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Veröffentlicht: 17.07.2002, 15:39 Uhr

Spanien und Marokko Duell um die „Petersilien-Insel“

Viel Aufregung um einen Felsbrocken und ein paar Ziegen: Warum der Insel-Streit zwischen Spanien und Marokko eskaliert ist. Analyse und Bild für Bild.

von Peter Schumacher
© AP Felseninsel Perejil: Spanien und Marokko im Streit

Am Mittwoch um 6.15 Uhr fand der Streit um die „Petersilien-Insel“ vor der Küste Marokkos einen vorläufigen Höhepunkt: Spanische Eliteeinheiten vertrieben die marokkanischen Soldaten, die in der vergangenen Woche ein Camp auf dem Eiland aufgeschlagen hatten.

Wem gehört denn nun die „Petersilien-Insel“? Für Rajma Lachili ist die Antwort klar: „Meinen Ziegen.“ Die alte Frau lebt 200 Meter von dem umstrittenen Eiland entfernt am marokkanischen Festland und lässt ihre kleine Herde seit Jahrzehnten auf der Insel weiden. Die Sauermilch der Ziegen sei ein unvergleichliches Lebensmittel, lässt sie Reporter wissen, die sich seit einigen Tagen für das 13,5 Hektar große Inselchen Perejil interessieren.

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Seit am Donnerstag voriger Woche ein Dutzend marokkanischer Soldaten mit Zelten und Landesflagge auf die Insel übersetzte, ist das unbewohnte Eiland zum Objekt der großen Politik geworden. Die spanische Regierung bildete ein Krisenkabinett und verlangte von Marokko „die Wiederherstellung der Situation vor den Ereignissen“. Die Nato nannte die Inselbesetzung einen „unfreundlichen Akt“. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi forderte den Abzug der Soldaten. Spaniens Ministerpräsident José Maria Aznar erntete im Parlament breite Zustimmung als er Marokko warnte: „Wir lassen uns nicht vor vollendete Tatsachen stellen.“ Die marokkanische Regierung wiederum holte sich Rückendeckung von der Arabischen Liga und spricht von „Kanonenbootpolitik“.

die insel © AP Vergrößern Perejil liegt nur 200 Meter vor der Küste - und damit in marokkanischem Hoheitsgewässer. Rabat beharrt darauf, dass die Insel mit der Unabhängigkeit 1956 an das nordafrikanische Königreich zurückgefallen sei.

Schweres Geschütz

Zum schweren diplomatischen Geschütz kam das militärische: Gleich sechs Kriegsschiffe und zwei U-Boote schickte Spaniens Marine in das Krisengebiet in der Meerenge von Gibraltar: Insgesamt rund 800 Soldaten. In der Exklave Ceuta wurden Elitetruppen stationiert, von Hubschraubern aus das Geschehen überwacht.

Das alles wegen einer Insel, von der vor einer Woche selbst Mitarbeiter des spanischen Außenministeriums nicht wussten, dass sie existiert - und die auf vielen Karten nicht einmal eingezeichnet ist. Selbst der Status der Insel ist keineswegs so eindeutig geklärt, wie die heftigen Reaktionen zunächst nahe legten. Die Regierung in Rabat beharrt darauf, dass das Eiland seit der Unabhängigkeit 1956 zu Marokko gehört. Spanien hatte allerdings bis in die 60er Jahre ein paar Soldaten auf Perejil stationiert. Madrid führt seine Ansprüche bis ins Jahr 1668 zurück, als die Insel von Portugal der spanischen Krone übergeben wurde.

Unterschlupf für Drogenschmuggler

Seit vier Jahrzehnten allerdings interessierte sich die Politik nicht für das Inselchen. In Verträgen, etwa über die Exklave Ceuta, taucht das Petersilien-Eiland nicht auf. Die Ziegen von Rajma Lachili konnten in Ruhe über die Felsen springen. Nur hin und wieder sollen Drogenschmuggler die Insel als Depot genutzt haben, marokkanische Fischer bei Unwetter Unterschlupf gesucht haben.

Jetzt kamen erst die marokkanischen Soldaten, dann wurden sie von Eliteeinheiten des spanischen Militärs vertrieben. Viel Aufregung wegen eines Felsbrockens mit ein paar Ziegen? Was die Züge einer Farce hat, hat einen ernsten Hintergrund, der die Nervosität auf beiden Seiten erklären kann. Zwischen Spanien und der Europäischen Union einerseits und Marokko andererseits gibt es genug Konfliktstoff: Flüchtlinge, Drogen, Fischereirechte. Das nordafrikanische Land ist wichtiger Stützpunkt für Schleuser, die Flüchtlinge vom afrikanischen Kontinent nach Europa bringen. Die „Festung Europa“ hat an der Meerenge von Gibraltar ein offenes Tor, durch das auch in Marokko angebautes Marihuana geschmuggelt wird. Dazu kommt ein seit Monaten schwelender Streit um Fischereirechte. Europa braucht Marokkos Kooperation, um diese Probleme zu lösen. Mit einem übermütigen Partner lässt sich aber nur schwer verhandeln.

Couscous für das Soldaten-Camp

Rajma Lachili kann den großen Konflikt um das kleine Eiland nicht verstehen. Gern erzählt sie, dass sie schon vor Jahrzehnten gekocht und Brot gebacken hat für die Soldaten auf der Insel. Für marokkanische, aber auch für spanische. Auch jetzt hatte das Versorgungsboot einige Portionen ihres Couscous an Bord, wenn es die campierenden Soldaten mit Nachschub versorgte. Den wachhabenden Soldaten an Land ist es nicht recht, dass die Reporter das erfahren. Wie sieht das auch aus: Die mutigen königlichen Truppen, die sich anschicken, der EU und der Nato zu trotzen, lassen sich von einer alten Frau bekochen.

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Quelle: wahlrecht.de
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