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Veröffentlicht: 29.01.2017, 11:56 Uhr

Martin Schulz Die Story seines Lebens

Es ist eine irre Geschichte: Ausgerechnet jetzt, da sich die EU in ihrer größten Krise befindet, will die SPD mit einem Mann in den Wahlkampf ziehen, der ganz für dieses Europa steht – Martin Schulz.

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© Reuters Martin Schulz wird Kanzlerkandidat der SPD.

Es gibt diesen Spruch: Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa! Verdiente Politiker werden ins Europäische Parlament abgeschoben, wenn es in der nationalen Politik keine Verwendung mehr für sie gibt. Ein Abklingbecken für Leute, die zu jung sind, um schon in Rente zu gehen, aber zu alt, um noch an der Spitze zu bleiben. Ein Büro in Brüssel, eines in Straßburg, eine stattliche Diät und eine großzügige Kostenpauschale. Es gibt Schlimmeres.

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Martin Schulz war 38 Jahre alt, als er 1994 sein erstes Mandat im Europäischen Parlament errang. Ein Familienvater mit zwei kleinen Kindern, Bürgermeister von Würselen, einer Kleinstadt im äußersten Westen Deutschlands. Für ihn war Europa kein Versorgungsposten, es war der Sprung in die große Politik. Er legte dort eine bemerkenswerte Karriere hin. Heute ist er 61, seine Kinder sind erwachsen. Aber Schulz brennt immer noch vor Ehrgeiz, vielleicht mehr denn je. Er hatte sich zuletzt darauf eingestellt, Außenminister zu werden. Nun geht es noch höher hinaus: SPD-Parteichef, Kanzlerkandidat. Das hat noch kein Europapolitiker geschafft.

Große Erwartung aus der eigenen Fraktion

Es ist eine irre Geschichte: Ausgerechnet jetzt, da sich die Europäische Union in ihrer größten Krise befindet, will die SPD mit einem Mann in den Wahlkampf ziehen, der ganz für dieses Europa steht. Ausgerechnet jetzt, da die SPD in den Umfragen an der Zwanzig-Prozent-Marke kratzt, legt sie ihr Schicksal in die Hände eines Mannes, der nie regiert hat und die Berliner Politik nur aus der Distanz kennt. Ein Abenteuer, zweifellos. Für alle.

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Der Kandidat bekam schon in den ersten Tagen zu spüren, was nun auf ihn zukommt. Die Erwartungen in seiner eigenen Fraktion sind riesengroß. Und die politischen Gegner schmieden ihre Schwerter. Es wisse ja niemand, wofür er innenpolitisch stehe, behaupten Leute von den Grünen, der FDP und der Union. Kennt er sich überhaupt in den Niederungen des Tarifrechts aus oder mit den Feinheiten der Rentenformel? Frühere Interviews werden durchforstet. Aha, er wollte mal Eurobonds, um die Schulden der Südeuropäer zu vergemeinschaften! Einige versuchen ihn nun als Linken abzustempeln. Und die AfD holt schon mal den Morgenstern raus: Schulz sei ein „Symbol für EU-Bürokratie und ein tief gespaltenes Europa“. Das wird er noch oft zu hören bekommen, denn mit seiner Ernennung hat der Wahlkampf begonnen. Der wird härter als alles, was er als Spitzenkandidat für die Europawahl erlebt hat.

Natürlich gehört Schulz zum Brüsseler Establishment. Er war sieben Jahre Fraktionsvorsitzender, fünf Jahre Parlamentspräsident. Aber ein Symbol für die Bürokratie? Der EU-Kommission hat er nie angehört. Schulz war immer Parlamentarier mit Herz und Seele. Im Kreis der Kollegen stach er früh heraus: weil er seine Positionen leidenschaftlich vertrat, weil er mit scharfer Zunge formulierte, weil er andere mitreißen konnte. Diese Eigenschaften sind im Europäischen Parlament eher selten. Die Abgeordneten sind Fachpolitiker, ihre Bindung an die heimischen Wähler ist gering, schon wegen der großen räumlichen Distanz.

