07.02.2004 · Müntefering gibt bei seinem ersten Auftritt als Parteivorsitzender in spe in Arnstadt den Handwerker, den Parteipädagogen, den Karrenzieher und vor allem den Antreiber.
Von Thomas Schmid, ArnstadtEtwas ist neu hier und anders. Doch Wolfgang, der bullige IG-Metaller im roten Pullover, hat es noch nicht gemerkt. Als er an der Reihe ist, tritt er vors Mikrophon und poltert los, alte Schule, das ganze Programm. Schröder sei ein Kanzler der Bosse, die SPD müsse wieder sozial werden, es ärgere ihn, daß sie die Unternehmer mit Glacehandschuhen anfasse: "Wenn sie ins Ausland abwandern wollen - sollen sie doch, ich weine ihnen keine Träne nach." Beifall.
Franz Müntefering ist der Star des Abends. Er vertritt vor 500 Sozialdemokraten in der Stadthalle von Arnstadt den Noch-Parteivorsitzenden, der eigentlich angekündigt war. Der Parteivorsitzende in spe blickt streng und schweifend in den Saal, das leicht Clowneske, das er bis vor kurzem pflegte, ist fast verflogen. Und Wolfgang kriegt es zurück, ziemlich massiv. Zwar lobt er die Genossen aus der thüringischen Diaspora am Ende der mehr als drei Stunden andauernden Veranstaltung als "ein diskussionsfreudiges Völkchen" - doch was der Wolfgang gesagt habe, gehe zu weit: Es ärgere ihn, daß sich unter Sozialdemokraten "die Lust breitmacht, einfach loszupöbeln".
Traditionspfleger und Neuerer
Der stärkste Mann der SPD, Traditionspfleger und Neuerer in einer Person, sagt nichts Neues. Doch was er in den letzten Monaten und Wochen auf vielen Regionalkonferenzen in immer gleichen Wendungen, Bildern, Späßen und milden Publikumsbeschimpfungen vorgetragen hat, bekommt nun - wo er seit sechs Stunden Schröders Erbe ist - einen schärferen Ton, wird unnachsichtiger: nicht gegen den politischen Gegner, sondern vor allem gegen die eigenen Leute.
Man hätte vermuten können, Müntefering werde sich ins Modell von "Arbeitsteilung" fügen: der Kanzler fürs unpopuläre Reformieren, Müntefering fürs Streicheln, Überlisten und Hinters-Licht-Führen der roten Seele. Genau das tut er aber nicht. Es ist üblich, daß auf solchen Versammlungen Parteiprominenz und Basis beharrlich aneinander vorbeireden. Hier ist es nicht anders: Müntefering spricht von leeren Kassen, die Lehrerin preist als Zauberlösung mehr Geld und Lehrer für die Schulen an; Müntefering doziert, der Staat könne keine Arbeitsplätze schaffen, der 55 Jahre alte Arbeitslose rät seiner Partei, doch endlich welche zu schaffen, und ein anderer wirbt für die Idee, Arbeitsplätze dadurch zu schaffen, daß man bestehende - unrentable - Arbeitsplätze umsichtig bewahrt. Es wäre für Müntefering ein leichtes, solchen Widersprüchen mit Taschenspielertricks auszuweichen. Doch dieser neue Müntefering, der blitzschnell zur neuen Rolle des Parteipatriarchen gefunden hat, sucht geradezu den Konflikt. Keine Torheit, keine wirtschaftspolitische Phantasterei, keine rabulistische Verhöhnung der Demokratie, keine ostalgische Haßattacke auf den Westen läßt er durchgehen. Wer die Kuh melken wolle, müsse sie füttern, zitiert er den hier nicht sonderlich geschätzten Sozialdemokraten Karl Schiller, um hinzuzufügen: "Das ist nicht allen Sozialdemokraten sympathisch, aber es ist so!" Und manchmal läßt er ein wenig Ungeduld mit seinen lernlahmen Sozis durchblitzen: "Das habe ich jetzt wiederholt gesagt."
