18.10.2008 · Sechs Wochen nach dem Sturz Kurt Becks stehen Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier als neues SPD-Führungsduo fest. Wird dieses Tandem zusammen seine Bahnen ziehen oder an den Egos scheitern?
Von Markus Wehner, BerlinDa stehen sie: F und F, Frank und Franz, die Stars der Sozialdemokratie. Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat, und Franz Müntefering, der Parteichef. Nach Monaten der Qual sollen sie der SPD den Schmerz nehmen. Die Partei soll jetzt wieder aufdrehen, fortissimo. FF eben.
Der Jubel ist groß an diesem Samstag. Sechs Minuten Applaus im Stehen für den Kandidaten nach einer gelungenen Marathon-Rede. „Wir, die SPD, sind wieder im Spiel“, hat er gerufen. Gerhard Schröder reckt den Daumen in die Luft, drückt seinen ehemals engsten Mitarbeiter an sich. Gut 95 Prozent der knapp fünfhundert Delegierten nominieren Steinmeier zu dem Mann, der im nächsten Jahr Angela Merkel herausfordern soll.
Zwei vom selben Stern
Für Zweifel ist auf dem Krönungsparteitag kein Platz. Doch es gibt sie. Wird es diesmal gutgehen mit Franz, dem Sturen, der „das schönste Amt nach Papst“ vor drei Jahren wegwarf, wegen einer läppischen Personalfrage? Kann Frank, wie ihn enge Parteifreunde nennen, der Kanzlerin nicht nur rhetorisch den Schneid abkaufen, sondern auch den Amtsbonus abjagen? Und: Wird dieses Tandem zusammen seine Bahnen ziehen? Oder wird es noch ein Duo „Ich+Ich“, gescheitert an den Egos, wie so oft in der Geschichte der SPD?
Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering sind gewiss vom selben Stern. Bodenhaftung garantiert ihre geographische Herkunft: Sauerland und Ostwestfalen. Die Geburtsorte liegen nur gut hundert Kilometer voneinander entfernt. Beide stammen aus eher kleinbürgerlichen als proletarischen Elternhäusern, auch wenn Steinmeier auf dem Parteitag von „uns Arbeiterkindern“ spricht. Münteferings Vater war Landwirt, die Mutter Hausfrau, Steinmeiers Papa Tischler, die Mama Fabrikarbeiterin. Beide sind im Januar geboren, im Zeichen des Steinbocks. Pflichtbewusste, pragmatische Charaktere sind das, sagt die Astrologie, zielstrebig und erfolgsorientiert.
Ihr langer Weg nach oben unterscheidet sich, allein wegen der Generationen. Als Müntefering, das Einzelkind, 1956 mit 16 Jahren schon im zweiten Jahr Industriekaufmann lernt, wird Steinmeier geboren. Zehn Jahre später tritt der aus tiefkatholischem Haus stammende Sauerländer in die SPD ein. Zwanzig Jahre lang geht er brav in die Firma arbeiten, lebt lange „eine Art Doppelleben“ zwischen langweiligem Beruf und Freizeit, in der er Literatur verschlingt, Camus und Dostojewski, linke Zeitschriften liest, selbst düstere Kurzgeschichten schreibt. Mit 35 Jahren wird er Bundestagsabgeordneter.
Aktiv, aber unauffällig
Der bibelfeste Reformierte Steinmeier tritt damals, Mitte der siebziger Jahre, in die SPD ein und beginnt mit dem Jurastudium in Gießen. Als „Erster in meiner Familie und als einer der Ersten im Dorf“, so sagt er in seiner Parteitagsrede, habe er Abitur gemacht. „Ohne sozialdemokratische Bildungspolitik stünde ich jetzt nicht hier.“ Steinmeier ist ein Post-Achtundsechziger. Im Studium ist er Mitglied in der gleichen Juso-Hochschulgruppe wie die heutige Justizministerin Brigitte Zypries. Dort diskutiert man, schreibt Papiere, geht auf Demos, klebt Plakate. Aktiv, aber unauffällig.
Unauffällig bleibt in Bonn viele Jahre auch der wohnungsbaupolitische Sprecher der Fraktion Müntefering. Erst 1991 wird er Parlamentarischer Geschäftsführer, in den Parteivorstand der SPD gewählt. Damals beendet Steinmeier, mit 35, seine Doktorarbeit über Obdachlosigkeit.
