschwert hat, dass der „Kampf noch immer so hart sei wie am Anfang“ und die „patriarchalischen Strukturen noch nicht einmal erschüttert seien“, da setzt sie hinterher: Naja, es seien ja nicht alle Männer so schlimm.
Stets von Männern gefördert
Andrea Ypsilanti ist zeit ihres politischen Lebens von Männern gefördert worden. Dass sie ihre Karriere als Kampf interpretiert, muss man als feminine Form „archaischer Kampfrhetorik“ verstehen. So wird aus Andrea Dill die couragierte Andrea Ypsilanti. Quote mit Ypsilon. Wenn man sie aber fragt, ob sie jemals davon profitiert habe, eine Frau zu sein, dann verschränkt sie die Arme: Nein, nie! Und die Frauenquote, dank derer sie 1999 in den Landtag einzog? Das sei ihr gutes Recht gewesen.
Einige Männer der südhessischen SPD sahen in ihr schon bei den Jusos das frische Gesicht, das einmal gegen die alten Männer antreten würde; andere förderten sie, weil eine Frau dabei sein musste. 1991 wird sie Juso-Landesvorsitzende. Udo Bullmann, ihr Vorgänger, erinnert sich an sie als „eines der jungen Talente“. Außerdem verkörpert sie in seinen Augen das Gegenbild zu dem „karriereorientierten Jungpolitiker mit Lederkoffer“. Und obwohl einige Jusos sich jemand anderen wünschen - Klaus-Dieter Stork, der auf die Kandidatur verzichtet -, wird sie aufgestellt. Es sollte eben eine Frau werden, sagt jemand, der dabei war.
Eine Frau, die nicht stört
1994 stellt Ministerpräsident Hans Eichel sie als Referentin ein. Mit ihr holt er sich zugleich die Sympathien des linken südhessischen SPD-Bezirks und der Jusos in die Staatskanzlei. 1999 schenkt die Partei ihr einen Wahlkreis und dazu über die Frauenquote einen sicheren Listenplatz für den Einzug in den Landtag. 2001 wird sie zur stellvertretenden Fraktions- und Landesvorsitzenden der SPD, weil „es bei den vielen Männern zwingend notwendig war, eine Frau in den Vorstand zu holen“, sagt der damalige Landes- und Fraktionschef Gerhard Bökel.
In keiner dieser Positionen fällt sie auf, oft geht sie eher unter, immer aber ist sie die freundliche Andrea Ypsilanti, eine Frau, die nicht stört. Die sehr diszipliniert ist, abends lieber bei der Familie ist, als mit den Kollegen noch zu trinken. Die selten mal einen Scherz macht. Sie wäre wohl gerne humorvoller und spritziger, sagt eine SPD-Abgeordnete. Wenn sie in einer Runde sitze, in der jemand den Entertainer gebe, dann beobachte sie den oft voller Bewunderung.
Sprung über den Schatten
Und dann springt sie auf ein Mal über ihren Schatten. 2003 hat die SPD mit ihrem Spitzenkandidaten Bökel die Wahl gegen Roland Koch mit dem katastrophalen Ergebnis von 29,1 Prozent verloren. Als Bökel hinschmeißt, machen die Männer den attraktiveren Fraktionsvorsitz unter sich aus - der Landesvorsitz bleibt auf dem Grabbeltisch. Andrea Ypsilanti greift zu. Stork unterstützt sie, manche sagen, er habe sie „gepusht“. Er ist der Mann, den die Republik inzwischen vom Bildschirm kennt, der Andrea Ypsilantis Texte auswendig mitspricht.
Die Zeit zwischen ihrer überraschenden Ankündigung der Spitzenkandidatur 2006 und der Landtagswahl Anfang 2008 ist die wohl beste in der Karriere der Andrea Ypsilanti. Ihre Unbestimmtheit wird zum Trumpf: Man kann in ihr alles Mögliche sehen, auf jeden Fall etwas Linkes, das nichts mit Roland Koch gemein hat. Ihr enges Netzwerk aus Mitgliedern der südhessischen und Frankfurter SPD, das sie schon seit der Juso-Zeit stützt, leistet gute Arbeit - insbesondere in Vorbereitung des Parteitags von Rotenburg, auf dem sie ihren Konkurrenten Jürgen Walter endgültig ausbootet. Dort hat sie ihre „Sternstunde“, sie hält eine emotionale, enthusiastische Rede, in der Ségolène Royal vorkommt und deren Kernbotschaft lautet: „Eine Frau, die an die Spitze geht, weiß, was Kampf ist.“
Doch schon kurz nach der Wahl fällt sie aus ihrer Rolle. Und kommt der „Arroganz der Macht“ gefährlich nahe. Mitglieder ihrer Fraktion beschimpfen Dagmar Metzger auf das unflätigste. Ypsilanti sitzt dabei und schweigt - Andrea Dill.