22.09.2002 · „Ich finde, wir haben einen guten Kampf gekämpft.“ Das ist Schröders erster Satz vor seinen Anhängern. Echte Sieger hören sich anders an.
Von Thomas Reinhold, BerlinUm 19.33 Uhr tritt endlich der Bundeskanzler auf die Bühne vor dem Willy-Brandt-Haus. Das Lächeln ein wenig gequält. Echte Sieger sehen anders aus. „Ich finde, wir haben einen guten Kampf gekämpft.“ Das ist sein erster Satz. Echte Sieger hören sich anders an. Aber was soll er sagen? Die „Tagesschau“ muss sich auch mit Pseudo-Gewissheiten helfen. „Fest scheint zu stehen...“, beginnt der Sprecher die Top-Nachricht des Tages zu verlesen. Scheint. Zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale noch keine Gewissheiten. Die Hilflosigkeit ist groß. Es wird eine lange Nacht.
Am Nachmittag gab es noch ein deutlicheres Bild. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa sah in seinen Prognosen Rot-Grün mit 48 zu 45 Prozent vor Schwarz-Gelb. Große Zufriedenheit im Willy-Brandt-Haus, obwohl zu dieser Zeit schon Edmund Stoibers Wahlkampfmanager Michael Spreng andere Trends verbreitete - zu Gunsten der Union natürlich. Aber wer will sich schon die gute Laune verderben lassen?
Versammlung im Regen
Auf der mobilen Bühne vor der SPD-Parteizentrale kündigt der Moderator die Scorpions, Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen an, die Schauspielerinnen Esther Schweins und Iris Berben seien da. Auf den Dächern der Nachbargebäude haben sich vermummte Sicherheitsbeamte postiert, Gewehr im Anschlag. Unten auf der Straße sammeln sich langsam die Anhänger der SPD vor den Großleinwänden, die das aktuelle Fernsehprogramm übertragen. Eine Berliner Brauerei bietet jedes Getränk für einen Euro feil. Die überlaute Beschallung des Platzes und der Regen machen es auch nicht besser. Feststimmung fehlt.
Um 17.40 Uhr taucht Herta auf, die Justizministerin, die nicht zurücktreten mag. In ihrer Miene steht die Anspannung der vergangenen Tage. Dem Reporter, der am Bildschirm zu sehen ist, fällt auch nichts Schlaueres ein, als dass die FDP „die 18-Prozent-Marke vermutlich nicht erreichen wird“. Erster verhaltener Jubel, als das ZDF meldet, 67 Prozent der Bevölkerung erwarteten, dass die Regierung ihre Arbeit fortsetzen würde, nur 21 Prozent rechneten mit der Opposition.
„Am besten, du gehst nach Hause“
Dann endlich ist es 18 Uhr. Ein Gong verspricht Erlösung. Die erste Prognose. Doch an die 1000 Sozialdemokraten stehen still im Nieselregen, als das Ergebnis ihrer Partei veröffentlicht wird. Lauter Jubel, als es so aussieht, als sei die Union doch nicht an der SPD vorbeigezogen. Hämisches Gelächter, als der Fernsehreporter niemanden finden kann, der ihm die Schlappe der FPD erklären möchte. Echte Begeisterung erst, als die Stärke der Grünen offenbar wird. Sind die Koalitionspartner doch gemeinsam wieder vorne?
„Am besten, du gehst nach Hause und guckst im Internet“, rät ein junger Mann seiner Freundin, die die Hochrechnung der anderen Sender vermisst. Drinnen im Gebäude, das dem Parteivolk geschlossen bleibt, werden ein paar Promis von Fernsehstudio zu Fernsehstudio gereicht. Renate Schmidt ist schon genervt. Wieder wird sie auf Däubler-Gmelin angesprochen und ob jetzt sie an ihrer Stelle ins Kabinett rücke: „Jetzt fragen Sie doch nicht immer dasselbe“, wehrt Schmidt nur ab. Aber eines weiß sie schon: „Eine Schlappe ist die Wahl für die SPD nicht.“ Auf dem kleinen Monitor im Phoenix-Studio darf CDU-Generalsekretär schon fast vom Gegenteil sprechen: „Wir sind wieder da“, jubelt er.
„Wenn man gewinnt, hat man gewonnen“
Um 18.45 Uhr zeigt sich Generalsekretär Müntefering zum ersten Mal. Viel Substanz kann er auch noch nicht bieten, aber die Journalisten gieren nach Interpretationen, nach Fetzen. Und sie bekommen dies: „Wenn man gewinnt, hat man gewonnen.“ Der Reporter des Bayerischen Rundfunks ärgert sich, ranzt die Kollegen an: „Ihr hätten ihn festhalten sollen, das hätten wir live haben können. Mist.“ Die Hochrechnungen ergeben noch kein klares Bild.
Zufrieden sind immerhin die Sozialdemokraten, die aus Wien angereist sind und jetzt im Atrium ihr Zwei-Quadratmeter-Plakat hochhalten: „Weiter so in Berlin, SPD. Wieder so in Wien, SPÖ“, steht da drauf. Ende November wird in Österreich ein neues Parlament gewählt.
Warten und Warten
Unterdessen wird der Vorstandssprecher der SPD von Journalisten umringt. Kann er helfen? Wie die Stimmung in der Parteiführung sei, ob das Wort „große Koalition“ schon gefallen sei, wird er gefragt. Aber alles, was er beim besten Willen bieten kann, ist die Sprachregelung: „Mehrheit ist Mehrheit“, lautet die. Ansonsten rechnet auch er mit einem „langen Abend“. Was soll er auch tun? Zu dieser Zeit erechnet das ZDF noch einen Vorsprung von 300 zu 297 Stimmen für Rot-Grün.
Draußen starren die SPD-Anhänger gebannt auf jede neue Hochrechnung. Die Regie schaltet zwischen den Fernsehstationen hin und her. Bilder, Töne, Stoibers Gesicht erscheint, Westerwelles Stimme dazu. Die will hier eh niemand hören. ZDF: Es reicht. ARD: Es reicht nicht. Das Tabu-Wort Regierungswechsel fällt. Pfeifen, Buhrufe. Und wieder Warten.
Eine lange Nacht
Kurz nach halb acht kommt der Star der SPD nach draußen in den Regen. „Liebe Freunde, hier ist Bundeskanzler Gerhard Schröder nebst Gattin“, ruft der Moderator ein wenig ungelenk. Trotzdem hellen sich die Mienen auf. Aber auch Schröder ist noch voller Zweifel: „Wir haben vielen Menschen, jungen zumal, Hoffnung gemacht“, sagt Schröder. Hoffnung, mehr hat er auch nicht in diesem Moment. „Wir haben die Chancengleichheit zwischen den Generationen verbessert“, fügt er an und klingt wie noch vor Tagen im Wahlkampf - nur matter.
„Es wird ein spannender Abend. Kein Grund zur Resignation“, macht der Kanzler den Seinen Mut. Er verabschiedet sich mit einer dieser Weisheiten des Abends: „Mehrheit ist Mehrheit. Und wenn wir sie haben, werden wir sie nutzen.“ Eine lange Nacht.