Zwischen Politik und Familie

Für Schulz war das anders. Sein Wahlkreis lag ja nur anderthalb Stunden von Brüssel entfernt, dort blieb er wohnen. Auf den Autofahrten telefonierte er. Wenn ein Gespräch in zehn Minuten zweimal abbrach, war das das Zeichen, dass er gleich daheim sein würde: Im Dreiländereck wechselt das Netz zwischen den Niederlanden, Belgien und Deutschland. In Würselen war Schulz zu Hause. Seine Frau, eine Landschaftsarchitektin, betrieb dort ihr Büro, seine Kinder gingen da zur Schule. Von seiner Familie hat Schulz mehr gesehen als andere Spitzenpolitiker. Sie war ein wichtiger Grund dafür, dass er lange Angeboten widerstand, in die Bundespolitik zu wechseln.

44493297 © dpa Vergrößern Politik und Familie unter einem Hut: Schulz mit Ehefrau Inge bei der Europawahl 2014

In Würselen kennt ihn praktisch jeder. Dort wollte er Fußballprofi werden und gründete, als das nicht klappte, eine Buchhandlung, die es immer noch gibt. Hinten im Büro traf Schulz sich mit seinen Juso-Freunden und schmiedete politische Pläne. Mit 31 wurde er zum Bürgermeister gewählt, damals der jüngste in Nordrhein-Westfalen. Er lernte die Politik aus der Froschperspektive kennen. Ende der achtziger Jahre musste er plötzlich mehr als tausend Flüchtlinge aus afrikanischen Bürgerkriegen aufnehmen, durchgewunken von Belgien. Er beschlagnahmte eine Turnhalle, fürchtete um seine Wiederwahl – und gewann die absolute Mehrheit. Als in der Bergbauregion die Zechen schlossen, gründete er mit seinem Kollegen aus dem benachbarten Aachen ein Gewerbegebiet, wo sich IT-Unternehmer ansiedelten. Die Technologie, mit der heute bei internationalen Fußballturnieren festgestellt wird, ob ein Ball die Linie überschritten hat, kommt aus Würselen. Dem Fußballfan Schulz ist das wichtiger als so manche Richtlinie, die er durchs Parlament brachte, er erzählt es mit Begeisterung.

Ein guter Erzähler

Er ist überhaupt ein guter Erzähler. „Dazu kann ich Ihnen eine Story erzählen“ – so geht es immer los. Und dann weiter im rheinischen Singsang, mit nachgespielten Dialogen und einem Höhepunkt, den er immer weiter herauszögert. Schulz ist auch ein guter Beobachter. Als er im vergangenen Jahr den türkischen Präsidenten Erdogan besuchte, studierte er dessen Entourage genau. Ihm fiel auf, wie die Mitarbeiter gelangweilt auf ihren Mobiltelefonen herumtippten, als sie zum x-ten Mal einen Film über den Militärputsch ansehen mussten, in dem es immer nur um Erdogan ging. Und er registrierte, wie ihnen die Kinnlade runterklappte, als Schulz Erdogan jovial anpflaumte:

Na, Recep, du bist ja gut in Form!

Erdogan: Tja, ich treibe regelmäßig Sport.

Schulz: Ich dachte, es liegt an deinem Büro, du hast ja einen weiten Weg bis zur Tür.

Man muss dazu wissen: Das Büro des türkischen Präsidenten kann es mit dem Spiegelsaal von Versailles aufnehmen.

Es gibt wohl sonst niemanden, der so mit Erdogan redet. Schulz kommt aber auch mit Normalbürgern gut ins Gespräch. Er kann zuhören und sich in sein Gegenüber einfühlen. Aus einem Smalltalk wird schnell ein ernsthafter Austausch. Manche Politiker beherrschen das als Pose. Aber bei Schulz ist es mehr, er kann sich Jahre später noch an Details erinnern. Vielleicht auch deshalb, weil er Tagebuch führt: jeden Abend eine Seite im Jahreskalender der Aachener Stadtsparkasse – und das seit mehr als drei Jahrzehnten. „Wartet nur, wenn ich erst mal meine Memoiren schreibe“, sagt er mitunter. Aber noch ist es zu früh für die Story seines politischen Lebens, das wichtigste Kapitel fehlt.