Müntefering steht wie eine Ein-Mann-Institution
Müntes Volkshochschule: Anders als der scheidende wirbt der zukünftige Parteivorsitzende nicht federnd und händeringend um sein Publikum, sondern steht wie eine Säule, wie eine Ein-Mann-Institution und verkündet Unabänderliches. Das Publikum, erst zögerlich-abwartend, später respektvoll überzeugt und gar ein wenig überschwenglich, erwartet von dem neuen alten Mann wenigstens ein paar Worte, die der geschichtsträchtigen Stunde gerecht werden. Ein "starker Fuhrmann" werde er sein, sagt einer, und ein anderer bedankt sich im Ostidiom dafür, daß der Führungswechsel in derart "kultivierter und kameradschaftlicher Form" vonstatten gegangen sei.
Doch als sei, Bebels Uhr im Auge, jetzt erst der wirkliche Ernst des Lebens ausgebrochen, verweigert sich Müntefering dem Pathos, gibt den Handwerker, den Karrenzieher, den Parteipädagogen und vor allem: den Antreiber. Dazu paßt die geschrumpfte Bedeutung des roten Schals, der vor kurzem noch auf jeder Versammlung einen Gag wert war: Heute spielt er eine Nebenrolle. Will sagen: keine Zeit für grelle Scherze. Als mehrere Diskussionsredner Schröder "ehemaligen Parteivorsitzenden" nennen und das so klingt, als habe der vor Jahren schon das Parteiamt abgegeben, nimmt Müntefering keine Korrektur vor, sondern blickt fein vor sich hin. Und ein wenig mischt er sogar Gift ins Schröder-Lob. Wie immer preist er den Kanzler für seine konsequente Irak-Politik - nutzt dies nun aber zur vorzeitigen Historisierung Schröders: Dafür sei ihm, sagt Müntefering nicht ohne Vergnügen, ein schöner Platz in den Geschichtsbüchern sicher.
Nichts ist selbstverständlich
Der Parteivorsitzende in spe gibt seinem Milieu kein Pardon. Der frohen Botschaft - etwa der, daß das demographische Problem, also das Älterwerden der Leute, keine Katastrophe, sondern doch ein Grund zur Freude sei - läßt er regelmäßig die Drohbotschaft folgen: Schluß mit dem Schlendrian, Schluß mit der Versorgungshaltung, Schluß mit Bedenkenträgerei und Technikfeindschaft! Er gibt sich als verständiger, aber strenger Seelsorger, der seinen Anvertrauten klarmacht, daß sie - hopp, hopp - belastbare Wesen sind. Dahrendorf, sagt er, irre, wenn er die Sozialdemokratie für überflüssig erkläre - denn nichts sei selbstverständlich: "Die Demokratie nicht, der Wohlstand nicht".
Das Immaterielle, die Demokratie - und im Schlußwort die Freiheit -, steht an erster Stelle, nicht das Materielle, also Wohlstand, Geld, Sicherheit und eine darauf gründende skeptische Zukunftsträgheit. Ein neuer Müntefering? Eher, gerade hier im sozialdemokratischen Stammland Thüringen, wo im Juni gewählt wird, ein ganz alter, einer, von dem - so ein Redner - "sozialdemokratische Stammwürze" ausgeht. Müntefering, einst Schröders Knappe und heute Herr und Knecht in einem, verkörpert wie vielleicht kein anderer einen Rest jener fernen Sozialdemokratie, die - bürgerliche Bildungsideale im Kopf - das moralische Niveau der Arbeiterklasse heben, sie von Flasche und Verlumpung wegbekommen und ihr regelmäßige Arbeit verpassen wollte. Er schlägt den Bogen von der arbeiteraristokratischen SPD zu einer noch nebulös bleibenden modernisierten SPD - und wendet sich, mit schauderndem Spott, von der Weichei-SPD der spätbundesrepublikanischen Toskana-Zeit ab.