Steinböcke, so heißt es, sind Spätzünder. Müntefering bringt seine Ochsentour durch die SPD 1992 mit fast 53 Jahren in das Amt des Landesministers für Arbeit in Düsseldorf. Noch Ende der neunziger Jahre wird er als einer beschrieben, der schlechte Anzüge trage, zwischen Pils und Zigarette Floskeln von sich gebe, zum Redner nicht tauge und sich nichts Schöneres als den Posten des Generalsekretärs vorstellen könne. All das hat er widerlegt. Vom Minister bis zum Fraktions- und den Parteivorsitzenden hat er seitdem fast alles gemacht. Länger als drei Jahre hat es ihn nirgendwo gehalten. Niederlagen gab es viele. Geschadet haben sie ihm kaum.
Von der Dachkammer ins Kanzleramt
Steinmeier beginnt Anfang der Neunziger seine Karriere in Hannover in der Dachkammer der Staatskanzlei, wo er als Medienreferent sitzt. Schnell wird er Büroleiter Schröders, Abteilungsleiter, dann Chef der Staatskanzlei. Nach dem Sieg von Rot-Grün im Bund wird er mit 43 Jahren Chef des Kanzleramts. Das ist seine Ochsentour, die der unauffälligen Administration. „Ich habe das Kanzleramt von innen gesehen und ich weiß, was auf mich zukommt“, sagt er am Samstag.
Rot-Grün führt die Wege beider eng zusammen. Mehrmals wöchentlich treffen sich der SPD-Generalsekretär und der Kanzleramtschef, um die Regierungsgeschäfte mit der Partei abzustimmen. Nicht immer sind sie einer Meinung. Aber sie bekriegen sich nie. Ihr Umgang ist von Nüchternheit geprägt, aber auch von Respekt füreinander. Als die Agenda 2010 in der SPD durchgesetzt werden soll, wird ihr Arbeitsverhältnis noch enger.
Ihr Führungsstil ist indes völlig verschieden. Steinmeier ist im Kanzleramt als „Mister Effizienz“ erfolgreich, weil er auf Leute zugeht, den Dialog sucht, Kompromisse schmiedet. Als Teamspieler versteht er sich auch heute. Enge Mitarbeiter fordert er zum Widerspruch auf. In der Partei hat er sich ein Netzwerk geschaffen.
Gemeinsam gegen Beck
Müntefering ist das Gegenteil. Der SPD-Chef meidet tieferen persönlichen Kontakt. Er hat jetzt seine verdienten Offiziere um sich geschart, die dafür sorgen, dass die Befehlsstränge funktionieren. Genossen, die einen Vertrauten von ihm suchten, der mit Müntefering ein offenes Wort unter vier Augen sprechen könnte, fanden keinen. Als Schröder in einem Interview bekennt, er hätte Müntefering gern als Freund, antwortet jener, er sei „nicht so der Kumpeltyp“. Das ändert nichts daran, dass der Kanzler für ihn immer der Erste blieb. Bis Schröder sich durch seinen Fernsehauftritt am Wahlabend 2005 selbst aus dem Spiel bringt. Dann steuert Müntefering schnell die große Koalition an. Und macht Steinmeier zum Außenminister.
Der hält Müntefering für ein politisches Naturtalent, das er, das die SPD nutzen muss. Als Müntefering vor einem Jahr als Minister und Vizekanzler zurücktritt, um seine kranke Frau zu pflegen, reißt der Kontakt zu Steinmeier nie ab. Über Politik wird wenig gesprochen. Erst als Müntefering nach dem Tod seiner Frau seine Rückkehr ankündigt, macht Steinmeier seinen Schachzug gegen den damaligen SPD-Chef Kurt Beck. Indem er darauf besteht, Müntefering müsse im Wahlkampfteam an herausgehobener Stelle dabei sein, hat er schon gewonnen. Beck hätte die Bedingung ablehnen und selbst kandidieren müssen. Doch das geht nicht mehr. Am Schwielowsee, nach dem Rücktritt Becks, setzt Steinmeier nur noch den Punkt auf das i. Er macht Müntefering zum Parteichef.
Anders als bei Schröder und Lafontaine geht es bei der neuen SPD-Dwoika nicht darum, wer die Nummer eins ist. Müntefering will, so sagt er jedenfalls schon lange, nicht Kanzler werden; Steinmeier - auf absehbare Zeit - nicht Vorsitzender. Das könnte wichtiger sein als die Männerfreundschaft, die es mit Müntefering nicht geben kann und die im Zweifelsfall nicht hilft. Müntefering hat sich in den vergangenen Wochen zurückgenommen, obwohl er topfit ist, worauf er Wert legt. Müntefering will Steinmeier nicht die Show stehlen. Das tut er auch am Samstag nicht, obwohl er weiß, dass er die Partei anders bewegen, ja mitreißen kann.
Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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