Ein ungewöhnlich belesener Mensch

Schulz ist ein ungewöhnlich belesener Mensch. Gerade ist er mit Juli Zehs Roman „Unterleuten“ durch, nun vertieft er sich in „Höllensturz“, ein Buch des Historikers Ian Kershaw. Es handelt davon, wie Europa vom „goldenen Zeitalter“ in die Katastrophe zweier Weltkriege stürzte. Diese Zeit fasziniert ihn besonders. Christopher Clarks Buch „Die „Schlafwandler“ über den Weg in den Ersten Weltkrieg hat er verschlungen. Mit dem Autor diskutierte er dann in Aachen vor tausend Zuschauern. Beide tauschen sich seither öfter aus. Als Schulz vor einiger Zeit bei einem Empfang im belgischen Königspalast war, sprach ihn die Hausherrin auf das Buch an. Zwei Tage später saß der Australier Clark bei der Königin am Tisch.

44493072 © dpa Vergrößern Schulz ist starker Befürworter eines gemeinsamen und starken Europas.

In Brüssel und Straßburg begannen Schulz’ Tage um acht Uhr, selten endeten sie vor Mitternacht. Die Zeit zum Lesen nahm er sich trotzdem, immer eine halbe Stunde vor dem Einschlafen. Eine Entspannungstechnik: Er schaltet ab, wenn er sich in Bücher vertieft. Aber auch Ausdruck eines Bildungshungers, der von einer verunglückten Schulkarriere entfacht wurde. Schulz war schwach in Mathe, er blieb zweimal sitzen, nach der 11. Klasse war Schluss. Kein Abi, kein Studium. Also musste er sich sein Wissen selbst aneignen, als Autodidakt. Der Beruf des Buchhändlers lag nahe, da konnte er viel lesen.

Manche versuchen jetzt schon, aus dem fehlenden Abitur politisches Kapital zu schlagen. So schrieb der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Emil Sänze diese Woche: „Frau Merkel hat ein Diplom und einen Doktortitel und ist dennoch nicht fähig, dieses Land zu führen. Was haben wir da erst von einem gelernten Buchhändler zu erwarten?“ Für eine Anti-Eliten-Partei erstaunlich. Aber für Schulz keine Gefahr. In den Augen von Sozialdemokraten adelt es ihn erst recht: Er wäre der erste Kanzler ohne Abitur.

Ein weiter Weg zum Kanzleramt

Dahin ist es freilich ein weiter Weg, und für den muss er sich erst einmal politisch aufstellen. Selbst Parteifreunde konnten oder wollten in den vergangenen Tagen nicht sagen, für welche Inhalte der Kandidat steht. Dabei ist er in der Bundespolitik durchaus verankert. Seit 1999 gehört er dem SPD-Präsidium an, so lange wie kein anderes Mitglied. Wenn die Parteiführung montags um ihre Positionen rang, saß er regelmäßig mit am Tisch. Debatten über die Mietpreisbremse oder den Mindestlohn sind ihm vertraut, doch als Europapolitiker brauchte er sich dazu öffentlich nicht festzulegen.

© dpa, reuters Schulz kündigt Wahlkampf um soziale Gerechtigkeit an

Schulz spricht in letzter Zeit oft über die Unsicherheiten im Arbeitsleben, die Nöte hart arbeitender kleiner Leute und die ungerechte Verteilung des Wohlstands. Im vergangenen Herbst entfachte er wahre Begeisterungsstürme bei einem Treffen der „Parlamentarischen Linken“. Es war ein wesentlicher Schritt zu seinem bundespolitischen Aufstieg. Doch werden Versuche scheitern, ihn selbst als Linken hinzustellen. Schulz gehört seit den neunziger Jahren zum Seeheimer Kreis, dem Bündnis konservativer und pragmatischer SPD-Politiker. Auch in der Fraktion der europäischen Sozialdemokraten, wo viele Sozialisten sitzen, war er immer ein Rechter. Im kleineren Kreis konnte er sich herrlich über Genossen aufregen, die große ideologische Reden schwingen, aber keinerlei Lösungen parat haben. Man vergaß dann leicht, dass er in derselben Partei ist.

