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Sparen im Bistum Trier "In der Gesellschaft präsent bleiben"

12.07.2004 ·  Sparpläne für eine Zeit sinkender Kirchensteuereinnahmen: Das Bistum Trier denkt um / Von Daniel Deckers

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Seit gut einem Jahrzehnt stagniert das Kirchensteueraufkommen, inzwischen sinken die Einnahmen aus der Kirchensteuer auf breiter Front. Hohe Dauerarbeitslosigkeit, Mindereinnahmen aufgrund der Steuerreformen der Bundesregierung, aber auch die etwa 100 000 Kirchenaustritte im Jahr und ein Sterbeüberschuß, bei dem etwa im Bistum Magdeburg eine Taufe auf zwei Beerdigungen kommt, lassen nicht erwarten, daß sich diese Entwicklung noch einmal umkehrt.

Wie und woran gespart wird, ist indes von Bistum zu Bistum unterschiedlich. Das Erzbistum Berlin machte in den neunziger Jahren Schulden und stand vor knapp zwei Jahren vor der Insolvenz. Hals über Kopf wurde unter Zuhilfenahme der Unternehmensberatung McKinsey ein Sanierungsplan entworfen und vollstreckt. Gemeinden wurden zusammengelegt, Hunderte Mitarbeiter entlassen. Ein Ende der Finanzkrise ist nicht abzusehen, da die Einnahmen weiterhin hinter den Erwartungen zurückbleiben. Im Bistum Aachen wurden Gelder, die in einem Ausgleichsverfahren anderen Diözesen zustanden, nicht in den Haushalt eingestellt. Auch hier mußten binnen weniger Monate Entscheidungen getroffen werden, die eigentlich langfristige Planungen und sorgfältige Beratungen erfordern. Im Erzbistum Bamberg genügte sogar eine Wochenendklausur, und Erzbischof Schick verkündete den Verzicht auf die Ausbildung und Einstellung von Laientheologen.

Zehn Prozent der Ausgaben müssen auf Dauer gespart werden

Auch im Bistum Trier geht es in diesen Wochen hoch her. Jugendverbände sehen ihre Zukunft gefährdet, der Katholikenrat erblickt in den geplanten Einsparungen in Kindergärten Ungerechtigkeiten, Studenten der Katholischen Fachhochschule Saarbrücken fürchten um ihre Studienplätze, und Einrichtungen der offenen Schülerarbeit in Lebach und Völklingen sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Grund ist ein Vorschlag einer Kommission aus Repräsentanten der Bistumsverwaltung, einiger Institutionen und Pfarreien, im Bistumsetat annähernd zehn Prozent der Ausgaben oder rund 30 Millionen Euro auf Dauer einzusparen.

"An diesem Ziel führt kein Weg vorbei", urteilt Generalvikar Werner Rössel, der seit gut einem Jahr die Sparkommission des Bistums leitet. Rössel kennt sich aus. Er war schon im Amt, als die Ausgaben des ältesten, etwa 1,6 Millionen Katholiken zählenden Bistums in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre infolge der wirtschaftlichen Rezession zum ersten Mal begrenzt werden mußten. Als wenig später zahlreiche Sozialeinrichtungen wegen krimineller Machenschaften des geschäftsführenden Vorstands der vom Bistum unabhängigen Caritas-Trägergesellschaft Trier (ctt) in Schwierigkeiten gerieten, stand Rössel an vorderster Front derer, die den Schaden begrenzen halfen.

Jetzt wurde der Bistumsetat des Jahres 2003 in vierzehn ganztägigen Sitzungen Posten für Posten durchforstet, um die Ausgaben auf Dauer den sinkenden Einnahmen anzupassen und Notlagen wie in Berlin, Aachen oder Bamberg gar nicht erst entstehen zu lassen. Ende April unterbreitete die Kommission Bischof Reinhard Marx und der gesamten Bistumsleitung eine Liste mit Sparvorschlägen. Am 21. April wurden sie veröffentlicht und allen diözesanen Räten sowie der Gesamt-Mitarbeitervertretung des Bistums zur Stellungnahme vorgelegt. Eine endgültige Entscheidung soll nach dem Ende der Anhörung der Mitarbeitervertretung fallen, womöglich noch in diesem Monat.

