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SPD Der Bauch gibt Schröder die zweite Chance

23.09.2002 ·  Gerhard Schröder darf es noch einmal machen - aber in welcher Rolle? Der Spaßkanzler ist out, mehr denn je ist der Kanzlerstaatsmann gefragt.

Von Thomas Reinhold, Berlin
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Spaßkanzler, Luftikus, Moderator, Verwandlungskünstler, Kanzlerstaatsmann, Konsenskanzler, Krisenmanager, Friedenskanzler, Machtmensch: Viele Etiketten sind Gerhard Schröder angeheftet worden. Die positiveren überwiegen. Mit einer Entscheidung aus dem Bauch haben die Deutschen ihm seine zweite Chance gegeben.

Spaßkanzler? Nicht nur als politischer Pendelschlag von rechts nach links ist der Wahlsieg Schröders vor vier Jahren gewertet worden, sondern auch als Häutung, als Befreiung von alten Deutungsmustern. Regieren mit Spaß, Rot-Grün als Inbegriff einer anderen Politik: Schröder bei „Wetten dass“, Schröder mit Kaschmirmantel und mit Zigarre - aber ohne ein „So wahr mir Gott helfe“ beim Amtseid.

Die Lässigkeit ist passé

Diese Lässigkeit, die im Siegestaumel anfangs oft an Selbstgefälligkeit grenzte, ist längst passé. Schröder ist vom Spaßkanzler zum Kanzlerstaatsmann geworden - nach der Wende von 1998 ein neuerlicher Stilwechsel in der Politik, den die Umstände diktiert haben, nicht der politische Gegner.

Verwandlungskünstler? Diese Abkehr vom öffentlichen Lebemann dürfte dem Bundeskanzler nicht schwer gefallen sein. Schröder ist kein Dogmatiker, Inhalte verfolgt er, um Mehrheiten zu organisieren und um sich durchzusetzen. Das gibt Raum für zwei Interpretationen. Die wohlwollende geht so: Schröders instinktsichere Wendigkeit, die Suche nach pragmatischen Lösungen, erleichtert ihm den Positionswechsel - eine Stärke, die es ihm erlaubt, Themen und Stimmungen „ohne ideologische Scheuklappen“ (Schröder über Schröder) aufzugreifen.

Mann ohne Eigenschaften?

Die weniger positive Lesart ist die: Schröder ist sprunghaft. Scheinbar spontane Intervention bei Holzmann oder Mobilcom einerseits, manchmal krampfhaft rigider Sparkurs andererseits. So gelang es der Opposition, ihm Schwäche zu unterstellen, weil er die Grundsatzdebatte scheute. Kanzler Schröder, angreifbar als Mann ohne Eigenschaften. Seine zweite Chance besteht auch darin, diesen Makel abzulegen.

Konsenskanzler? Eines seiner Markenzeichen blieb bis zum Schluss die Suche nach dem breiten gesellschaftlichen Konsens, der seine Arbeit tragen sollte. Das hat nicht immer funktioniert, wie im Bündnis für Arbeit, hat in wichtigen Momenten aber einen erdrückenden Charme bewiesen, der die Opposition zur Weißglut treiben konnte. Dazu gehört die geschickte Berufung der CDU-Politikerin Rita Süssmuth an die Spitze der Zuwanderungskommission oder die des vordergründig unabhängigen VW-Personalchefs Peter Hartz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und sogar die Aktivierung von Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker für das Kuratorium Fluthilfe. Hier hat Schröder alle Seiten eingebunden - und wie nebenbei sich selber stark gemacht.

Die Flut spülte ihn nach oben

Kanzlerstaatsmann? Während der Elbe-Flut erwies sich Schröder als ausgesprochener Krisenmanager. Ironischerweise geriet er damit ganz plötzlich in die Rolle des „ernsten Mannes für ernste Zeiten“, in der Stoibers Wahlkampfmanager Michael Spreng seinen Kandidaten-Zögling so gerne zeichnete. Schröder, der Volkskanzler, kam in Gummistiefeln, richtete Krisenstäbe ein, verkündete schnelle finanzielle Hilfe.

Der Kumpelkanzler

Schröder war an der Elbe, Stoiber im Urlaub auf Juist. Schröder, der Macher, verschob eine Steuerreform und drängte die Banken moralisch zur Hilfe. Das erste emotionale Thema des Wahlkampfs war geboren. Diese Gelegenheit ließ sich Schröder nicht entgehen, doch er vermied Arroganz: Zufälle der Politik würden in der Öffentlichkeit gerne als politische Strategie bewertet, wehrte er ab - und hatte mit dieser unprätentiösen Offenheit auch noch als Kumpelkanzler gewonnen.

Friedenskanzler? Machtmensch? Es gab noch ein Bauchthema. Dass es ausgerechnet Sozialdemokraten und Grüne waren, die deutsche Soldaten in Auslandseinsätze schicken mussten, ist eine Laune der Geschichte - eine, die Schröder lange als Ungerechtigkeit empfinden musste, die er aber doch noch ins Positive wenden konnte. Nach dem 11. September sicherte der Kanzler sein Versprechen der uneingeschränkten Solidarität mit der Vertrauensfrage ab.

An Glaubwürdigkeit gewonnen

Die Koalition, vor einem Jahr noch zum Zerreißen gespannt, gewann in der aktuellen Debatte um einen Krieg mit dem Irak gerade deshalb an Glaubwürdigkeit, weil sie gezeigt hatte, dass sie eben nicht kategorisch „Nein“ sagt, der eigenen Klientel wegen. Stattdessen ist sie bereit zu differenzieren - und sei es um der Macht willen. Solidarität ja, Abenteuer nein - das ist so leicht nachvollziehbar, dass sogar CSU-Landesgruppenchef Michael Glos sich der Formel bediente, bevor sie der Kanzler für sich reklamierte.

Gerhard Fritz Kurt Schröder, geboren als Sohn eines Hilfsarbeiters am 7. April 1944, kaufmännische Lehre, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Jura-Studium, Rechtsanwalt, Juso-Vorsitzender, Ministerpräsident, Bundeskanzler. Ein Junge, der sich ganz nach oben geboxt hat. Ein Mann mit Brüchen im Leben. Einer, der damit den Alltagserfahrungen der Menschen entspricht. Auch deshalb kommt er in die zweite Runde. Die Deutschen haben mit dem Bauch entschieden.

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