Offen für Koalitionen

Schulz legt sich auf keine Koalition fest. Das entspricht den Erwartungen der Abgeordneten, viele träumen von einem rot-rot-grünen Bündnis. Und die Parteibasis will endlich raus aus einer großen Koalition, in der sie nur Juniorpartner ist. Gabriel begründete seinen Rückzug auch damit, dass er als Vizekanzler an dieses Bündnis gekettet sei. Schulz soll einen neuen Anfang machen. Nur wie? Er ist zwar frei von jeder Kabinettsdisziplin, steht aber trotzdem wie kaum ein anderer für die große Koalition – in Europa.

© AP, reuters Schulz-Hoch bei der SPD

Dort organisierte er in den vergangenen zweieinhalb Jahren eine Zusammenarbeit mit den christlichen Demokraten, wie es sie noch nie gegeben hatte. Wenn deren Fraktionschef Manfred Weber, ein CSU-Mann, etwas Wichtiges von den Genossen wollte, wandte er sich nicht etwa an deren Fraktionsführer, einen linken Italiener. Vielmehr schaltete er Schulz ein, den Parlamentspräsidenten – denn der genoss genügend Rückhalt in der Fraktion, um Kompromisse zu schmieden. Beide organisierten so die parlamentarische Mehrheit für Vorstöße der EU-Kommission. Im Gegenzug wurden sie über eine Art Koalitionsausschuss in alle strategischen Entscheidungen vorab eingebunden. So hatte Schulz es mit Kommissionspräsident Juncker nach der Europawahl vereinbart, bei der sie als Spitzenkandidaten gegeneinander angetreten waren. Das war eine Annäherung ans Regieren, wie es in Deutschland üblich ist; die Regierung wird von der Mehrheit der Abgeordneten getragen. Nur eines passte nicht: dass ausgerechnet der Parlamentspräsident das wichtigste Scharnier der Macht bildete.

An vielen wichtigen Entscheidungen beteiligt

Schulz war an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt. Er machte den Griechen klar, dass sie nur im Euro bleiben können, wenn sie sich an ihre Verpflichtungen halten. Mit Eurobonds winkte er da nicht mehr. Er setzte sich für die faire Verteilung von Flüchtlingen nach Quoten ein und für das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei. Er verteidigte die Freihandelsabkommen mit Kanada und den Vereinigten Staaten – immer gegen den Widerstand der Linken. Schulz handelte als verlängerter Arm seines Freundes Juncker, beide stimmten sich eng mit der Kanzlerin in Berlin ab. Zwischen Merkel und Schulz bildete sich ein Vertrauensverhältnis. Sie lud ihn öfter ins Kanzleramt ein; er organisierte gemeinsame Abendessen mit dem französischen Präsidenten.

Als Schulz im Herbst um eine weitere Amtszeit an der Spitze des Parlaments kämpfte, setzte er seine Hoffnungen auf Merkel. Die Kanzlerin entscheide über seine Zukunft, orakelte er. Sie werde die Konservativen in Europa schon davon überzeugen, dass er – wider alle Absprachen – im Amt bleiben könne, glaubte Schulz. Denn so würde sie ihn sich als Konkurrenten bei der Bundestagswahl vom Leib halten. Merkel unternahm aber nichts dergleichen. Nun fordert er sie heraus – und trägt die ganze gemeinsame Geschichte mit sich herum. Flüchtlinge, Türkei, Euro: Bei keinem dieser Themen kann er Merkel glaubwürdig angreifen. Es ginge auch gegen seine eigenen Überzeugungen. Schulz will eine Brandmauer gegen den Populismus bauen und so verhindern, dass immer mehr Sozialdemokraten zur AfD überlaufen. Er wird den Nationalismus geißeln und für ein starkes, einiges Europa werben. Ob das zieht? Es ist ein Wagnis. Aber wenn einer wirklich für Europa glüht und mit seiner eigenen Geschichte dafür einstehen kann, dann Martin Schulz.

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Quelle: wahlrecht.de
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