Daß es trotz dieses planvollen und auf Beteiligung angelegten Verfahrens zu Protesten kommt, erschüttert Rössel nicht. Er kommt selbst aus der Jugendverbandsarbeit und kennt die Mentalität vieler "Hauptamtlicher". Um so mehr hält er es für geboten, die Zuweisungen an die Jugendverbände anhand der tatsächlichen Mitgliederzahl und der jeweils erforderlichen Verbandsstruktur neu zu berechnen. Eher ist er enttäuscht, daß es in einigen Einlassungen "nicht sonderlich fair" zugeht. Wenn etwa mit dem Finger auf die katholische Fakultät und das Priesterseminar und gleich auch noch auf das Dom-Museum gezeigt wird, dann will Rössel diese Einrichtungen nicht zum Tabu erklären. Aber andere Institutionen und Aufgabenfelder müßten eher zur Disposition gestellt werden als diese, sagt er.

Es muß ein Umdenken einsetzen

Rössel macht keinen Hehl daraus, daß mit dem Trierer Sparkonzept ein Umdenken einhergeht - und einhergehen muß, obwohl die Finanzen des Bistums ihrer Struktur nach gesund sind. "In den siebziger Jahren haben sich die Kirchengemeinden noch um jeden Kindergarten und jede neue Gruppe gerissen", erinnert er sich - so lange, bis ein Fünftel des Kirchensteueraufkommens allein in die Kindergärten flossen. Während der ersten Sparrunde im Jahr 1997 wurde der Bistumsanteil an den Kosten der Träger auf elf Prozent festgeschrieben. Inhaltlich überprüft wurde das Engagement der Diözese auf diesem Sektor noch nicht. Wenn die Kommission nun vorschlägt, die Betriebs- und Personalzuschüsse für die insgesamt 567 katholischen Kindergärten um 5,1 Millionen Euro oder gut 21 Prozent zu senken, dann nur, um die Zahl der Kindergärten der sinkenden Zahl (katholischer) Kinder anzupassen - ein Monopol katholischer Einrichtungen in einem zunehmend pluralen Umfeld könne wohl kaum sinnvoll sein, sagt der Generalvikar. Daher bedeute die Aufgabe von Trägerschaften auch nicht den Rückzug der Kirche aus der Gesellschaft. Bei weitem, so Rössel, werde die katholische Kirche auch in Zukunft der größte Träger von Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz und im Saarland sein.

Einen Rückzug der Kirche aus der Gesellschaft kann Rössel auch nicht darin erkennen, daß das Bistum auf absehbare Zeit keine Schulträgerschaften mehr übernehmen kann - obwohl die Nachfrage etwa nach einem Platz an einem katholischen Gymnasium auch im Bistum Trier das Angebot bei weitem übersteigt. Um so wichtiger sei die Entscheidung, wie und wofür Geld ausgegeben wird. In der Bistumsverwaltung etwa werden Einsparungen von annähernd zwei Millionen Euro nach dem Sommer mit einem Organisationsentwicklungsprozeß einhergehen. Ein ähnlicher Prozeß steht auch den Pfarrgemeinden bevor, denn sie beschäftigen nicht nur Tausende Mitarbeiter, sondern besitzen auch die meisten kirchlichen Immobilien. Die Baulast, die damit verbunden ist, wird in den kommenden Jahrzehnten nicht sinken, sondern rapide wachsen.

Integrierte Ganztagsschule mit Musikangebot

"Wir wollen mit der Kostensenkung den Mitarbeitern immer auch Angebote machen", kommentiert der Generalvikar selbstbewußt. Doch wie soll es funktionieren, "in der Gesellschaft präsent zu bleiben und die kirchlichen Einrichtungen weiter zu qualifizieren"? Rössel ist um ein Beispiel nicht verlegen. Um dem stetig steigenden Interesse von Kindern aus der Umgebung an der Mitwirkung in den Ensembles der Trierer Dom-Musik entgegenzukommen, werde beispielsweise vom kommenden Schuljahr an eine katholische Grundschule zu einer integrierten Ganztagsschule ausgebaut. Über dieses Projekt denkt Rössel freilich nicht nur als Generalvikar nach. Nach dem Ende seiner Amtszeit im Dezember wird er es auch in seinem neuen Amt als Dompropst begleiten, in welches er in der vergangenen Woche eingeführt worden ist.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2004, Nr. 159 / Seite 4
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